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Foto nordische Landschaft

14. März 2015

Anspruchsvoller postadoleszenter Mädelspop mit Hanna Järver

Schwedisch ist als Sprache in der Popmusik definitiv unterbewertet: Auf diese Idee könnte man glatt verfallen, wenn man »Ingenting Skrivet« lauscht, der neuen Single der schwedischen Nachwuchs-Chanteuse Hanna Järver. Übersetzt heißt das übrigens »nichts steht geschrieben«. Dass die Dinge in diesem Track, der zwischen anspruchsvollem postadolszenten Mädchenpop und komplizierten elektronischen Gefühlswelten flirrt, unbedingt in Bewegung sind: Das versteht man auch ohne jegliche Kenntnisse der Landessprache. Was hier den Unterschied macht, ist die Stimme der jungen Frau aus Stockholm. Heather Nova kommt als erste Referenzfigur in den Sinn, und zwar in ihren frühen Tagen, als sie noch so fabelhafte Songs wie »London Rain« schrieb. Aber zurück zu Frau Järver: Die Schwedin bewegt sich hier mit einiger Sicherheit durch Nebelschwaden, hinter denen sich die erstaunlichsten Dinge verbergen können. Und entzieht sich immer genau dann, wenn man sich festlegen will, dass diese Sounds doch stark an …… erinnern. Da fliegen Wolkenfetzen vorbei, die fast schon chansonesk klingen, ein wenig Lo-fi-Elektronik ist auch dabei, eine ganz kleine Prise Dancefloor für Introvertierte und natürlich die schwebende Sehnsucht des Pop. Passt gerade gut, wenn man leicht wehmütig aus dem Fenster schaut und über alles und nichts nachdenkt. Hanna Järver werkelt aktuell in ihrer kleinen Wohnung in der schwedischen Hauptstadt an ihrem ersten Album. Mit welchen ruhigen Überraschungen kann sie noch aufwarten?

Ach, und ein kleiner Tipp noch: Auf Frau Järver bin ich über die feine Site beehy.pe gestoßen, wo Musikkenner sich auf der ganzen Welt nach viel versprechendenTalenten umschauen. Besuch lohnt sich!

25. Februar 2015

Fragile Harmonien mit Linn Öberg

Bei diesen zarten Tönen möchte man kaum pusten, um das fragile Gebäude nicht zu gefährden! Die schwedische Singer-Songwriterin Linn Öberg hat eben ihr Debütalbum »WHEN YOU GO AWAY« vorgelegt und bewegt sich in einer zärtlich schimmernden blaugrauen Farbenwelt geschmeidig im Grenzland zwischen Alternative Pop und Americana-Folk. Unbedingt muss es hier dämmerig sein, damit die Gedanken genau dann auf Wanderschaft gehen können, wenn die festen Konturen langsam verschwinden. Eine feine Nachdenklichkeit irrlichtert durch diese Songs, eine grenzwertige Melancholie, die erfreulicherweise nie in Richtung Wehleidigkeit kippt. Eine kleiner Hauch von First Aid Kit schwingt mitunter durch diese Tracks, aber im Gegensatz zu ihren Landsfrauen, den Söderberg-Schwestern, ist Linn Öberg doch eher im verträumten, gitarrengeprägten Pop zuhause. Aber die Chanteuse kann auch anders: Im sehr beschwingten Track »Jump« nimmt sie zwischenzeitlich gehörig Fahrt auf! Um ziellos vertrödelte Tage und lange Spaziergänge geht es hier. Und um den unsentimentalen Blick zurück. Die Chanteuse aus Stockholm gibt sich verletzlich, gewährt Einblicke in persönliche Erfahrungen. Und sie lehrt uns im sehr feinen Track »Freediver« vor allem eines: Man muss Geduld haben! Denn es dauert hier einige Zeit, bis dieser Song endlich mit ausgebreiteten Schwingen abhebt und große Gefühle weckt!

(Foto: Christian Gradholt)

19. Februar 2015

Die Möglichkeit der Zärtlichkeit: Lymland

Es ist ein feiner Grat, auf dem Lymland balancieren. Schwebende Nachdenklichkeit und bittersüße Melancholie. Die an keiner Stelle in wirkliche Traurigkeit kippt. Aber die Seele schmerzt so schön zu diesen ruhigen, minimalistischen Instrumentalstücken, die tatsächlich keiner Worte bedürfen. Aktuell stapeln sich jede Menge neue Alben zum Besprechen um meine Musikanlage. Aber »RYMDAR«, das zweite Album von Sonja Perander und Jerker Kaj, ist die Scheibe, die am besten zu grauen Februartagen passt, um sie mit einer blassen Sonne zu erfüllen. Allein der wunderbare Track »Isbrytaren & Finländaren«, wenn diese emotionale Trompete einsetzt und ein flackerndes Feuerchen im Herzen entzündet! Das Album konnte natürlich nirgendwo anders als beim Malmöer Label A Tenderversion Recording erscheinen, das auch solch wunderbare Musiker wie Solander oder Mire Kay zu seinen Künstlern zählt.

Lymland erschaffen hier feine kleine Klanglandschaften. So könnte es nachts im Spielzeugmuseum klingen, wenn alle lästigen Besucher nach Hause gegangen sind und die Spieluhren und Kullerbälle endlich das tun können, was sie wollen: Sachte ein Schrittchen vor das andere setzen und mitunter einen flotten Hüpfer einfügen. Glockenspiel, Piano, Cello und Klarinette wagen die sanfte Revolution. Inspirieren lässt man sich übrigens vom eigenwilligen Traumtänzer-Kino des schwedischen Regisseurs Roy Andersson.

Zehn Tracks. Die verschiedene Stimmungen ausleuchten und dabei alle Möglichkeiten offenlassen. Aber immer die Möglichkeit der Zärtlichkeit offenlassen. Hach!

09. Februar 2015

Atemlos mit A Projection

Fort, fort mit der Besinnlichkeit, heute wollen wir so lange abtanzen, bis uns die Puste ausgeht! Mögen sich die Macher des Hamburger Indielabels Tapete Records gedacht, in deren Repertoire sich jede Menge ruhige Töne finden. Aber dieses Mal ist flotte Atemlosigkeit und unbekümmerte Jugendlichkeit angesagt, denn man hat die junge Stockholmer Indierockband A Projection unter Vertrag genommen. Diese Nachwuchskräfte haben gerade die Aufnahmen zu ihrem Debütalbum »EXIT« abgeschlossen und blicken selbstbewusst zurück in die glorreichen Tage des britischen Wave und pflegen dabei eine angenehm rotzige Punk-Attitüde. Und sind zudem dem dem melodienverliebten, synthieverliebten Powerpop nicht abgeneigt! Ihre feine Single »Young Days« hört sich jedenfalls so an, als hätten ihre Landsleute Peter Bjorn And John ihren Überhit »Young Folks« auf Speed geschrieben!

Klar, dass die sechs Jungs von A Projection die Welt in Schwarz-Weiß-Ästhetik sehen und ihre unbändige Lebenslust bevorzugt zur Dämmerstunde ausleben, wenn die Dinge so interessant zwischen verschiedenen Zuständen schwanken! Die Schweden punkten hier mit unbedingter Dringlichkeit. Man muss hier einfach mittanzen! Man könnte leicht vergessen, dass dieser Track viel zu präzise auf den Punkt gebracht ist, um ein reines Zufallsprodukt zu sein! Diese Leichtigkeit braucht Disziplin. Und dann trotzdem so zu klingen, als hätte man diesen Track in einer kurzen Nacht eben mal aus dem Ärmel geschüttelt – Chapeau! Die Single »Young Days« wird Ende Februar veröffentlicht. A Projection kommen aus diesem Anlass drei Gigs in Deutschland. Es könnte sich lohnen, hinzugehen!

27.02.15 Oldenburg – umBAUbar
28.02.15 Hamburg – Hit The North @ Astra Stube
23.05.15 Berlin – Schokoladen

20. Dezember 2014

School ‘94: Der bessere Britpop kommt aus Göteborg

Den guten alten Zeiten muss man nicht notgedrungen nachweinen, aber die 90er Jahre waren ein sehr feines Jahrzehnt für den Britpop. Was Herr Morrissey heute so von sich gibt, das muss man nicht alles mögen. Aber man darf solchen nahezu vergessenen Heroen wie den Sundays und ihrem zeitlosen Album »READING, WRITING AND ARITHMETIC« nachtrauern. Und deren wunderbaren Sängerin Harriet Wheeler. Um so aufmerksamer stellen sich nun die Ohren beim Hören der jungen schwedischen Band School ´94 hoch. Beim Quartett aus Göteborg um Sängerin Alice Botéus stehen nervöse, hochpräzise und melodische Indie-Gitarren im Mittelpunkt. Die so klingen, als seien die Nachwuchskräfte Ender der 70er irgendwo bei Johnny Marr um die Ecke aufgewachsen. Und da ist natürlich die helle, empfindsame Stimme von Botéus, die nicht wenig an die von Wheeler erinnert. Die Schweden changieren auf ihrer ziemlichen Eindruck hinterlassenden Debüt-EP »LIKE YOU« gekonnt zwischen Gefühl und Härte. Zwischen Schnoddrigkeit und Verträumtheit. Zwischen Verspieltheit und Trotz. Und so fühlt sich Jungsein doch irgendwie an: Denn was School ´94 kaum kaschieren, ist ihre ungeheure Euphorie über das eigene Spiel. Alles ist möglich, man muss es nur ausprobieren. Und einfach loslegen!

In Tracks wie »Clouds Aside« strebt man nach dem ganz großen Gefühl, ohne dabei zu dick aufzutragen. Wagt sich an herrliche Harmoniegesängen und lässt die die Gitarren dazu lärmen. »Nothing ist safe«, singt Botéus hier, und bringt damit die Dinge auf den Punkt. Aber natürlich wollen wir auch tanzen, und das lassen uns die Schweden mit dem schwer wave-inspirierten »So Long« und einem Bass, der Bäume zerlegen könnte. Aber mit am besten gefallen tut hier der Track »Head Over Here«, das superlebendig, hoch animiert und irgendwie sehr glücklich daherkommt. Ach, diese schwerelosen Spannungsbögen soll den Vieren mal einer nachmachen! Der Debüt-EP (ist bei Cascine erschienen) kann man zur Gänze via Soundcloud lauschen. Kann schon sein, dass wir 2015 noch von School ´94 hören werden!

 
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