Den Freitag sehe ich als Ruhetag: Mich interessieren nur die »Unsterblichen«, alias die Sons Of Northern Darkness, alias Immortal.
Doch wo ich schon mal hier bin, schaue ich mir die einheimischen Djerv an, eine neue Truppe aus Mitgliedern von Trelldom, Stonegard und Animal Alpha. Die Band um Ex-Animal Alpha-Fronterin Agnete Maria Forfang Kjølsrud hat den undankbaren Opener-Posten im Rockefeller.
Etwas schrill, aber nicht ganz so durchgeknallt wie Animal Alpha klingen sie, mit einer Mischung aus Rock und (Black) Metal, plus extrem bangender Sängerin – mit einer Frisur wie Marie Fredriksson zu Roxettes Blütezeit. Immerhin vereinen sich genug Leute vor der Bühne, um Agnete für die letzte Strophe des letzten Lieds auf Händen zu tragen.
Im Keller geht’s weiter mit fucking Old School Black Metal von Astaroth. Die Norweger stellen keinerlei Anspruch an technische Raffinesse, High End Sound, Innovation oder im-Ohr-bleiben, aber machen mächtig Spaß.
Der Rest geht ungehört vorbei, denn eigentlich interessiert heute – oder das ganze Festival lang – nur eine Band: Immortal.
… feiern Metalfans Ostern auf die etwas andere Art: Osterzeit = Infernozeit. Beim diesjährigen (Black) Metal Festival vom 20. bis 23. April 2011 reisen die Metaller vor allem wegen Immortal nach Oslo, die ein »exclusive and extra long set« speziell fürs Inferno versprechen.
Ihre norwegischen Landsmänner, die Black’n'Thrasher Aura Noir, planen für ihren Auftritt am Donnerstag sogar Bandgründer Aggressor auf die Bühne zu holen. Insgesamt spielen 49 Bands von Donnerstag bis Samstag im Rockefeller / John Dee, sowie am Warm-Up-Mittwoch in den kleinen Clubs / Kneipen Blå, Elm Street, Rock In, Unholy, Victoria und Revolver.
Erstmals erweitern die Veranstalter das Festival um »Inferno Film«, einer Mischung aus (norwegischen) Horrorfilmen und Metal-Dokumentationen, die von Dienstag bis Sonntag im »Filmens Hus« gleich um die Ecke vom Elm Street gezeigt werden. Weiteres Rahmenprogramm: Inferno Metal Expo (mit Merchandising-Ständen und Autogrammstunden) und Inferno Tattoo Fair (mit Tätowierern aus Deutschland, Norwegen, Schweden und den USA).
Wer das nötige Kleingeld hat und eines der limitierten Tickets ergattert, kann bevor die Konzerte beginnen für 35 Euro am »Black Metal Bus Sightseeing« teilnehmen (unter anderem zur abgebrannten und wieder aufgebauten Holmenkollen-Kapelle, zum ehemaligen »Helvete«-Shop des ermordeten Mayhem-Mglieds Euronymus sowie dem Schauplatz eben dieses Mordes) oder für 20 Euro zur Weinprobe der »Wongraven Langhe Rosso / Barolo«-Rotweine des Satyricon Fronters Satyr Wongraven.
Die offizielle deutsche Website der finnischen Apocalyptica ist kein Ort, an dem der Interessierte aktuelle Informationen findet. So wurden beispielsweise die Frankreichdaten der Band (wie in La Laiterie, Starsbourg) im Februar annulliert, doch auf der Website: Nichts. Weder wieso, noch dass überhaupt.
Klickt man auf die News-Abteilung, tauchen dort heute gerade mal fünf Meldungen auf. Fünf. Und fast alle behandeln das sogenannte Apocalptica-Fan-Mosaik für das Cover von »7TH SYMPHONY«.
Kein Wunder brauchten die Betreiber der Seite zehn Tage um auf eine »falsche« Veröffentlichung zu reagieren.
Zitat:
»RICHTIGSTELLUNG – Berlin, 10.01.2011
– betrifft Artikel auf www.anwalt24.de vom 31.12.2010.
Hier im Wortlaut: ‘Apocalyptica’ zahlt wegen Verletzung von Marken- und Namensrechten nach Vergleich vor dem Landgericht Berlin 45.000 Euro Schadensersatz an ‘Rammstein’.
Das Jahr ist ja noch jung, deshalb dürfte es sich noch nicht breitflächig herumgesprochen haben, dass es im Jahr 2011 zwei neue europäische Kulturhauptstädte gibt: Die estnische Hauptstadt Tallinn und die alte finnische Hafenstadt Turku. In Turku starten die offiziellen Festivitäten am 15. Januar mit einer bombastischen Show entlang des Aura-Flusses, wenn man den Ankündigungen der Veranstalter glauben mag. Unter dem Motto »This Side – The Other Side« wird »eine der größten jemals in Finnland organisierten Kulturveranstaltungen« angekündigt. Wobei etwas unklar bleibt, was bei Minustemperaturen entlang des Flussufers eigentlich genau passieren soll. Das offizielle Motto des Gesamtjahres lautet übrigens »Turku On Fire« und soll daran erinnern, dass die älteste Stadt Finnlands im Laufe ihrer Geschichte mehrmals abgebrannt ist.
Sind wir mal mäkelig. Beim Durchstöbern des reichlich unübersichtlichen Programmheftes fällt auf, dass die Veranstaltungen im Gesamtjahr reichlich beliebig wirken. Hauptsache irgendwie Kultur, Hauptsache niemanden vergessen, Hauptsache es passiert (fast) jeden Tag irgendetwas. Und dass es sich dabei in der Mehrzahl um Veranstaltungen handelt, die ohnehin in dieser oder anderer Form stattgefunden hätten. Ein echter roter Faden? Nirgendwo. Nun denn.
Sind wir mal wohlwollend. Einen roten Faden bei »Ruhr 2010« zu finden war wohl ähnlich kompliziert und hat auch keiner krummgenommen. Eine Reise nach Turku ist sowieso immer empfehlenswert, es gibt jede Menge Kultur und Natur zu gucken. Und besonders im Sommer lässt sich bestens am Flussufer unter Bäumen schlendern, eine dicke Eiswaffel in der Hand. Vielleicht auf dem Weg zum Ruisrock-Festival, das traditionell Anfang Juli auf der Insel Ruissalo vor den Toren der Stadt stattfindet?
Unter besonderer Berücksichtigung der Musik ist das Programm von Turku 2011 auf den ersten Blick reichlich zusammengestückelt. Für jeden Geschmack etwas! So lernen wir etwa, dass die finnische Sopranistin Karita Mattila (fast) ein echtes Turkuer Mädel ist und klar, ihre Heimatregion zum Jubeljahr unterstützt und stilgerecht in der Burg zu Turku singt.
Dass sich Turku innerhalb Finnlands in den vergangenen Jahren zu einem Zentrum der elektronischen Musik entwickelt hat, ist selbst bis zu den Veranstaltern von Turku 2011 durchgedrungen. Treibende Kraft dahinter ist übrigens Zaubermeister Jori Hulkkonen. So passt es natürlich bestens, dass die dritte Auflage von Turku Modern, eines relativ frisch aus der Taufe gehobenen Festivals für Neue Musik, im Juli zum Kulturhaupstadtjahr über die Bühne geht.
Ja und ansonsten: Wird dies und das geboten: Das erste (?) Heavy-Metal-Musical der Welt, Lordi lassen grüßen. Und Jazziges, Folkiges, Populärmusikalisches, was sich gerade so anbietet.
Aber auffällig ist, dass bei einer ersten, mehr oder weniger ausufernden Suche im Kulturhauptstadtprogramm, eine kleine, aber feine Subkultur nicht stattfindet: Die überschaubare, aber sehr lebendige Popszene von Turku mit herausragenden Bands wie den verspielten Smiths-Jüngern Cats On Fire, den wunderbaren Goodnight Monsters, den sträflicherweise in Resteuropa nahezu unbekannten Starflower, den wunderbar melodramatischen Magenta Skycode oder der sehnsüchtige Sternenfängerpop von Wojciech, um nur einige zu nennen. Ganz zu schweigen von charmanten Necomern The New Tigers. Ob für diese Bands ein paar Krümel von der Kulturhauptstadt-Tafel abfallen?
Irgendwie scheinen sie unterfordert, die Indiemusiker hier und dort und sonstewo. Haben ein Plus an kreativen Energien. Oder halten sich ein zweites Türchen offen, sollte es mit dem Erstprojekt nicht ganz wie erhofft klappen. Ein Zweitprojekt mit einem etwas variierten musikalischen Hintergrund ist doch wie das Sahnehäubchen im Lebenslauf: Nicht nur einseitig fixiert, sondern vielseitig interessiert! Macht interessant, so was! Heißt es.
Auffällig ist in diesen Tagen, dass sich die Soloprojekte der Frontfiguren mittelmäßig erfolgreicher Bands häufen. Von Sugarplum Fairy, den kleinen Brüdern von Mando Diao, hat man seit der Veröffentlichung des Albums »FIRST ROUND FIRST MINUTE« im Jahr 2008 nichts Weltbewegendes mehr vernommen. Gut, da gab es zwischendurch den Ausflug von Victor Norén ins Filmgeschäft beim Uschi-Obermaier-Biopic »Das Wilde Leben«, wo der Sänger den jungen Mick Jagger mimte, aber keinen bleibenden Eindruck hinterließ. Zeit, aktiv zu werden, mag sich der blonde Bruder Carl Norén gedacht haben, und hat sich flugs auf den Solotrip begeben. An den 60ern ist der junge Mann nach wie vor interessiert, aber nicht mehr als wilder Rocker, sondern als nachdenklicher, blues-inspirierter Songwriter in der Tradition des ganz jungen Dylan und des zahmeren Neil Young. Das ist gut gemeint, das klingt angemessen angenehm, aber irgendwie auch ein bisschen angestrengt. Den braven, gutherzigen Naturburschen nimmt man ihm noch nicht so ganz ab, aber das kann ja noch werden.
Zugegebenermaßen viel versprechender fällt dagegen das neue Soloprojekt von The Kissaway-Trail-Sänger Søren B. Corneliuss, aus der sich als Einzelkünstler den wenig einprägsamen Namen The Pine Cone Cheer verpasst hat. Die anarchisch-symphonische Indierockverspieltheit der Hauptband des Dänen ist hier etwas in den Hintergrund gerückt, dafür tritt das Romantisch-Verschwurbelte selbstbewusst in den Vordergrund. Die erste Single hat »What Had Fallen Would Be Raised« ist eine Fingerübung in nachdenklicher Nerd-Sehnsucht mit hohem Empfindsamkeitsfaktor. Durchaus tröstlich wärmend an kalten Dezemberabenden. Da The Kissaway Trail in diesem Jahr bereits mit einem neuen Album herausgekommen sind und ausführlich getourt haben, bleibt Herrn Corneliuss wohl über die kalten Wintertage ausreichend Muße, um seinen tastendominierten Träumereien nachzuhängen. Entspannt bei der Sache ist er jedenfalls, und und von Selbstverwirklichungszwang ist hier nichts zu spüren. Man kann offenkundig mehr als nur eine Sache mit Leidenschaft betreiben.