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Foto nordische Landschaft

01. März 2015

Gehobene Melancholie mit Simen Mitlid

Dass norwegische Musiker Meister der gehobenen, verlangsamten Melancholie sind, wissen wir spätestens seit den Kings Of Convenience. Ein junger Mensch aus dem Örtchen Os in Østerdalen mit dem schönen Namen Simen Mitlid macht sich nun daran, die Schönheit der ruhigen Töne zu entdecken. Eine sanfte Nachdenklichkeit prägt diese traumverlorenen Tracks, in denen Mitlid seine Gedanken zur Gitarre schweifen lässt und sich dabei alle Zeit der Welt nimmt. Es sind die kleinen Dinge, von denen der Musiker mit feiner Beobachtungsgabe erzählt. Große Gesten hat er nicht nötig. Es geht hier um Zwischentöne. Und die scheinbar belanglosen Dinge, die uns das Herz brechen, wenn wir uns mit den Frösten des Erwachsenenlebens auseinandersetzen müssen. Mitte Februar hat der Jungspund beim norwegischen Label Koke Plate die EP »WHILE WE WAIT« vorgelegt, wo sich der sehr schöne Track »Thoughts« findet. Auf der Mitlid Assoziationen an gehobene Americana-Gefühle entstehen lässt, aber ebenso klar macht, dass er dem melancholischen Pop keineswegs abgeneigt ist. Es geht auch flotter auf den weiten Weiden des norwegischen Hinterlandes!

Verwirrung als kreative Energie nutzen: Auf diese Idee muss man erstmal kommen. Und seinen Frieden damit schließen. Simen Mitlid singt mit heller, empfindsamer Stimme von kleinen Niederlagen und dem Verteidigen der eigenen Träume. Im sehr feinen Video zu »Pictures From The Past« klingt der junge Mann an Stellen wie Teitur in seinen Anfangstagen. Was keine schlechte Referenz ist! Ein nostalgischer Blick zurück? Ach nein, lieber eine sanft schmerzende Sehnsucht nach etwas, das sich sowieso nicht so richtig benennen lässt. Für das Video wurde ausschließlich historisches Bildmaterial verwendet. Und zu diesen Klängen entwickelt sich eine ganz eigene Poesie. Unter den vielen jungen skandinavischen Singer-Songwritern ist Simen Mitlid eine Stimme, die sich schwerelos vom Gros der Mittelmäßigen abhebt.

25. Februar 2015

Fragile Harmonien mit Linn Öberg

Bei diesen zarten Tönen möchte man kaum pusten, um das fragile Gebäude nicht zu gefährden! Die schwedische Singer-Songwriterin Linn Öberg hat eben ihr Debütalbum »WHEN YOU GO AWAY« vorgelegt und bewegt sich in einer zärtlich schimmernden blaugrauen Farbenwelt geschmeidig im Grenzland zwischen Alternative Pop und Americana-Folk. Unbedingt muss es hier dämmerig sein, damit die Gedanken genau dann auf Wanderschaft gehen können, wenn die festen Konturen langsam verschwinden. Eine feine Nachdenklichkeit irrlichtert durch diese Songs, eine grenzwertige Melancholie, die erfreulicherweise nie in Richtung Wehleidigkeit kippt. Eine kleiner Hauch von First Aid Kit schwingt mitunter durch diese Tracks, aber im Gegensatz zu ihren Landsfrauen, den Söderberg-Schwestern, ist Linn Öberg doch eher im verträumten, gitarrengeprägten Pop zuhause. Aber die Chanteuse kann auch anders: Im sehr beschwingten Track »Jump« nimmt sie zwischenzeitlich gehörig Fahrt auf! Um ziellos vertrödelte Tage und lange Spaziergänge geht es hier. Und um den unsentimentalen Blick zurück. Die Chanteuse aus Stockholm gibt sich verletzlich, gewährt Einblicke in persönliche Erfahrungen. Und sie lehrt uns im sehr feinen Track »Freediver« vor allem eines: Man muss Geduld haben! Denn es dauert hier einige Zeit, bis dieser Song endlich mit ausgebreiteten Schwingen abhebt und große Gefühle weckt!

(Foto: Christian Gradholt)

19. Februar 2015

Die Möglichkeit der Zärtlichkeit: Lymland

Es ist ein feiner Grat, auf dem Lymland balancieren. Schwebende Nachdenklichkeit und bittersüße Melancholie. Die an keiner Stelle in wirkliche Traurigkeit kippt. Aber die Seele schmerzt so schön zu diesen ruhigen, minimalistischen Instrumentalstücken, die tatsächlich keiner Worte bedürfen. Aktuell stapeln sich jede Menge neue Alben zum Besprechen um meine Musikanlage. Aber »RYMDAR«, das zweite Album von Sonja Perander und Jerker Kaj, ist die Scheibe, die am besten zu grauen Februartagen passt, um sie mit einer blassen Sonne zu erfüllen. Allein der wunderbare Track »Isbrytaren & Finländaren«, wenn diese emotionale Trompete einsetzt und ein flackerndes Feuerchen im Herzen entzündet! Das Album konnte natürlich nirgendwo anders als beim Malmöer Label A Tenderversion Recording erscheinen, das auch solch wunderbare Musiker wie Solander oder Mire Kay zu seinen Künstlern zählt.

Lymland erschaffen hier feine kleine Klanglandschaften. So könnte es nachts im Spielzeugmuseum klingen, wenn alle lästigen Besucher nach Hause gegangen sind und die Spieluhren und Kullerbälle endlich das tun können, was sie wollen: Sachte ein Schrittchen vor das andere setzen und mitunter einen flotten Hüpfer einfügen. Glockenspiel, Piano, Cello und Klarinette wagen die sanfte Revolution. Inspirieren lässt man sich übrigens vom eigenwilligen Traumtänzer-Kino des schwedischen Regisseurs Roy Andersson.

Zehn Tracks. Die verschiedene Stimmungen ausleuchten und dabei alle Möglichkeiten offenlassen. Aber immer die Möglichkeit der Zärtlichkeit offenlassen. Hach!

09. Februar 2015

Atemlos mit A Projection

Fort, fort mit der Besinnlichkeit, heute wollen wir so lange abtanzen, bis uns die Puste ausgeht! Mögen sich die Macher des Hamburger Indielabels Tapete Records gedacht, in deren Repertoire sich jede Menge ruhige Töne finden. Aber dieses Mal ist flotte Atemlosigkeit und unbekümmerte Jugendlichkeit angesagt, denn man hat die junge Stockholmer Indierockband A Projection unter Vertrag genommen. Diese Nachwuchskräfte haben gerade die Aufnahmen zu ihrem Debütalbum »EXIT« abgeschlossen und blicken selbstbewusst zurück in die glorreichen Tage des britischen Wave und pflegen dabei eine angenehm rotzige Punk-Attitüde. Und sind zudem dem dem melodienverliebten, synthieverliebten Powerpop nicht abgeneigt! Ihre feine Single »Young Days« hört sich jedenfalls so an, als hätten ihre Landsleute Peter Bjorn And John ihren Überhit »Young Folks« auf Speed geschrieben!

Klar, dass die sechs Jungs von A Projection die Welt in Schwarz-Weiß-Ästhetik sehen und ihre unbändige Lebenslust bevorzugt zur Dämmerstunde ausleben, wenn die Dinge so interessant zwischen verschiedenen Zuständen schwanken! Die Schweden punkten hier mit unbedingter Dringlichkeit. Man muss hier einfach mittanzen! Man könnte leicht vergessen, dass dieser Track viel zu präzise auf den Punkt gebracht ist, um ein reines Zufallsprodukt zu sein! Diese Leichtigkeit braucht Disziplin. Und dann trotzdem so zu klingen, als hätte man diesen Track in einer kurzen Nacht eben mal aus dem Ärmel geschüttelt – Chapeau! Die Single »Young Days« wird Ende Februar veröffentlicht. A Projection kommen aus diesem Anlass drei Gigs in Deutschland. Es könnte sich lohnen, hinzugehen!

27.02.15 Oldenburg – umBAUbar
28.02.15 Hamburg – Hit The North @ Astra Stube
23.05.15 Berlin – Schokoladen

30. Januar 2015

Eine Frau zwischen den Welten: Karoline Hausted

Karoline Hausted ist eine Frau zwischen den Welten. Zwischen hier und dort. Vor drei Jahren ist die Sängerin von Kopenhagen nach Kalifornien gezogen. Und denkt fern des Vertrauten darüber nach, was der Begriff »Zuhause« eigentlich bedeutet. Was Heimat ist, physisch und psychisch. Aus dem Nachdenken über die inneren und äußeren Veränderungen sind längere schriftliche Reflektionen und natürlich Songs entstanden. Karoline Hausted hat Ende vergangenen Jahres beschlossen, ihre Erfahrungen in der Fremde in einem auf zwölf Monate angelegten Projekt zu verarbeiten. One And Apart heißt es. Seit dem vergangenen Oktober veröffentlicht die Sängerin und Pianistin pro Monat einen längeren Essay und einen Song. Bis zum Herbst 2015 will sie von ihren Erfahrungen berichten. Das Projekt ist als »Work in Progress« konzipiert. In Stein gemeißelt ist hier gar nichts, Kommentare und Gedanken sind erwünscht. Im Januar schreibt die Dänin vor allem über Heimweh. Und über das Gefühl, immer noch in der Luft zu hängen. Sie wartet auf ihre Arbeitserlaubnis. »Ich habe keine Arbeit und keine exakte Vorstellung davon, was ich überhaupt tun darf«, schreibt sie. Karoline Hausted hat Zeit, viel Zeit. Ein Luxus, vordergründig. Sie folgt ihrem Ehemann in dessen Netzwerke, schaut sich um, hört zu. Im Januar-Track geht es ums Dazugehören. Und um Identität. Wer bin ich? Diese Frau oder eine andere?

Hausted hat bislang drei Alben veröffentlicht. Die Dänin betätigt sich bevorzugt als Grenzgängerin zwischen reduzierten Singer-Songwriter-Tönen, gehobenem Indiepop, streift in Gedanken mitunter das Chanson, ist mit sanften elektronischen Tönen vertraut und lässt die Gedanken gerne weit schweifen. Luftig sind sie, diese Tracks, intelligent und leichtfüßig dazu. Und von einer sanften Traurigkeit. Lassen im Vorübergehen Assoziationen an die Heroinnen Suzanne Vega und Tori Amos aufkommen. Sind aber sehr anders. Im feinen »An Ocean In You« geht es ums Fallen ins Ungewisse. Man könnte fast zu der Überzeugung kommen, es handelte sich dabei um eine beglückende Erfahrung. Ach, und ein großes Dankeschön geht unbekannterweise an Karen in Zürich, über deren Empfehlung ich über Frau Hausted gestoßen bin!

 
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