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Foto nordische Landschaft

03. Juli 2015

Hel(l) aktuell XIX: Tuska 2015, Samstag: Tag der Kontraste


Bevor wir heute zu Tuska gehen, schauen wir am weißen Dom vorbei. Dort startet um 13 Uhr die »Helsinki Pride«, die Schwulen- und Lesbenparade in der finnischen Hauptstadt. Der gesamte Senatsplatz ist in Regenbogenfarben getaucht. Erst stehen wir unten in der Menge, später setzen wir uns auf die Treppe vom Dom um das Ganze von oben zu sehen.

Nachdem unsere Augen davon genug habe, schnappen wir uns zwei Bier, setzen uns in einen kleinen Park nahe dem Tuska-Gelände uns stimmen uns auf den heutigen Tag ein.. Und dann geht’s in den Untergrund …

Leicht angeheitert schleichen wir strammen Schrittes auf Gelände um Bombus nicht auch noch zu verpassen. Von Bloodbath hören wir gerade noch die letzten Töne. Voll ist es bei den Finnen vor der Radio Rock Stage. Der Kontrast zur Pride könnte kaum größer sein: nur schwarz gekleidete Menschen und wesentlich ohrenfreundlichere Musik. Nach Bloodbath stürzt alles zu den Toiletten. Bei Bombus ist es deshalb viel zu leer für die locker groovenden Schweden. Schade.

Bombus (S)

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22. Juni 2015

Von Stockholm nach Bandung mit Wilderness

Vom winterlichen Stockholm ins tropische indonesische Bandung: Die schwedischen Wilderness haben gute Gründe dafür! Die Dreampopsters zieht es nach Asien, weil sie dort bereits vor Jahren auf einer Tour die »bedingungslose Liebe und Begeisterung« des indonesischen Publikums für Musik entdeckt haben.Was für das Quartett, das aus der Vorgänger-Band Penny Century hervorgegangen ist, eine einschneidendes Erfahrung und eine große Inspirationsquelle war. Diesem Erweckungserlebnis zollen die Vier mit ungewöhnlichen Tönen Tribut: Der sehr feine Track »Bandung City Rockers« startet mit schwedischen Voice-Samples, nur um die verträumten Synthies um so wirkungsvoller in Szene zu setzen. Und anschließend lässt man die exotisch angehauchten weibliche Vocals auf lautmalerische Abenteuer-Fahrt ziehen. Das könnte in bombastischen Ethno-Kitsch ausarten, tut es aber erfreulicherweise überhaupt nicht! Auf eine angenehm unaufdringliche Art verschmelzen hier unterkühlte skandinavische Euphorie und südlich flirrendes Melodrama. Wecken unbestimmte Sehnsüchte. Leichtigkeit und sanfte Melancholie sind hier händchenhaltend auf Strandspaziergang und schauen sich dabei so innig in die Augen, dass uns allein vom Zugucken warm ums Herz wird. »Möge dieser Song noch endlos weitergehen«, denkt man und schluckt. Gottseidank tut er das nicht: Denn aufhören, wenn es am schönsten ist, das ist die wahre Kunst!

Das neue Wilderness-Album »VALLUNDSET 1924« erscheint übrigens beim Indie-Label Colorcode Records aus Bangkok. Die Band hat bereits die beiden EPs »WILDERNESS« und »THIS WORLD IS NOT OURS« herausgebracht. »Bandung City Rockers« macht jedenfalls Lust, via Soundcloud in das restliche Werk der Band hereinzuhören! Aktuell touren die Vier übrigens durch Südostasien!

16. Mai 2015

Verschwör Dich gegen Dich: Salaliitto

Schmelzendes Eis, wilde Hoffnung und diese überwältigenden jugendlichen Gefühlsschwankungen: Wer »Virhe« sieht, das erste Video von Salaliitto aus Turku, muss unbedingt an einen der besten skandinavischen Musikfilme überhaupt denken, nämlich an »POPULÄRMUSIK AUS VITTULA«, dem man zur Steigerung der Laune mindestens ein Mal pro Jahr sehen sollte. Salaliitto heißt übersetzt übrigens Verschwörung und Virhe ist der Fehler, aber sinistre Szenarien wird man in der Welt der Südfinnen nicht finden. Obwohl die vier Bandmitglieder die Klippen der postpubertären Angst bereits seit einiger Zeit umschifft haben dürften, schwingt durch diesen feinen, finnisch gesungenen Track eine Anfangszwanziger-Empfindsamkeit. Mit einer großen Hoffnung, dass die Dinge sich doch unerwartet so entwickeln könnten, wie man es sich gewünscht hat. Zurückhaltende Gitarren, sehnsüchtige Stimme und ein leichte Anmutung psychedelischer Klangwelten blitzen hier auf. Was in dieser lauten Welt besonders für das Quartett einnimmt, ist die Bescheidenheit: Hier muss keiner mit großer Klappe und monumentalen Mätzchen punkten. Weniger ist mehr, aber dafür entsteht hier eine strubbelige Zärtlichkeit. Salaliitto arbeiten aktuell an ihrem Debütallbum, suchen ein Plattenlabel und lassen sich von den Zwängen des Erwachsenenlebens hoffentlich nicht von ihrem Tun abhalten. Dank für den musikalischem Tipp geht einmal mehr an den geschätzten und unermüdlichen Bloggerkollegen Vesa Lautamäki von One Chord To Another.

10. Mai 2015

Hexe, Fee, coole Barsängerin: Ingrid Lukas

Wechseln wir doch mal kurz mit der Fähre von Helsinki hinüber nach Tallinn. Denn aus der estnischen Hauptstadt kommen federleicht experimentelle Töne von der eigenwilligen Chanteuse Ingrid Lukas, die dieser Tage ihr drittes Album »DEMIMONDE« vorlegt. Die Pianistin, Sängerin und Songschreiberin ist eine Grenzgängerin zwischen den Stilen. Zwischen geisterhaften Electronica, urbanen Beats und der estnischen Regilaul-Musiktradition: Scheinbar einfachen Vokalrhythmen, die sich endlos wiederholen und mantrisch in den Bann ziehen. Ingrid Lukas ist ungefähr so schwer zu fassen wie Björk, ihre Schwester im Geiste. Nur das es in ihrem musikalischen Universum eher elegant denn gewalttätig zugeht. Auf Tracks wie dem geheimnisvollen »Võimas Aparaat« irrlichtert Lukas zwischen jazzigen Improvisationen und schamanischen Folk-Traditionen und bringt sie behutsam auf den Dancefloor für Unangepasste. Bis man endlich davon überzeugt ist, dass man bisher in seinem Leben viel zu wenige Songs auf Estnisch gehört hat.

Ingrid Lukas, die als Mädchen von einer Existenz als Meerjungfrau geträumt hat und sich bevorzugt im Wasser aufgehalten hat, bewegt sich geschmeidig wie ein Fisch durch grünblaue Klangwelten. Grenzgängerin ist die Musikerin nicht nur musikalisch, sondern auch im realen Leben: Mit zehn Jahren zog sie mit ihrer Mutter in die Schweiz, wo sie heute noch lebt. Am Konservatorium von Winterthur hat sie Jazz studiert – und dort vor allem das Improvisieren gelernt. Die Verbindung nach Estland ist jedoch nie abgerissen, erzählt sie. Und davon, dass sie von der reichen Märchentradition ihrer Heimat stark beeinflusst wurde. »DEMIMONDE« ist ein minimalistisches, intensives Album geworden, auf dem sich die Lukas vor allem auf ihre wandlungsfähige Stimme verlässt. Hexe, Fee, coole Barsängerin, naive Maid: Alles das ist sie und noch einiges mehr. Und gerne will sie uns mit Songs wie »Nurse Your Ribs« auch ein wenig das Gruseln lehren.

17. April 2015

Unberechenbare Psychedelik-Provokateure: Superfjord

Die müssen ein wenig verrückt sein, denkt man, wenn man zum ersten Mal »IT´S DARK BUT I HAVE THIS JEWEL« lauscht, dem unberechenbaren Debütalbum von Superfjord aus dem finnischen Tampere. Das Septett bewegt sich geschmeidig wie die streunenden Katzen zwischen Psychedelik, eigenwilligen Electronica, experimenteller Filmmusik, Shoegaze, Jazz , Alternativ-Folk und Weirdpop. Uff! Superjord exisieren in loser Besetzung bereits seit mehreren Jahren, haben sich aber erst jetzt ernsthaft zusammengesetzt und am Erstling gewerkelt. Inspirieren lässt man sich von den Launen der Natur und dem Kosmos im Allgemeinen. Sagen die Sieben, zu deren Mitgliedern etliche erprobte Szeneveteranen wie Ville Särmä von Kevin und Musiker von Sister Flo gehören. Das ist eine Ansage: Mit Klein-Klein will man sich offenkundig nicht begnügen. Und dann geht die Abenteuerfahrt zu unbekannten musikalischen Gestaden los. Respekt vor irgendwelchen Genregrenzen haben die Finnen jedenfalls keinen! Und vor großen Namen sowieso nicht: Nur wenige Debütanten dürften sich trauen, auf ihrem Erstlingswerk ein sehr entfremdetes Cover des John-Coltrane-Klassikers »A Love Supreme« hinzulegen! Die Finnen scheuen nicht einmal vor schamaschinen Gesängen zurück, wie sie im sehr spacigen »La Locura/Tonttumauste« beweisen. Wo einem die Ohrem mächtig mit ungewöhnlichen Klängen durchspült werden. Nur gut, dass der bestens aufgelegte Arturri Taira von Rubik sich hier am Gesang beteiligt, der sieht sowieso schon aus wie ein Waldschrat!

Superfjord schreiben den Soundtrack für Tage, an denen alles passieren mag. Wir müssen nur bereit sein, uns überraschen zu lassen. Und keine Angst, schwerblütig geht es hier nicht zu, sondern mitunter durchaus licht, luftig und leichtfüßig. Gerade das beschwingte Instrumentalstück »The Great Vehicle« nimmt fast unmerklich Fahrt auf und strebt dann um so entschiedener in Richtung sonnenumflirrter Gefilde von fast schon lyrischer Schönheit. Die spinnen, die Finnen: Wenn das zu solch ungewöhnlichen Ergebnissen führt, dann bitte mehr davon! Dem Erstling kann man übrigens zur Gänze via Soundcloud lauschen.

 
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