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Foto nordische Landschaft

12. April 2015

Lichtblau schwebende Welten mit We Float

Ein Bandfoto, das stutzen macht: Drei Frauen, ein Mann. Üblicherweise ist die Sache umgekehrt: Die hübsche Sängerin, eingerahmt von ihren männlichen Bandkollegen. Bei We Float, dem Projekt um die norwegische Bassistin Anne Marte Eggen, sind die Dinge etwas anders: Filip Bensefelt ist für die Sektion Rhythmik zuständig, Dazu gesellen sich die sensible Pianistin Fanny Gunnarsson, der zurückgenommene Bass von Eggen und die schlafwandlerisch entrückte Stimme von Linda Bergström. Und jetzt denken wir mal eine halbe Sekunde darüber nach, warum das denn so ist: Dass die Band-Kombination »drei Männer, eine Frau« die Norm ist und die Kombination »drei Frauen, ein Mann« die absolute Ausnahme. Und darüber, was uns an Kreativität und Möglichkeiten verlorengeht, nur weil die Dinge eben so sind, wie sie sind. We Float jedenfalls sind nicht nur in Sachen Geschlechter-Stereotypen Grenzgänger: Das Quartett erkundet hier ohne jegliche Scheu vor puristischer Genretreue die Grauzonen zwischen sanften Electronica, coolem Jazz und poppiger Empfindsamkeit. Benannt haben sich die Vier übrigens nach einem PJ Harvey-Song. Und um die etwaige Verwirrung komplett zu machen: Anne Marte Eggen, die Jazz am Konservatorium in Malmö studiert hat, ist noch in verschiedenen Nebenprojekten aktiv, darunter im experimentellen Jazz-Quartett Kvalia and in der Folkjazztruppe Ljom. Bunter denken und bloß nicht nur in eine musikalische Richtung schauen, so könnte die Devise lauten!

We Float haben vor wenigen Tagen ihr Debütalbum »SILENCE« vorgelegt, auf dessen blauen Cover sich die großen Walfische tummeln. Die Band hat sich vom Wasser und dessen tiefen Geheimnissen inspirieren und kreiert im sehr feinen Track »Mysticeti« eine lichtblau schwebende Welt voller Geheimnisse. Klingt dabei puristisch und schwelgerisch zugleich. Ist ausufernd nachdenklich, aber mit weit ausgebreiteten Flügeln so. Verleitet zum schlauen Träumen. Schwelgt in präzisen Tagträumen und entzieht sich mühelos allen vorschnellen Vereinnahmungen. Dieser Band exakt passende Etiketten überzustülpen, das sollte man tunlichst unterlassen. Sondern lieber mit ihr abtauchen in sanfte, unbekannte Tiefen.

28. März 2015

Im eleganten Zwielicht mit Death And Vanilla

Manche Kinderbücher hinterlassen bleibenden Eindruck: Dazu gehört unbedingt Maurice Sendaks Klassiker »WO DIE WILDEN KERLE WOHNEN«. Das junge Malmöer Trio Death And Vanilla jedenfalls hat sein Debütalbum »TO WHERE THE WILD THINGS ARE« genannt und kreist elegant und geheimnisvoll um die Zeit nach dem offiziellen Schlafengehen, wenn die Dinge in der Dunkelheit plötzlich eine ganz neue Form annehmen können. Wenn die Nachttischlampe aus ist, kriechen die interessantesten Schatten aus den Ecken! Und nehmen uns vielleicht mit auf die interessantesten Reisen zwischen Tag und Traum! Genauso verhält es sich mit den Dreien aus der südschwedischen Hafenstadt, die einen schwebenden, angenehm verhuschten Dreampop pflegen, der schlafwandlerisch durch Schattenwelten gleitet. Ein Windhauch Psychedelik hilft hier dabei, dass wir auf angenehme Weise den Boden unter den Füßen verlieren. Und darüber schwebt die engelhaft zarte Stimme von Marleen Nilsson, die von ferne an Mazzy Star erinnert. Im sehr feinen Track »California Owls« halten Spielzeugsounds, 60ies-Pop-Ästhetik und schwarze Twin-Peaks-Romantik ganz einträchtig Händchen. Wenn hier zum Schluss die Vöglein zwitschern, so sind diese unbedingt rabenschwarz. Und die nicht enden wollende Melodie lockt: Komm doch mit, komm doch mit ins Unterholz, wo die festen Wege enden und phantastische Dinge passieren können! Death And Vanilla spielen den Soundtrack für Roadmovies, die im urbanen Zwielicht oder unter dichten Nadelwäldern spielen, wo vom hellen Himmel nur noch eine Andeutung übrigbleibt. »TO WHERE THE WILD THINGS ARE« kommt im Mai heraus und könnte bei den Alben des Jahres 2015 durchaus eine Rolle spielen!

Death And Vanilla – 'California Owls' from fire records on Vimeo.

18. März 2015

Auf dem Weg ins neue Jerusalem mit David Ahlén

Wenn ein Musiker so unterschiedliche Künstler wie Palestrina und My Bloody Valentine als seine Vorbilder nennt, stellen sich die Ohren schon einmal erwartungsfroh hoch. Wenn man dann noch liest, dass dieser Sänger als Sohn eines Priesters in einer Mennonitengemeinde aufwuchs, in den 90er Jahren Mitglied einer Folkrock-Band war und sich nun dem ebenso schwärmerischen wie bescheidenen Kammerpop zugewandt hat, dann lauscht man in David Ahléns zweites Album »SELAH« doch sehr aufmerksam. Und lässt sich von Falsettstimme und Gitarre gerne in ruhigere Gefilde entführen. Wo Verlangsamung, Ernsthaftigkeit und Innigkeit noch immer geholfen haben. Minimalistisch geht es hier zu, wenn sich der Sänger angenehm zurückhaltend mit Glaubensfragen auseinandersetzt. Für den normalen Konfirmandenunterricht aber eignen sich diese eigenwillig-sanften Töne dennoch nicht, die erfreulich kitschfrei daherkommen. Jesus muss hier ein bärtiger Waldschrat mit Gitarre sein, der in einem abgelegenen Pfarrhaus auf Gotland lebt. So wie David Ahlén selbst, der inzwischen in Visby wohnt und das Album auf seinem eigenen Label Mishkan herausgebracht hat. Via Bandcamp kann man diesem ruhigen, aber gleichwohl schwärmerischen Tönen lauschen. Und sich dabei daran an die Zeiten erinnern, als in den 70er Jahren die Jesus People die Rolle der harmlosen Spinner mit Leben erfüllten. Hymnen singen ist aber definitiv besser als anderen Leuten eins auf die Mütze zu geben. Der feine Track »Linger« jedenfalls ist von eigentümlicher Romantik und unterkühlter Üppigkeit. Möge die Harfe in der Popmusik bald eine größere Rolle spielen!

14. März 2015

Anspruchsvoller postadoleszenter Mädelspop mit Hanna Järver

Schwedisch ist als Sprache in der Popmusik definitiv unterbewertet: Auf diese Idee könnte man glatt verfallen, wenn man »Ingenting Skrivet« lauscht, der neuen Single der schwedischen Nachwuchs-Chanteuse Hanna Järver. Übersetzt heißt das übrigens »nichts steht geschrieben«. Dass die Dinge in diesem Track, der zwischen anspruchsvollem postadolszenten Mädchenpop und komplizierten elektronischen Gefühlswelten flirrt, unbedingt in Bewegung sind: Das versteht man auch ohne jegliche Kenntnisse der Landessprache. Was hier den Unterschied macht, ist die Stimme der jungen Frau aus Stockholm. Heather Nova kommt als erste Referenzfigur in den Sinn, und zwar in ihren frühen Tagen, als sie noch so fabelhafte Songs wie »London Rain« schrieb. Aber zurück zu Frau Järver: Die Schwedin bewegt sich hier mit einiger Sicherheit durch Nebelschwaden, hinter denen sich die erstaunlichsten Dinge verbergen können. Und entzieht sich immer genau dann, wenn man sich festlegen will, dass diese Sounds doch stark an …… erinnern. Da fliegen Wolkenfetzen vorbei, die fast schon chansonesk klingen, ein wenig Lo-fi-Elektronik ist auch dabei, eine ganz kleine Prise Dancefloor für Introvertierte und natürlich die schwebende Sehnsucht des Pop. Passt gerade gut, wenn man leicht wehmütig aus dem Fenster schaut und über alles und nichts nachdenkt. Hanna Järver werkelt aktuell in ihrer kleinen Wohnung in der schwedischen Hauptstadt an ihrem ersten Album. Mit welchen ruhigen Überraschungen kann sie noch aufwarten?

Ach, und ein kleiner Tipp noch: Auf Frau Järver bin ich über die feine Site beehy.pe gestoßen, wo Musikkenner sich auf der ganzen Welt nach viel versprechendenTalenten umschauen. Besuch lohnt sich!

25. Februar 2015

Fragile Harmonien mit Linn Öberg

Bei diesen zarten Tönen möchte man kaum pusten, um das fragile Gebäude nicht zu gefährden! Die schwedische Singer-Songwriterin Linn Öberg hat eben ihr Debütalbum »WHEN YOU GO AWAY« vorgelegt und bewegt sich in einer zärtlich schimmernden blaugrauen Farbenwelt geschmeidig im Grenzland zwischen Alternative Pop und Americana-Folk. Unbedingt muss es hier dämmerig sein, damit die Gedanken genau dann auf Wanderschaft gehen können, wenn die festen Konturen langsam verschwinden. Eine feine Nachdenklichkeit irrlichtert durch diese Songs, eine grenzwertige Melancholie, die erfreulicherweise nie in Richtung Wehleidigkeit kippt. Eine kleiner Hauch von First Aid Kit schwingt mitunter durch diese Tracks, aber im Gegensatz zu ihren Landsfrauen, den Söderberg-Schwestern, ist Linn Öberg doch eher im verträumten, gitarrengeprägten Pop zuhause. Aber die Chanteuse kann auch anders: Im sehr beschwingten Track »Jump« nimmt sie zwischenzeitlich gehörig Fahrt auf! Um ziellos vertrödelte Tage und lange Spaziergänge geht es hier. Und um den unsentimentalen Blick zurück. Die Chanteuse aus Stockholm gibt sich verletzlich, gewährt Einblicke in persönliche Erfahrungen. Und sie lehrt uns im sehr feinen Track »Freediver« vor allem eines: Man muss Geduld haben! Denn es dauert hier einige Zeit, bis dieser Song endlich mit ausgebreiteten Schwingen abhebt und große Gefühle weckt!

(Foto: Christian Gradholt)

 
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