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Foto nordische Landschaft

15. Februar 2010

Wer braucht noch Labels? For A Minor Reflection

Den traditionsreichen Plattenlabels schwimmen die Felle davon. Ihre ureigenste Aufgabe, nämlich der Aufbau von Musikern als Marke, wird zunehmend obsolet. Weil die Musiker,  unzufrieden mit den herrschenden Verhältnissen, diese Aufgabe selbst übernehmen. Und  somit das ohnehin bröckelnde Selbstverständnis der Labels weiter untergraben. »Wir brauchen euch nicht«, so lautet die Botschaft. Über Internetplattformen und soziale Netzwerke nehmen wir die Sache selbst in die Hand. Wir brauchen kein Label mehr, das für uns denkt. Das können wir selbst. Hier könnte ein epochaler Bruch im Gange sein. Wenn sich mit Musik ohnehin kein Geld mehr verdienen lässt, dann brauche ich auch keine Plattenfirma, die so dumm ist, Milliardenverluste zu schreiben wie derzeit EMI. Der Kaiser ist nackt und versteht nicht, was gerade passiert.

Ein Beispiel: Die isländischen Postrocker For A Minor Reflection, die auf Festivals einigen Eindruck hinterlassen haben und sich eine beachtliche Fanbasis geschaffen haben. Ohne Label, ohne Vertrag. So könnte die Finanzierung eines Albums und einer Tournee künftig laufen.for-aDie jungen Isländer spannen das Web für Ihre Zwecke ein, um mit ihrer Musik voranzukommen. Über die Plattform Pledge können Fans Kleinbeträge spenden und sich personalisierte Nettigkeiten sichern - von handsignierten T-Shirts der Band bis zur Einladung in den Probenraum.

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Kleiner bis mittelgroßer finanzieller Aufwand, persönlicher Kontakt zur Band als süße Belohnung. Ob dieser Ansatz dauerhaft funktioniert, muss sich erweisen. Aber tradierte Machtbeziehungen werden hier einfach per stiller Revolte abgeschafft. Irgendwie aufregend. Hier tut sich was, und zwar auf Graswurzel-Niveau, wie zu Zeiten der seligen Sechziger.

(Foto: Neil Milton)

08. Februar 2010

Starflower: Von Vögeln, Kanonenfeuer und Schnee

Das Jahr ist noch jung genug, um einen kleinen Blick darauf zu werfen, was aus der höchst lebendigen und außerhalb des Landes nahezu unbekannten finnischen Indie-Popszene auf uns zukommt. starflo-1Starflower zum Beispiel, die Pianopopspielkinder aus Pori, legen am 3. März ihr neues Album »CEASEFIRES« vor.  »Of Birds, Cannon Fires And Delays Caused By The Snow« heißt das Motto, unter das die  Band ihren Zweitling gestellt hat. Als erste Einstimmung auf kommende Traumtänzereien haben die Fünf mit You King einen Song plus Video auf ihre Homepage gestellt, der die Latte zum zustimmendenLächeln schon mal ziemlich hoch legt. Verhaltene, fein ausgemalte Sehnsüchtereien. Vögel ziehn gen Himmel, wir stapfen durch den Schnee, und irgendwie schaffen es diese Provinznachwuchskräfte, klassisch und strukturiert eine romantische Grundleichtigkeit zu schaffen.

Starflower - You King [HQ] from Starflower on Vimeo.

Aus dem Küstendtädtchen Pori kommen übrigens - gemessen an der Größe! - eine Vielzahl interessanter Bands unterschiedlichster Stilrichtungen von Eleanoora Rosenholm über Circle bis zu Magyar Posse. Der Laie staunt. Und Pori wäre nicht Pori, wenn die Verflechtungen der Bands untereinander nicht auch Starflower tangieren würden. starflo2Bassist Lauri Hannus (der übrigens auch für das Video verantwortlich zeichnet) ist am selben Instrument auch für die wunderbaren Lowlife Rock´n´Roll Philosophers aktiv, der bebrillte  Schlagzeuger Mikko Grönlund war früher bei den leider aufgelösten Klavierpopheroen Baby Sweetcorn aktiv. Diese Querverweise und gegenseitigen Einflüsse in der Pori-Szene wären ein Thema für eine musikhistorische Doktorarbeit, Freiwillige bitte fix voran!

Lebenszeichen gibt es imn finnischen Pop übrigens auch von den lange auf Tauchstation gegangen locker-ironischen Husky Rescue. Und von den Melodrama-Schwärmern Magenta Skycode. Und von den unbeholfenen Träumern Flannelmouth. Von unseren Lieblingsverlierern Daisy ganz zu schweigen. Kommt alles noch hier. Versprochen.

(Bandfoto: Maria Arponen)

20. Januar 2010

Eurosonic 2010: Krise, welche Krise?

Die Musikindustrie ist in der Krise. Darüber gab es auf der Konferenz der diesjährigen Ausgabe des Eurosonic Festivals im niederländischen Groningen jede Menge Diskussionen, jede Menge unterschiedliche Standpunkte und nur sehr wenige überzeugende Antworten. Wird es in fünf Jahren noch Platten geben, Alben geben, oder wird sich dieses Konzept völlig überholt haben? Den großen Labels bleibt, so scheints, nur das Prinzip Hoffnung. Deutlich wird eines: Die alten Sicherheiten, wie die Dinge im Geschäft zu laufen haben, verlieren sich im digitalen Nebel. Klar ist nichts. Außer vielleicht der Tatsache, dass wir immer mehr Abschied vom Mainstream nehmen müssen. Die Nischen regieren.

Geblieben ist das Gefühl, das Festivals stets prägt: Welche Bands aus dem schier unüberschaubaren  Angebot soll man an diesem kalten, verschneiten Winterabend wählen? Was ist aufregend, wo lohnt es sich hinzugehen? Über wen wird am meisten geredet? Von angesagten Kapellen sollte man sich aber nicht unbedingt anziehen lassen. Der beste Weg: Sich treiben lassen und vielleicht ein paar Tipps von Freunden auf dem Weg mitnehmen.

Beim spontanen Entscheidungsprozess kann man auch danebenliegen. Wie beim schwedischen Quartett Royal Republic, die in den leergefischten Gewässern von Übervätern wie The Hives räubern und zu markigen Männergesten tendieren. Ordentlich ehrlichen Schweiß vergießen, wie es sich gehört, mit viel Stil und Pose, versteht sich. Aber nach Publikumsanbiederung ist der Nachtschwärmerin heute nicht, deshalb schnell entfleucht um die letzten Song der verträumten norwegischen Indierocker I Was A King mitzubekommen, die immer noch die feinen Verästelungen des Gefühlslebens pflegen, aber an Härte gewonnen haben. Steht ihnen nicht schlecht!

Mit dem Fahrrad an der Kirche vorbei auf die andere Grachtenseite gerutscht um nachzuschauen, was sich hinter all den netten Vorankündigungen von Pony The Pirate verbirgt, wo Norwegen doch sowieso das ausgewählte europäische Land ist, das im Zentrum des Festivals steht. ponyUff,  eine dieser vielköpfigen Spaßtruppen, die sich Fröhlichkeit und Tanzbarkeit auf die Fahnen geschrieben haben: Acht Protagonisten mit einer Überzahl Instrumente tummeln sich auf der Bühne und singen sich die Seele aus dem Leib. Das ist angenehm, das ist übermütig, dieses Gewirbel und diese wunderbar funktionierende Gruppendynamik. Das bringt die Beine zum Steppen, das lässt die Mundwinkel nach oben ziehen, das ist ein sympathisches Völkchen. Aber, hmm, um das Herz der Nachtaktiven zu gewinnen, braucht es etwas mehr.

Etwa das Unerwartete. Fast widerwillig den Gig von Nicolai Dunger sausen lassen, um auf Empfehlung von Mikko und Florian von der Frankfurter Solarpenguin Agency die finnische Sängerin Manna anzuhören.  mannaEin Beweis dafür, dass man auf den Rat von Experten hören sollte! Manna ist eine zerbrechlich-harte Mischung aus Barschlampe, Femme Fatale und gutem Mädchen.  Keiner hat je wirklich geglaubt, dass Debbie Harry eine Frau ist, die viel zu viel vom schlechten Leben weiß. Dazu war sie immer viel zu intelligent und überlegen. Dazu hatte sie immer zu viel dieser gesunden Zerbrechlichkeit, die sie entschieden auf die Seite der Überlebenden und Kämpferinnen zog. So könnte es bei Manna sein. Gefühl und Härte, intensiv, unfertig, im Aufbruch. Aufregend! Im Club stehen das Wasser, das Bier zentimeterbreit auf dem Boden, aber das ist egal in diesem Fall. Ein selbstbewusstes Lächeln der Sängerin. Kein anbiederndes. Macht einen Unterschied, tastsächlich!

Die wunderbaren Seabear aus Island gießen den sanften, sternenfängerischen Folkpop in der Großgrupppe, so sehr, dass die Augen leuchten. Pflegen das Improvisierte, das Unfertige, das Zärtliche und gewinnen Herzen damit. Zu einfach gestrickt? Von wegen! Naivität und Ernsthaftigkeit regieren!

Der eigentliche emotionale Höhepunkt des Abends aber kommt mit den finnischen Psychedelik-Rockern Joensuu 1685 nachts um Viertel nach eins im Vera. Verschroben. Intensiv. Bar jeder Eitelkeit. joensuuSänger Mikko Joensuu trägt Rosenkranz auf weißem Bauernhemd, garniert mit Streberbrille anno 1979. Würde keinem schwedischen Musiker je einfallen, so was. Überrollen das Publikum mit der Unwiderstehlichkeit reiner Schwerkraft. Kein Widerstand möglich. Reptetitive Klangmuster, bis zur Explosion vorangetrieben. Visionen, Innerlichkeit, ehrliche Abgehobenheit. Krautrock, Drone, alles Begriffe, mit denen sich Joensuu nie wirklich fassen lassen. Die Finnen bringen es fertig, rohe Gefühle auf ihr Grundraster zu reduzieren und dann etwas völlig Neues entstehen zu lassen. Der Bass sitzt noch Stunden später fest im Bauch. Der starke Eindruck wirkt nach. Noch Tage später.

Fotos: Dalai Lamula

03. Januar 2010

Delay Trees: Bitte nicht so bescheiden

Nationale Stereotypen greifen immer zu kurz. Überraschenderweise aber blitzen selbst in diesem Bereich ab und zu kleine Wahrheiten auf. Wie die Sache mit dem haferflockensatten schwedischen Selbstbewusstsein und der abgedunkelten, waldverschatteten finnischen Bescheidenheit.  Wie ist es sonst zu erklären, dass schwedische Popbands im internationalen Musikbusiness sehr gut vernetzt sind und gleich scharenweise durch deutsche Clubs ziehen, während die keinesfalls weniger talentierten finnischen Kollegen es zum allergrößten Teil niemals über die Landesgrenzen hinausschaffen? Die wenigen Ausnahmen wie Cats on Fire oder Goodnight Monsters bestätigen nur die Regel. In Sachen gelungener Selbstvermarktung haben die Finnen definitiven Nachholbedarf.

Die finnische Sängerin Astrid Swan ist selbstkritisch genug, die Gründe für die mangelnde internationale Präsenz finnischer Popbands auch in der nationalen Psyche zu suchen. In einer fatalen Mischung aus Schüchternheit und Stolz.  So sagte sie kürzlich im empfehlenswerten finnischen Popmusikblog Glue:

I don’t think we are lacking anything. There is great talent here so the problem might be with the network to promote Finnish music. People in Finland are not very good creating relations and working together, not even within Finland. In the creative aspect, Finland is not the greatest country in networking. Also when we go outside we are too shy and apologizing, but at the same time too proud to even try. Now, things might be changing with younger people working who are proud of their bands and try to sell them outside well.

Nun, Astrid Swan tut das Ihre dazu und kommt Ende Januar/Anfang Februar zu einigen wenigen Konzerten nach Deutschland, um ihr neues Album »BETTER THAN WAGES« vorzustellen.

Zuvor aber kommen Delay Trees,  die bereits von verschiedenen finnischen Poppostillen zu den viel versprechendsten Bands des Jahres 2010 gekürt wurden. Die Band hat im vergangenen Jahr ihre erste selbst produzierte EP »SOFT CONSTRUCTION« eingespielt.  Das  Quartett aus Helsinki und Hämeenlinna spielt zum ersten Mal in Deutschland und hat zwei Gigs in Hamburg und Berlin auf dem Programm. delay-treesStilistisch sind Delay Trees in die Kategorie melodischer Indiepop plus verträumt-ausufernden Postrockelementen einzuordnen. Live schauen die Jungs beim Spielen sehr gerne ihre Schuhe an, wie beim letztjährigen Ämyrock-Festival in Hämeenlinna bestens festzustellen war. Was nicht heißt, dass die Schüchternen auf der Bühne und im Publikum nicht die Füße doch in Bewegung gesetzt haben. Schnelle Erfolgserlebnisse wird einem das Hören von Delay Trees nicht verschaffen, aber bei aufmerksamen Einlassen und Zuhören unversehens doch bescheiden-euphorische Glücksmomente.

Foto: Antti Kokkola

28. Dezember 2009

Liechtenstein, oder: gute alte Mädchenpower

Villeicht hat es sich noch nicht bis Göteborg herumgesprochen, dass das Mini-Staatsgebilde Liechtenstein in Mitteleuropa nicht den besten Ruf genießt und in liberal-konservativen Kreisen einen Ruf als Geldwäscher-Schurkenstaat weghat. Vielleicht fand es das Trio aus Renée, Elin und Ulrika einfach nur ironisch, sich nach einem Alpenländchen zu benennen, in dem das böse Patriarchat noch fest im Sattel sitzt.

Sei es drum, die drei Mädels von Liechtenstein haben die gute alte Weisheit aus den 80er Jahren beherzigt,Liechtenstein press photo dass man frech und aufmüpfig sein und den Stinkefinger zeigen kann, aber immer noch naiv und fröhlich und dabei Spaß haben kann. Jungs? Brauchen wir nicht!

Musikmäßig geht es hier in Richtung 80er-Indiepop, mit einem guten Schuss neuzeitliche Härte und Zitierlust. Das hört sich beim ersten Lauschen nach ach-so-harmlosen Mädchenwohlklangharmonien an, hat aber beim genaueren Zuhören einige Widerhaken und düstere Unterströmungen. Ist beileibe nicht nur harmlos und popverliebt.

Warum kurz vor Jahresschluss Liechtenstein empfehlen? Weil die Mädels gleich Anfang Januar mit einigen wenigen Terminen das erste Mal in Deutschland unterwegs sind. Näheres unter unseren Tourterminen. Und vor allem weil sie im Rahmen ihrer Tour ihr Debütkonzert in Vaduz geben. Vaduz ist die Hauptstadt von? Genau!

(Foto: Jörgen Svensson)