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Foto nordische Landschaft

25. Juni 2006

Lost In Music

 Jens Lekmann holt die Klampfe wieder aus dem zugestaubten Schuppen. Und setzt sich sogar in den Überteich-Flieger, um einige Shows in den USA zu spielen. Natürlich könnte man nun verzweifelt mit den Handballen auf den schweren Eichentisch schlagen, weil er wieder nicht den Weg in die unsrigen Gefilde einschlägt, aber man kann sich auch trösten – mit seinen erhabenen und überaus souveränen Songs, die selbst im Sommer erstklassig funktionieren. 

Eine vorgeschmäcklerische Gratis-MP3 von seinem letzten Album »Oh, You´re So Silent, Jens « gibt es auf dem kost-nix Online-Sampler des kontrovers-genialen Pitchforkmedia-Magazines. Dabei: weitere 23 Hörproben von leider hierzulande noch absolut unbekannten Bands, die auf dem Pitchfork Music Festival in Chicago neben Herrn Lekman auftrumpfen werden. Wir empfehlen uneingeschränkt den kompletten legalen Download,  der bei solch fantastischer Musik  (herausragend: The Mountain Goats, The National und Spoon) reichlich glücklich macht!

25. Juni 2006

Adjagas

Adjagas

Als ich Mari Boine beim Interview vor wenigen Wochen nach ihren Vorbildern fragte, nannte sie viele Namen, die ich erwartet hatte und die ich ihr durch meine Frage bereits in den Mund gelegt hatte: Valkeapää, Sara, Wimme. Mir völlig unbekannt war jedoch ein Duo namens Adjagas. O-Ton Boine:

»Natürlich hörte ich viel Nils-Aslak Valkeapää. Er war der Erste, der Joiks bekannt machte. Selbstverständlich beeinflusste er mich – sowohl seine Texte als auch seine Musik. Ebenso Johan Sara. Und Wimme Saari natürlich auch. Und es gibt eine weibliche Joikerin Inga Juuso, die mir viel bedeutet; ich lernte viel von ihr. Und ich bin sehr glücklich, dass wir nun eine neue Gruppe haben namens Adjagas, bestehend aus zwei jungen Leuten: Lawra Somby und Sara-Marielle Gaup. Sie können sich glücklich schätzen, mit Joiks aufgewachsen zu sein, denn ihre Eltern joikten auch.«

Ich war neugierig geworden. Ich mailte die Plattenfirma Trust Me Records an, bzw. deren Betreiberin Marit Karlsen. Sie verwies mich auf die Firma Ever Records/K7, die die aktuelle CD (2005) in Deutschland veröffentlichen werde, allerdings erst im September. Verbunden mit einer kleinen Tournee in Deutschland und einem WOMEX-Auftritt in Sevilla. Da ich zeitgleich auch ans Management Bureau Storm geschrieben hatte, erhielt ich von dort ebenfalls Antwort, netter und verbindlicher: Erlend schickte mir die CD.

Und nun rotiert sie also im Player, ich lausche den Stimmen der 21jährigen Sara Marielle Gaup und des 24järigen Lawra Somby und frage mich: Ist das wirklich der kommende Sápmi-Sound?

Natürlich können die beiden für ihr Alter schon enorm viel und bekamen von ihren Eltern eine fundierte Joik-Ausbildung mit auf den Weg; die bisweilen untypisch-modernen Zutaten wie Banjo, Ukulele oder Slidegitarre lassen in der Tat einen unvorbelasteten Umgang mit dem alten Erbe erkennen. Gern hätte ich den Joik-Nachwuchs aus dem nordnorwegischen Guovdageaidnu/Kautokeino, einer meiner Lieblingssiedlungen, als CD des Monats bei www.nordische-musik.de ins Rennen gebracht, aber …

… von der vokalen Intensität eines Johan Sara, der Experimentierfreude eines Frode Fjellheim und den phantasievollen Arrangements eines Wimme Saari sind sie noch meilenweit entfernt: Die Zukunft des Joik hatte ich nicht gehört. Aber man sollte Adjagas noch etwas Zeit geben und sie im Auge behalten.

21. Juni 2006

Fünf Köstlichkeiten

Bandkarrieren zu prophezeien ist manchmal ein bisschen wie auf WM-Spiele tippen. Tschechien – Ghana? Klare Sache, oder? Nur zu blöd, dass die Gefahr des Unterschätzens immer irgendwo lauert. Tschechien: 0, Ghana: 2. Sicher ist eben nichts. Na klar, wenn man The Next Big Thing ausrufen möchte, dann tut man es nicht mit einer Gruppe, die gerade auf einem viertklassigen Label mit null Marketingbudget ihre Debüt-EP veröffentlicht. Aber nichtsdestotrotz ist es spannend, im Untergrund zu buddeln – auch ganz ohne Prognosen auf die Zukunft. Fünf skandinavische Länder, fünf Künstler, fünf kleine oder große Entdeckungen!

Island geht mit Jakobínarína ins Rennen. Eine Band, die im Deutschunterricht richtig gut aufgepasst hat (man höre den Track auf der Myspace-Seite) und ausnahmsweise mal nicht aus der Hauptstadt Reykjavik stammt, sondern aus Hafnarfjörður. Infos abseits der ersten krachigen, aber melodiösen Hörproben ihres Rocksounds sind über die sechs Jungspunde noch spärlich gesät und ohne Kenntnisse der Sprache mit den vielen ð, í, æ, þ noch deutlich spärlicher. Call them »Jako« and keep an eye on them! Geben wir ihnen aber vorher noch die Chance, kurz erwachsen zu werden.

Crunchy Frog, das knusprige dänische Label vermeldet mit Wolfkin (Christian Wolf und Lars Vognstrup) einen Neuzugang. Im pornomäßigen 60er-Soundsalat lässt sich so einiges entdecken: Drumbeilagen aus Programmierern, gepitchter Synthiekäse und psychedelische Soßen. Als Backing-Gitarrist von Junior Senior und bei Money Your Love hat sich Lars das Popmelodieschreiben schon mal abgeguckt. Zumindest die erste Single »A Vacant Heart« versprüht schon genügend Wärme und Tiefe.

Joaquin aus Norwegen hat zwar spanische Wurzeln, macht aber nur halb so heißblütige Popmusik. Neben einer emphatischen und recht sehnsuchtvollen Stimme gibt es immer den Panoramablick gen Mainstream. Aber immerhin kümmert sich der überaus freundliche Nordmann trotz Sony-Deal (in Norwegen schon bei MTV, in Dänemark bereits Radiostar) höchst eigenständig um seine deutsche Promo. Das gibt Fleißpünktchen! Trotzdem steht das Trendbarometer aber tendentiell auf ZDF-Fernsehgarten.

»Please Wait!« bitten die Consequences und bieten genug Platz für Liebhaber von gefühlsechtem Schwedenpop. Gerade wird mit den Produzenten von Mando Diao und den Shout Out Louds (manchmal denkt man, die haben da nur einen Produzenten in ganz Schweden) noch am Debüt-Album gefeilt, aber ein bisschen mehr Eigenheit würde man sich schon wünschen. Die Luft wird in diesem Genre immer dünner, zumal sich an dieser und dieser Stelle genug landeseigene Konkurrenz befindet, die noch die Nasen vorn hat. Von Finnland gar nicht erst zu sprechen.

Bleibt für heute noch eine nette Band aus eben jenem Finnland zu suchen und zu finden. Früher solo unterwegs – jetzt mit Verstärkung – raschelt Vuk mit ihrer Avantgarde-Mischung aus LoFi-Singsang und folkloristischem Unterbau auf ganz bezaubernd eigenen Pfaden. Das erinnert nicht nur zufällig zwischendurch von der Sprechgestik an Björk oder PJ Harvey, denn die Einflüsse von Vuk sind weit gestreut. Hauptsache: atmosphärische Musik, die schon beim ersten Hören Aufmerksamkeit verlangt. In richtige Wege kanalisiert, darf man weiteren Veröffentlichungen dieser Dame schon mal entgegenfiebern!

18. Juni 2006

Warmwerden mit den Envelopes

 Sommer. Schäfchenwattewolken überfahren einen, während nebenan der Schmetterlingslandeanflugbeobachter im satten, duftenden Gras mit den Marienkäfern flirtet. Die Sonne belacht, die karamellgebräunten Beine im sanft umspülenden Meerwasser gedippt, unermüdlich die Sandburg vor der Flut beschützt, sich einbuddeln lassen aber dann doch lieber ein Buddelschiff gekauft. Sich von den Grashalmen unter den Füßen kitzeln lassen und abends unter freiem Himmel mit Lagerfeuer-Westerngitarrenklassikern den glutroten Feuerball hinter den Horizont verabschiedet. Abends, wenn die Luft schon etwas kühler ist, was sie noch viel reiner und erfrischender schmecken lässt. Das Ganze wahlweise in selbstvergessener Abgeschiedenheit in nordischen Wäldern oder mit den besten Freunden in entspannter Urlaubs-Atmosphäre direkt am Fjord.

Und wenn die geschätzte Kollegin unter mir schon wieder die ebenfalls extrem sommerliche Finnland-Keule schwingt, dann gibt´s hier noch ein bisschen Konkurrenz aus Schweden – der perfekte Urlaubs-Soundtrack! Die Envelopes aus Stockholm / Malmö mit französischer Sängerin machen Bungee-Pop. Ein bisschen die Haare angerockt, ordentlich mit C86-Beats beschmiert, College-Parties gestürmt und über Blumenwiesen gequengelt. Halt genau das, was man im Sommer so braucht. Die aktuelle Single »Sister In Love« schützt natürlich auch nicht vor Wurmbefall in den Ohren. Pop, das schon, aber mit eben mit High Voltage und Pixies-Attitüde. Dass das neue Album »Demon« eigentlich nur Demoaufnahmen (Demon ist schwedisch und heißt nichts anderes als Demos) aus dem heimischen Ferienhaus sind? Umso besser! Wir sind gerüstet. This Is The Law!

Die Debüt-Tapes  sind gerade über Brille / Labels / EMI erschienen und noch in diesem Jahr gibt´s das erste richtige Studioalbum. Hoffentlich können sie sich ihre Krallen bewahren.

16. Juni 2006

Auf der Suche nach dem Sommerhit

Sommer, Sonne, kurzes Röckchen, Eiswaffel mit drei Kugeln balancierend und dabei noch mit dem Fahrrad um die Ecke kommen…jetzt fehlt nur noch der mir passende Sommerhit dazu. Also bitte kein balkanesisches Gejammer, kein südamerikanischer Temperamentsausbruch und kein dummer dänischer Reggae. Etwas Poppiges, Leichtes, Verträumtes.

Fündig werde ich in Finnland (Überraschung!). Beim Soloprojekt von Janne Laurila, ehemals Herz und Hirn von Office Building. Der hat den wunderbaren Song »Endless Summer« auf seine Myspace-Site gestellt. Der Song schwebt so schwerelos wie die bösen Pollen durch die Luft und ist gerade diesen Tick traurig, um richtig glücklich zu machen. Laurila schreibt hier so wunderbare Reime wie »and even heartache is fun, when you are bathing in the sun«. Und die Orgel schmeichelt dazu. Seit Tagen spielt die innere Jukebox wenig anderes. So lass ich mir den Sommer gefallen.

 
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