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Foto nordische Landschaft

25. Januar 2015

Árstíðir entdecken die Leichtigkeit

Das ist schon ein Kunststück: In einem vollbesetzten Café wagt es es kaum einer, den Kaffeelöffel im Heißgetränk auch nur umzudrehen. Aus Furcht, ein lautes Geräusch könnte die Musiker auf der improvisierten Bühne in einem Groninger Innenstadtcafé ablenken und diese fragilen und schwärmerischen Töne zerstören. So etwas bringen nur Árstíðir fertig. Die Isländer balancieren bei ihrem Off-Venue-Auftritt beim Eurosonic-Festival gekonnt auf der Bruchkante zwischen traditionellem Folk und gefühligem Pop, ohne dabei ins Süßliche abzudriften. Intonieren innige Vokalharmonien, einfühlsam unterstützt von Streichern. Die vier blind miteinander harmonierenden Sänger und Musiker erschaffen Töne von ruhiger, inniger Schönheit. Und klingen dabei keinesfalls betulich, sondern sehr lebendig und diesseitig. Von Abdriften in esoterische Walle-Welten kann bei diesem Quartett erfreulicherweise keine Rede sein! Später am Abend spielen Árstíðir dann in der ehrwürdigen A Kerk in Groningen – und nirgendwo anders gehören sie hin!

Im Gespräch mit Gitarrist Ragnar auf dem schicken Empfang zu Ehren des isländischen Schwerpunkts auf dem Eurosonic (es haben sich übrigens 19 Bands von der Atlantikinsel auf ins Niederländische gemacht!) ist von Feierlichkeit nichts zu spüren. Ragnar amüsiert sich bestens über sich selbst: Denn anstatt sich in seinem besten Ausgeh-Outfit unters Volk zu mischen, steht er in Labber-Pulli und Uralt-Bequemhosen da. Da sein Gepäck irgendwo unterwegs verschollen ist, muss die bequeme Kleidung fürs Flugzeug in den kommenden Tagen für alle Gelegenheiten herhalten. Ragnar nimmt es gelassen und lacht herzhaft über das modische Bein, das das Schicksal ihm hier stellte. Und erzählt lieber vom neuen, vom dritten Album »HVEL«, das Anfang März erscheint. Das für Árstíðir Aufbruch und Abenteuer geichermaßen war und ist. Denn während man auf den Vorgängeralben einen vorrangig akustischen Ansatz pflegte und die Stimmen größtenteils unter Live-Bedinungen aufnahm, haben die Isländer dieses Mal auf aufwändige Aufnahme-, Mixing- und Mastering-Technik gesetzt und die Feinheiten einzeln eingespielt. Man nahm sich reichlich Zeit. Und fand mit dem Toppstöðin einen neuen Aufnahme-und Rehearsal-Raum in einem stillgelegten Kraftwerk vor den Toren Reykjavíks. Einem verwunschenen Ort voller merkwürdiger Geräusche und einer Vielzahl von Mäusen. Und man finanzierte das neue Album via Kickstarter-Kampagne, statt das Haus eines Bandmitglieds wie beim letzten Mal bis zur Schmerzgrenze zu beleihen. Die Band war vom Erfolg der eigenen Crowdfunding-Initiative vollkommen überwältigt, wie Ragnar begeistert erzählt. Innerhalb der gesetzten Frist kamen die benötigten 70.000 Dollar zusammen. Fast 1.600 großzügige Klein-Finanziers unterstützten das Projekt. Ohne pekuniären Druck im Nacken konnten Árstíðir befreit aufspielen und neue Dinge ausprobieren. »Wir haben die Leichtigkeit entdeckt, und das hört man den Songs auch an«, sagt Ragnar. Einen unerwartet positiven Nebeneffekt hatte die Kickstarter-Kampagne noch zudem: Da diese Plattform vor allen in den Vereinigten Staaten populär ist, sprach sich das Projekt der Isländer via Empfehlungskultur von West- bis Ostküste herum, traf auf offene Ohren und eifrige Spendenfreude. Und es wurde der dringliche Wunsch geäußert, dass die Musiker von der Atlantikinsel doch einmal live vorbeischauen sollten! Und so kommt es, dass Árstíðir demnächst ihre ersten Konzerte in den USA spielen werden. »Daran hatten wir noch nie zuvor gedacht, und jetzt bereiten wir unsere erste US-Tour vor!«, berichtet Ragnar begeistert enthusiastisch und nimmt noch einen großen Schluck schäumendes holländisches Begrüßungsbier. Auf das alte dunkeblaue Sweatshirt kann er bedenkenlos kleckern! Mit »Things You Said« geben die Isländer einen ersten Vorgeschmack aufs neu Album. Und mit der neuen Leichtigkeit hat er durchaus recht!

(Foto: Florian Trykowski)

05. Januar 2015

Hurra, hurra, The Rollstons

Das neue Jahr fängt gleich mit guten Nachrichten an: Da hatte man gedacht, dass sich The Rollstons aus dem schönen Jyväskyla im finnischen Seengebiet als brave Familienväter zur Ruhe gesetzt hätten. Denn von den Musikern um die Gebrüder Valo (nicht verwandt oder verschwägert mit Ville!), die vor sage und schreibe zwölf Jahren mit »OUR GRAIN COULD FILL YOU STADIUM« einen Klassiker des finnischen Indiepop vorgelegt haben, war seit einer sehr geraumen Weile kein einziger Piep mehr zu hören. Um so erfreulicher ist es jetzt, das sie wieder aus der Versenkung auftauchen. Gewohnt finnisch wortkarg lässt sich die inzwischen um einige unbekannte Köpfe angewachsene Großgruppe nicht über geplante Alben oder andere Aktivitäten aus, aber man spielt zumindest Mitte Januar schon einmal live im fernen Helsinki, schau einer an! Der neue Song »Swiss Times«, in den man vial Soundcloud hereinhören kann, ist jedenfalls ein feines Stückchen übermütiger Indiepop und klingt erfreulicherweise überhaupt nicht altersweise! Sondern kommt in bester Rollstons-Tradition daher: Mit übermütigen, quietschlebendigen, angenehm selbstironischen Popmelodien. Mitunter zeigen sich die Rollstons als Liebhaber geradezu südlich perlender Gitarrenläufe! Uneitle Popsongs zu schreiben, deren Melodien erst nach Tagen auf Dauerrotation in der inneren Jukebox gehen – auch eine Kunst, das! Die Rollstons machen Popmusik aus dem vielleicht schönsten Grund, denn es überhaupt gibt: Weil es ihnen Spaß macht. Nicht aus Eitelkeit, nicht aus Gewinnstreben, nicht aus Ehrgeiz, nicht aus Egoismus. Und genau dieses Vergnügen hört ihnen an! Bitte bald mehr davon!

28. Dezember 2014

Maggie Björklund: Die dunkle Seite des Herzens

Kurz vor Jahresende verlangsamen sich die Dinge auf erfreuliche Weise: Im Wald stapft man durch zentimetehohen Neuschnee, auf vereisten Nebenstraßen fahren die Autos Schritttempo und bei einbrechender Dunkelheit und klirrender Kälte bleibt man dann gerne zuhause. Trinkt Unmengen alkoholfreien Glühpunsch und wärmt sich an den wüstentrockenen, americana-affinen Tönen der dänischen Pedal-Steel-Gitarristin Maggie Björklund. Die Musikerin, die einige Jahre in Jack Whites Live-Band aktiv war, hat im Herbst ihr wunderbar vielschichtiges zweites Album »SHAKEN« vorgelegt, das so gar keine heimelige Lagerfeuerromantik versprüht. Sondern leise beunruhigend ist. Maggie Björklund begibt sich auf diesem in warme, dunkle Töne gehüllten Album auf eine ganz persönliche Reise zur dunklen Seite des Herzens (gleichzeitig auch der Titel eines der intensivsten Tracks!).

Es sind vielschichtige Songs von sanfter Trauer, die überhaupt nicht larmoyant daherkommen. Ein Großteil des Albums entstand in einer Zeit, in der die Künstlerin ihre todkranke Mutter täglich im Krankenhaus besuchte. Es geht hier um große Themen, so viel ist klar. Aber die Musikerin schafft es, die seelische Erschütterung in Töne voller poetischer Sehnucht zu hüllen und entschieden »nein« zum Melodrama zu sagen. »SHAKEN« ist ein Album, das den Soundtrack einer inneren Entwicklung liefert, voller Zwischentöne und unerwarteter Überraschungen. So verblüfft der instrumental eingespielte Song »The Road To Samarkand« mit seinem überraschend aufblühenden Cello als gelungene Mischung zwischen staubigem Roadmovie und elaboriertem Kammerpop. In der feinen Ballade »Fro Fro Heart« erschaffen die Stimmen von Björklund und Gastsänger Kurt Wagner von Lambchop ein Duett, durch das mehr als nur eine Ahnung von Chanson Noir steckt und das Auftauchen von Charlotte Gainsbourg als zweiter Gastsängerin keinesfalls überraschen würde. Sehr amerikanisch, aber auf vertrackte Weise unbedingt europäisch kommt diese Sinfonietta der komplexen Gefühlsabstufungen daher. Und ist dabei von überaus zärtlicher Nachdenklichkeit.

Es gibt keinen Track, den man auf diesem Album nicht empfehlen könnte: Deshalb ist unbedingt ratsam, dem Werk zur Gänze zu lauschen, was man auf der Soundcloud-Seite von Björklund tun kann. Zu den fabelhaften Mitmusikern, die die Dänin hier um sich versammelt hat, zählen außer Kurt Wagner noch Jim Parr von Portishead am Bass und John Parish, Songschmied für PJ Harvey und Sparklehorse an der Gitarre und Barb Hunter am Cello. Im März 2015 tourt Björklund auch kurz durch Deutschland. Beim Konzert in der Frankfurter Brotfabrik dürfte man mich in einer der ersten Reihen finden.

(Foto: Jan Stuhr)

14. Dezember 2014

Willkommen zurück, Tiger Lou!

Willkommen zuhause, Tiger Lou! Lange genug hat es gedauert. Die letzten Lebenszeichen eines der prägendsten schwedischen Indiepop-Musikers der Nuller-Jahre stammen aus dem Jahr 2008, als das sperrige Album »A PARTIAL PRINT« erschien. Auf dem sich Rasmuss Kellerman dunklen und experimentelleren Tönen widmete, während das Publikum bei den Live-Auftritten unbedingt das melancholisch-leichtfüßige Sahnestückchen »Oh Horatio« hören wollte. Seitdem: Funkstille. Umso freudiger überrasch ist die Polarbloggerin jetzt, dass Tiger Lou endlich zurück ist. Einen ersten Vorgeschmack gibt es mit dem filgranen, grenzwerttraurigen und auf erwachsene Weise verträumten Track »Homecoming #2«. Unbedingt hören, dann weiß man erst, wie sehr man diesen Musiker in den vergangenen sechs Jahren vermisst hat! Ein Konzeptalbum ist in Arbeit, verrät er. Über das Thema des Nachhausekommens. Teils fiktional, teils hochpersönlich. Irgedwie glücklich und dann doch wieder traurig. Tiger Lou klingt nach all den Jahren sehr wie er selbst, und das ist eine gute Nachricht!

Im kommenden März gibt es erste Gigs in Hamburg, Leipzig und Berlin. Was hat Rasmus Kellerman in der Zwischenzeit erlebt? In einem Interview mit Nothing But And Passion gibt es eine ausführliche Antwort. Herr Kellerman verdient sein Brötchen mit einem Bürojob. Verschiedene musikalische Projekte haben sich zerschlagen. Er ist mittlerweile Vater von zwei Kindern. Aber beim improvisierten Zusammenspiel mit den ehemaligen Bandkollegen bei der Geburtstagsparty von Freunden vor eihem Jahr hat der Funke wieder gezündet. Und es hat sich alles richtig angefühlt. Sagt Rasmus Kellerman. Und nun wird es Zeit, wieder an das Vergangene anzuknüpfen. Mit leidenschaftlichen Songs voller sanfter Härte. Die vom Sehnen und vom Vielleicht-Irgendwo-Ankommen handeln. Große Freude!

10. Dezember 2014

Großes Kino mit The Fjords!

Warum noch keine norwegische Band auf die naheliegende Idee gekommen ist, sich The Fjords zu nennen, muss ein Mysterium bleiben. Nun endlich fasst eine Band den Mut, diese Säule der norwegischen Identität im Bandnamen zu führen. Die vier Nachwuchskräfte aus Trondheim geben sich nicht nur bei der Namenswahl selbstbewusst, sondern streben mit ihrem theatralischen, mitunter fast schon überkandidelten Indiepop hörbar nach Höherem. Bescheidene kleine Songs sollen die anderen schreiben! Das Quartett schwelgt auf seiner Debüt-EP »ALL IN« in überlebensgroßen Gefühlen, die den Soundtrack zu jedem gehobenen Hollywood-Melodrama abgeben können. Fast schon schwül wird es uns hier ums Herz, wenn Sänger Petter Vågan (der übrigens aussieht wie Bambi als erwachsener Mann!) sein Herz scheunentorweit für die große, melodramatische Gefühlswelt öffnet. Den Synthies kommt hier schon fast die Rolle des Symphonieorchesters im langsamen Satz zu, wenn die Vier im Titelstück den Zuckerguss so dick auftragen, dass er in wunderbar weißen Schlieren üppig über den Schokoladenkuchen läuft. Aber bevor die Dinge gar zu übersüß werden, kriegen die Norweger noch elegant die Kurve und steuern gen gehobenen Weltschmerz. Dass bei dieser Form der ebenso elaborierten wie durchaus eingängigen Pop-Ballade die Verlgeiche mit den Landsleuten A-ha aufkommen werden, soll uns hier nicht weiter stören. The Fjords machen keine Musik für verrauchte Kellerschuppen, sondern für edle kleine Bars, wo man wunderbar seinen melancholischen Gedanken nachhängen kann. Bevorzugt mit einem Glas besseren Weisweines in der Hand. Sich wegtragen lassen in lichtgraue Gefühlswelten: Muss auch manchmal sein! Besonders gut gefallen tut hier der schön überkandidelte Track »Capgras Illusion«: Großes Kino!

 
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