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Foto nordische Landschaft

22. Juli 2010

Nicht schreien, flüstern: Prince of Assyria

Nach der langen, ferienverbummelten Blogpause zumindest eine kleine, feine Erkenntnis nicht vorenthalten wollen: Die leisen, die zurückgenommenen, die sorgsam akzentuierten Töne hallen manchmal länger nach als laut in den Vordergrund drängendes Bühnengeschrei. Ein feingliedriger, schüchterner junger Sänger bringt es an einem heißen Sommernachmittag fertig, inmitten der wuselnden Festivalstimmung bei der 20. Auflage von Ruisrock in Turku für eine Stunde unter freiem Himmel, am Strand, so etwas wie mitternächtliche Intimität herzustellen und wie selbstverständlich konzentriertes Zuhören einzufordern. Das kommt so unerwartet und ist so anrührend, dass sich die Polarbloggerin ganz unauffällig mit Festivalschmutzhänden eine kleine Träne aus dem linken Augenwinkel wischen muss.

Prince Of Assyria ist Ninos Dhanka. Der mit geradezu altmodischer Beharrlichkeit an die Tradition der sensibel-klugen Songwriter anknüpft. Zu diesen Songs laufen Regentropfen die Fensterscheiben herunter und versinken wir in einer lichten Traurigkeit, ohne jemals ganz zu verzagen. Oder gar aufzugeben. Trotz aller Rückschläge: Für die Liebe würden wir jederzeit in die Schlacht ziehen.

Dhanka, der in dunkle Farben gekleidete Prinz, hat Verlust kennengelernt. Als Kleinkind mit den Eltern aus dem Irak nach Schweden geflohen. Verlorene Wurzeln, verlorene Traditionen, die ein sehnendes Echo in seinen leisen, aber trotzdem leidenschaftlichen Songs hinterlassen. Auf Leonard Cohen beruft er sich, auch auf Nick Cave, aber lässt vielleicht fein aus, dass er den (existenzialistischen) Franzosen genau zugehört hat: Jacques Brel, Georges Moustaki, Charles Aznavour. Übrigens alle Exilanten und Heimatlose im Herzen.

Nicht mal flüstern darf man zu diesen Songs, und das versteht ein bereits reichlich alkoholisiertes Publikum instinktiv. Die wahren Dummnasen hören sich sowieso gerade Bands wie Sonata Arctica an.

Begleitet wird der Prinz ohne Land an diesem Nachmittag von einer famos virtuos zurückhaltenden Band, in der besonders die hässliche-Entlein-Gitarristin auch als Gesangspartnerin des umwölkten Troubadours zu Hochform aufläuft. Auch sie hätten wir gerne noch weiter singen gehört.

Nein, Liebe ist keine Verhandlungssache, wie er in einem seiner schönsten Songs »Tears Of Joy« singt. Als ob wir das je vergessen könnten.

Prince of Assyria – Tears of Joy from Jon Blåhed on Vimeo.

19. Mai 2010

Miss Li oder Minor Majority? Ist das Pärchenmusik?

Der Regen will einfach nicht aufhören, die Heizung läuft, der heiße Tee dampft und die Mails der finnischen und estnischen Freunde über aktuelle Temperaturen von 28 Grad und strahlenden Sonnenschein heben die Laune auch nicht gerade. Das perfekte Wetter, um über abstruse Fragen nachzudenken. Wie zum Beispiel die, warum manche Bands bei ihren Live-Auftritten eine überdurchschnittliche Anzahl an Pärchen anziehen. Das Argument, dass sich zu sanfter Popmusik am besten kuscheln lässt, greift sicherlich zu kurz. Wie ist es denn sonst zu erklären, dass männliche Rauhröhrensänger bei vielen innig Zweisamkeitdemonstrierenden besonders angesagt sind, wie etwa zuletzt bei den einsamen norwegischen Wölfen von Minor Majority? Am goldenen Herzen von Sänger Pål Angelskår allein kann das nicht liegen. Denn die komplizierten Liebesgeschichten, die Minor Majority erzählen, gehen seltenst gut aus. Ein Paradox also?

Noch erstaunlicher war der Jung- und Altliebesvögelchenanteil vergangenes Wochenende beim Konzert von Miss Li in der Frankfurter Brotfabrik. Also nun! Die quirlige Schwedin und ihre famosen Mitstreiter machen nun sicherlich keine brave Händchenhaltemusik. Und Miss Li ist eine ganze Menge, aber sicherlich kein liebes Mädchen, das bewundernd mit großen Augen zu seinem Partner aufblickt. Nein, diese Miss ist ein kleiner Satansbraten, der schwupps! der besten Freundin den Boyfriend ausspannt, weil der sowieso besser zu ihr passt als zur langweiligen Trutschenvertrauten. Und zu Miss Li muss man ausgelassen tanzen bitte, und nicht langweilig aneinanderkleben!

Rätsel über Rätsel. Vielleicht liegt eine mögliche Antwort am Veranstaltungsort Brotfabrik. Vielleicht leben im Frankfurter Norden besonders viele glücklich verpaarte Menschen. Wir wissen es nicht und werden dieses interessante Phänomen weiter verfolgen.

Zu Miss Li bleibt noch zu sagen, dass es immer wieder eine Freude ist, die superlebendige Musikerin mit den Kulleraugen live zu erleben. Und sich darüber zu freuen, dass sie nicht stehenbleibt. Die Schwedin möchte nicht nur die fröhliche Popderwischin sein, sondern viele verschiedene Facetten zeigen. Die schwierigen Seiten nicht ausblenden, wie etwa im Song »I Heard Of A Girl«, in dem es zwar viele Lalala-Gesänge gibt, aber in dem es um den Selbstmord eines jungen Mädchens geht. Auch musikalisch wird die Bandbreite eher noch größer: Bestens unterstützt von ihren spielwütigen Mitstreitern geht die Reise mit wehenden Bannern in Richtung Jazziges, Kabarettiges, geradezu Operettenhaftes. Großäugig-poppig war gestern.

Foto Minor Majority: Benoit Derrier.

21. April 2010

Der Vulkan und die Musiker: Dann eben auf dem Landweg!

Wenn uns die letzten Tage des etwas gelehrt haben, dann einen gesunden Respekt vor Entfernungen. Kein Billigflieger, der uns in zwei Stunden von Deutschland nach Finnland bringt, wenn Vulkanaschewolken unsichtbar in der Luft schweben. Dass die Entfernung zwischen Darmstadt und Tampere rein von der Luftlinie her 1.540 km beträgt, musste jetzt  der finnische Popmusiker Janne Laurila erfahren, der am vergangenen Wochenende eine kleine Hessentour absolvierte, organisiert von seinen deutschen Musikerfreunden Woog Riots. Nach dem abschließenden Auftritt in der Darmstädter Guten Stube standen dem dunkelschopfigen Finnen einige Sorgenfalten auf der Stirn. Wie bis Mittwoch ins heimatliche Tampere gelangen, wo für den Mittwoch abend ein Konzert angesetzt ist? Die einfache Antwort: Dann eben auf dem Land- und Seeweg! 44 Stunden in Bussen und auf Fähren. Mit etwas Glück sind Janne und seine Gitarre inzwischen wohlbehalten in Mittelfinnland angekommen, wobei die Reisekasse arg geschröpft wurde.  Da der Luftraum über Finnland immer noch gesperrt ist, dürfte es auf der Stockholm-Turku-Fähre eng geworden sein.

Schleunigst umdenken mussten auch die Anarcho-Rocker Eläkeläiset, die für ihre jetzt beginnende Deutschlandtour im Schnelldurchlauf einen Bus organisierten, die Bandmitglieder hektisch einzeln rund um Helsinki einsammelten, ab auf die Fähre eilten und im Schweinsgalopp durch Schweden Richtung Süden düsten. Zum geplanten Konzert am vergangenen Freitag in Hamburg haben sie es aber trotz durchgedrücktem Gaspedal nicht mehr geschafft.

Die schwedischen Mary Onettes mussten jetzt ihre geplante US-Tour absagen. Kein Flug von Stockholm Richtung Staaten möglich. Ihre Landsfrau Lykke Li (Foto) hängt in Paris fest, alle Züge Richtung Norden sind hoffnungslos ausgebucht. Die Chanteuse vertreibt sich inzwischen auf angenehme Art die Zeit, in dem sie über den Friedhof Père Lachaise spaziert und das Grab von Edith Piaf besucht. Keine schlechte Alternative in Zeiten der Entschleuningung.

Ein praktischer Rat zum Schluss: Wer in diesen Tagen auf Konzerte geht, sollte vorher genau schauen, aus welcher Entfernung die Bands anreisen. 44 Stunden Fahrtzeit für ein Konzert sind nicht immer mit einer Punktlandung zu schaffen.

(Foto Lykke Li: Patricia Reyes)

08. März 2010

Murmansk tun weh. Trotzdem hingehn!

Eine kleine Polemik zu Beginn. Manchmal scheint es so, dass jeder schwedische Nachwuchshansel, der eine Gitarre halten und drei Akkorde spielen kann, wenige Wochen später mit seiner Band auf Deutschlandtour geht und auf den wohlw0llenden Bonus hofft, der ihm wegen der vier Worte »neue Band, Schweden, oh!« hierzulande entgegenschlägt. Rein gefühlter Erfahrungswert. Viele großartige Bands aus Schweden gehört die letzten Jahre, aber auch viel oberflächlich Belangloses und selbstverliebt Selbstgefälliges.

Was mich endlich zum Punkt bringt. Finnische Bands gehen nicht so selbstverständlich lässig mit der Selbstvermarktung um wie die schwedischen. Was im Endeffekt dazu führt, dass Bands zwischen Helsinki und Oulu vielleicht stillschweigend darauf hoffen, entdeckt zu werden. Und sich ansonsten eher nicht über die Landesgrenzen hinauswagen. Sei es wegen fehlender internationaler Kontakte zu Promotern und Agenturen, sei es wegen der Scheu davor, sich in den Mittelpunkt zu stellen und selbstbewusst zu sagen:  Welt, hier bin ich!

murmansk

Um so erfreulicher ist es, dass eine der interessantesten und aufhorchenden machendsten jungen finnischen Bands in diesen Tagen tatsächlich für einige wenige Konzerte nach Deutschland kommt: Hamburg, Köln und München, ihr habt es gut: Ihr könnt Murmansk live erleben! Näheres unter unseren Tourterminen.

Das Quartett aus Helsinki, das sich nach der nördlichsten Großstadt der Welt benannt hat, geht mit kompromissloser Entschlossenheit bis an die Schmerzgrenze. Rüttelt an den Gitterstäben, die den Noiserock vom Rest der Welt trennen. Schert sich nicht um Vorbilder. Sonic Youth, klar, haben wir gehört, aber wir sind wir!

Bassgetriebene Intensität. Blutende Schönheit. Gewalttätige Sensibilität. Überwältigende Hingabe. Die Ohrstöpsel fliegen aus den Lauschgängen, nutzen nichts. Es  geht um Gewalt und Empfindsamkeit hier. Und murma2um die Stimme von Laura Soininen. Die Sängerin will nicht die charismatische Frontfrau sein. Ist schüchtern, zurückhaltend, inmitten all dieser extrovertierten Lärmwälle. Passt nicht? Passt eben deswegen genau!

Murmansk sind funkelnd Suchende. Brutal Findende. Sensibel Ausprobierende. Mitleidlos Zerstörende. Aufmerksam Beobachtende. Zielgenau Zuschlagende. Unbequeme. Schmerzende Andere.

Live erlebt im vergangenen Sommer auf dem Ämyrock-Festival in Hämeenlinna, abseits des Mainstream, wo die Newcomer umsonst und draußen spielen. Hingerissen von der Intensität. Also. Obwohl es wehtun kann: Hingehn!

Fotos: Kamila Kurkus / Antek Opolski, Jari Anttonen

12. Februar 2010

Nordisches bei der Berlinale

Vom 11. bis zum 21. Februar 2010 finden die Internationalen Filmfestspiele Berlin zum 60. Mal statt. Aus Anlass des Jubiläums werden bei der Berlinale einige Höhepunkte der Festivalgeschichte auf die Leinwand projiziert, darunter Alf Sjöbergs »Fräulein Julie« mit Anita Björk in der Hauptrolle.

(Kurz)Filme aus Schweden und Dänemark

25 Kurzfilme treten an, um bei den »Berlinale Shorts« den Goldenen Bären zu gewinnen. Als einzigem nordischen Land gelang es Schweden mit gleich drei Beiträgen aus den über 2600 Einsendungen ausgewählt zu werden.
Weitere Filme aus Schweden: »Tussilago« von Jonas Odell, »Unplay« von Joanna Rytel und »Händelse vid bank« von Ruben Östlund.

Am Montag, dem 15. Februar 2010 , laden Scandinavian Locations von 12 bis 14 Uhr Filmschaffende ein, sich dem Norden als Dreh- und Produktionsstandort anzunähern. Am folgenden Mittwoch, dem 17. Februar, zeigen sie ab 17 Uhr Fredrik Gerttens vielbeachteten Dokumentarfilm »Bananas!*« und diskutieren anschließend mit dem Filmteam darüber, wie der globale Bananenmarkt vor den und abseits der Kameras funktioniert.

Der dänische Film ist mit »Submarino« (Thomas Vinterberg), »En Familie« (Pernille Fischer Christensen), »Superbror« (Birger Larsen) und den vier Kurzfilmen: »Fløjteløs« (Siri Melchior), »Sol Skin« (Alice de Champfleurys), »Ønskebørn« (Birgitte Stærmose) und »Megaheavy« (Fenar Ahmad) vertreten. Mehr Informationen findet ihr hier.

 
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