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Foto nordische Landschaft

31. Oktober 2017

Eine Achterbahn der Gefühle mit Billie Van

Immer was los mit Billie Van: Die junge Frau aus Oslo nimmt uns auf ihrem zweiten Album »PURE EMOTIONS» mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle und hat keinerlei Scheu davor, dick aufzutragen, wenn es um Herzensdinge geht. Was soll ein Mädchen denn tun, wenn der Angebetete sie sitzen lässt? Etwa als Trauerkloß in der Ecke sitzen? Nein, sich lieber in Disco-Signalfarben kleiden und sich im Melodrama-Schlagermodus um Frustbewältigung bemühen! Das wäre doch mal ein gehaltvoller Beitrag für den Eurovision Song Contest! Zumal Billie Van ein großer Fan von 70er-und 80er-Pop der knallbunten Art ist. Den Schmerz in einer Selbsthilfegruppe voller blasser Seelenpeinler in einen sterilen Gemeindesaal bekämpfen – auf diese Idee für ein Musikvideo muss man erst mal kommen. In »I´m Totally Fine With It» gelingt es Billie Van, dieser drögen Umgebung sogar dunkelgrauen Glamour zu verleihen. Chapeau, junge Frau. Vom frechen Rockabilly des ersten Albums hat sich Billie Van verabschiedet. Die trashige Diva ist eine Rolle, die ihr fast besser zu Gesichte steht als die Göre im College-Jäckchen.

Im wahren Leben ist Billie Van dagegen eine junge Frau, die mit guten Freunden und einem ebenso talentierten wie sympathischen Freund gesegnet ist. Gemeinsam mit ihrem Verlobten Jonas Alaska und dem besten Buddy Mikhael Paskalev (man kennt sich aus gemeinsamen Studienzeiten an der Musikhochschule unter Schirmherrschaft von Paul McCartney in Liverpool) hat sie kürzlich das Label Braveheart Records gegründet, wo man erstmal die eigenen Scheiben herausgebracht hat, aber sich in Zukunft auch um andere viel versprechende Künstler kümmern will. Sozusagen eine Art Reality Bites nach Abschluss des Studiums und die hoffentlich geniale Lösung des Problems: Die Dinge in die eigene Hand nehmen! Jedenfalls: Der selbstbewusste Retropop von Billie Van zischt auf der Zunge wie Waldmeisterbrause, die überkandidelten Balladen sind von schriller Schönheit, aber die echten Gefühle schimmern immer durch. Das ist vielleicht die wahre Souveränität!

21. Oktober 2017

Das Fabrikmädchen und das Unheimliche: Minja Koski

Wenn das Unheimliche plötzlich in den Alltag einzieht, dann zieht es uns sacht den Boden unter den Füßen weg. Und dann bleiben Erinnerungen lange, lange lebendig. Minja Koski, finnische Schauspielerin und Sängerin, hat eine besonders verstörende Erinnerung: Als sie ein kleines Mädchen war, versuchte eine Jugendliche, sich im Teich vor der Dorfdisco zu ertränken. In Kuhmo war das, der Heimatstadt der Musikerinn, einem 6.000-Seelen-Nest in Nordfinnland, hart an der russischen Grenze. Minja alias M hat das Erlebnis in einem sanft verstörenden Song namens »Kaarina« verarbeitet. Man spürt fast, wie Dunkelheit und Wald an das Haus heranrücken. Es ist, als ob kleine schwarze Vögel durch das Debütalbum »TEHTAANTYTTÖ« flattern. Übersetzt heißt das Fabrikmädchen, was wohl die einzige Karrieremöglichkeit in Kuhmo sein dürfte.

Das Mädchen und die dunklen Mächte, die aus den Wäldern rufen, das ist nur eines der Leitmotive dieses subtil verstörenden Albums. Denn Minja hat sich hier mit dem Turkuer Produzenten und Soundtüftler Miikka Ahlman zusammengetan, der das Poe´sche Grauen mit aktuellen Beats unterlegt und so die Schauermär mit leichter Hand Richtung Dancefloor entführt. Die scheinbare Naivität, die Minja Koski stimmlich transportiert, führt in die Irre: Diese Frau weiß genau, was sie tut! Sie singt über das Leben an den Rändern, wo sich die Gewissheiten verflüchtigen, was die Sinne ungemein schärft. Was passiert denn den Mädchen aus den Grimm´schen Märchen? Genau, sie gehen wie Rotkäppchen, Gretel und Schneewittchen im Wald verloren. Minja Koski ist eine heutige Nachfahrin dieser Heldinnen, die vom Wege abkommnen und lernen, dass die faszinierendsten Gestalten tief verborgen im schwarzen Dickicht leben. Ach ja, und die finnische Sprache eignet sich bestens für diese Ausflüge in dunkelschwarze Wunderwelten!

15. Juli 2017

Hier stiebt der Sternenstaub: Since November

Ob es Liebe auf dem Mars gibt? Das ist eine der Fragen, die Tomi Mäkilä umtreiben. Und zwar schon lange. Der Musiker aus Helsinki, Herz und Hirn von Since November, hat sich mit der ersten Single »Star System« reichlich Zeit gelassen. Denn am Himmel sollen doch bitte die Sternschnuppen blitzen, wenn seine Songs spielen! Und das tun auch, wenn dieses schüchterne Piano mit einen unwiderstehlichen Motiv einsetzt, das perfekt die Balance zwischen kleinem Überschwang und leiser Melancholie hält. Wie schön, dass sich die Dinge noch steigern können, wenn dann die Streicher dazukommen und die Gefühle ins Himmelhohe wachsen. Ganz klar, hier stiebt der Sternenstaub! Das Weltall-Thema durch Vocoder-Einsatz fortzuspinnen: Schöne Idee! Hier kann man fein ins Schmachten kommen, aber auf die distinguierte Art. Über den Pianosounds liegt die verträumte Stimme Mäkiläs. Der versonnen aus dem Fenster seines kleinen Space Shuttles schaut und sich kluge Gedanken über die Wahlverwandtschaften zwischen dem Weltall und der Einsamkeit macht. Das geschmackvolle Video zum Song bietet gratis einen Ausflug zu den schönsten modernistischen Bauten Helsinkis. Unterstützt wird Tomi Mäkilä an Drums und bei der elektronischen Rythmus-Sektion von Jukka-Pekka Flander. Ein neues Video ist bereits in Arbeit.

In einer weit entfernten Galaxie fern unserer Zeit war Tomi Mäkila einmal der Keyboarder der finnischen Kitschpopster The Crash und der Melodrama-Indierocksters Magenta Skycode, in deren wunderbare Alben man immer wieder hereinhören kann.

26. Juni 2017

Wir nehmen das Schlauchboot mit den Pole Siblings

Wir nehmen das Schlauchboot und lassen uns gemächlich den Fluss heruntertreiben. Mit den Pole Siblings geht das ganz entspannt! Das Geschwister-Duo aus Finnland mit derzeitigem Wohnsitz in Schweden hat in diesen Tagen seine Debüt-EP »IT MIGHT GROW« vorgelegt und liefert damit den perfekten Soundtrack für schwerelose Ferienwochen. Das ist Pastellpop mit folkigen Untertönen, der erfreulicherweise ohne jede Süßlichkeit auskommt. Sofia & Johan Stolpe schwelgen in sanften Harmoniegesängen. Durchaus möglich, dass man die Stimmen der beiden kaum auseinanderhalten kann! Ums Träumen geht es hier. Und um kleine und große Sehnsüchte. Eine leise Melancholie flirrt durch diese vier angenehm zurückhaltendem Songs. Der schönste Track ist vielleicht das verspielte »Nog Va He Bra«, das mit einer Besonderheit aufwartet: Die Geschwister Stolpe singen hier in einem finnisch-schwedischen Dialekt, der zart exotisch klingt. Darauf hat die Welt gewartet! Wer nach Referenzbands sucht, wird bei Vasas Flora Och Fauna fündig. Via Bandcamp kann ausführlich in die Debüt-EP hereinhören!

Foto: Fredrik Diffner

21. Mai 2017

Wir stoßen in die Marktlücke: Remington Super 60

Von der Popmusik kann man heutzutage kaum mehr leben. Oder doch? Vielleicht braucht es einfach kreative Ideen und die Offenheit, Marktlücken zu suchen und zu finden. Und darüber nachsinnen, wofür die Menschen heute noch Geld ausgeben. Denken wir doch mal an die heutigen Helikopter-Eltern: Die öffenen Herzen und Börsen doch gerne, wenn der Nachwuchs gefördert wird! Und die musikalische Früherziehung ist doch ein unbedingt pädagogisch wertvolles Unterfangen! Schönen Indiepop für Kinder und andere Menschen spielen: Das machen Remington Super 60 aus dem norwegischen Fredrikstad! Sie haben jetzt die EP »INDIEPOP FOR KIDS VOL. 1« vorgelegt, deren elektronischen Bliepereien so sympathisch, verschwurbelt und eigenwillig daherkommen, dass auch Erwachsene ihre Freude daran haben. Zugegeben: Das ist Blümchenpop! Der aber mit naiver Großäugigkeit und ungebremstem Spieltrieb überzeugt. Die Band um Mastermind Christoffer Schou existiert seit fast 20 Jahren, hat zahlreiche Besetzungswechsel hinter sich, aber macht unverdrossen weiter Musik. Auf ihrem Kinderalbum geht es zwar vordergründig um all die Dinge, die kleinen Menschen gefallen: Pfeifende Roboter, allerliebste Plastikentchen, glänzende neue Fahrräder, den schönsten Geburtstag aller Zeiten und träumende Androiden (ist ja nie zu früh, den Nachwuchs in kleinen Schritten auf Blade Runner vorzubereiten!) Aber klammheimlich schmuggeln die Norweger hier eine feine 60ies-Ästhetik ein, die mit einer Mini-Prise Melancholie einhergeht. Kann man nie zu früh lernen, dass die schönste Freude die mit dem winzigsten Trauerflor am Ärmel ist! Stillvergnügt ist diese EP, wie fein! Reinhören macht Spaß! Bliep Bliep!

 
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