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Foto nordische Landschaft

21. November 2010

Le Futur Pompiste: Langes Warten auf 500 Herzschläge

Es hat ja nur sechs Jahre gedauert. Bis wir uns endlich wieder darin bestätigt sehen können, dass nicht nur Schweden feinen Tweepop machen. Das können die Finnlandschweden genauso gut. In diesen Tagen ist das selbst betitelte zweite Album von Le Futur Pompiste erschienen, und kommt so sanft dahergesegelt wie die ersten Schneeflocken des Winters.

Ein gewisser 60ies-Retro-Charme liegt über diesen Songs mit den beseelten Keyboards und der warmen, gleichwohl zurückgenommenen Stimme von Jessika Rapo. Die Carnaby Street könnte um die Ecke liegen und die Girls mit den vielen falschen Wimpern gegen den Regen quietschbunte knielanger Kunstledermäntel tragen. Coole Eleganz, aber mit Herz. Dazu lässt sich wunderbar tagträumen oder Regentropfen beobachten, die die Scheiben herunterrollen. Von der scheinbar eingängigen Dahinflaniererei nicht täuschen lassen: Diese Songs sind so elaborat herausgearbeitet wie eine komplizierte Stufentorte in der Konditorei.

Warum sechs Jahre Schweigen? Weil es die sechs Pompisten aus dem heimatlichen Vaasa nach Turku, Helsinki und Stockholm verschlagen hat. Weil alle möglichen Stationen des Erwachsenwerdens absolviert werden mussten. Und weil jede Menge Neben- und Hauptprojekte anstanden. Jessika Rapo ist noch beim Duo Burning Hearts aktiv und frönt dem samtäugig-melancholischen Indiepop. Drummer Ville Hopponen bedient ansonsten bei unseren liebsten Smiths-Epigonen Cats On Fire die Trommelstöcke.

Nun denn, sechs Jahre Warten seit dem wunderbar leichtfüssigen Erstlingswerk »YOUR STORIES AND YOUR THOUGHTS« haben sich gelohnt. Im Song »Five Hundred Heartbeats« gehts es ums Zurückkehren nach langer Abwesenheit. Großäuigig, melancholisch, wach.

Five Hundred Heartbeats

14. November 2010

Nóra, Indiepop mit Honigglasur

Von wegen, die Leute kaufen keine Alben mehr. Ich kaufe noch Alben! Am allerliebsten in Reykjavik mit den wohlsortierten Plattenläden plus freundlichstem, fachkundigsten Personal wie dem 12 Tónar. Wo man sich mit einer Tasse Kaffe aufs Sofa verkrümmeln und stundenlang in die interessantesten Neuescheinungen reinhören kann. Wenn denn während des Iceland Airwaves-Festival überhaupt dazu Zeit bleibt! Man kann einfach nicht widerstehen. Ich kann nicht widerstehen. Natürlich die isländische Musikwirtschaft gerne unterstützt und mit einem mittelgroßen Plattenstapel in die hessische Provinz zurückgekehrt, in der es so etwas wie sympathische Plattenläden seit Jahren nicht mehr gibt.

Herbstliches Gruselwetter, Regen und Wind. Viel Zeit also, um in die neuen Scheiben endlich ausführlich hineinzuhören. Die positivste Überraschung bislang ist das Debütalbum des Popkollektivs Nóra, das seine Musik sehr treffend als »Indiepop mit Honigglasur« bezeichnet. »Er einhver að hlustaa«, oder übersetzt »Hört irgendjemand zu?« heißt das vom Titel her selbstronische Werk. Was für eine Frage! Natürlich!

Das Quintett um das Geschwisterpaar Auður und Egill pflegt das Multiinstrumentale, aber auf eine sehr warme und präzise Weise. Beiläufig melancholisch feiern sie gleichwohl das Leben. Selten klang Lo-Fi so satt und sanft und warm. Und keine Bange, langweilig wird es hier nicht: Nóra verstehen es, Spannung aufzubauen, aber sehr unauffällig, niemals effekthaschend. Irgendwelche Dummbacken haben die fünf Musiker in vorauseilendem Gehorsam zu den Reykjaviker Arcade Fire ausgerufen, und dabei Grundsätzliches nicht verstanden. Nóra sind keine gequälten Seelen, die mit Mitteln der Musik die Welt retten wollen. Nein, diese Band versucht nur einfach, einen Zipfel des Glücks einzufangen. Und die wunderbare Neuigkeit ist: Bisweilen erhaschen sie ihn sogar.

24. Oktober 2010

Nightsatan: Halloweengrüße aus Turku

Eine ziemlich lange Weile lang war vom kleinen finnischen Indielabel Solina Records rund um den Produzenten und Musiker Jori Sjöroos wenig zu hören, plötzlich sind heftige Aktivitäten zu vermelden: Dieser Tage erscheint mit »RELIEF« nicht nur das lange erwartete zweite Album der Turkuer Melodrama-Cinemascope-Popper Magenta Skycocde, sondern auch passend zu Halloween mit »MIDNIGHT LASER WARRIOR« das Debüt von Nightsatan. Und das ist nach erstem Reinhören ein großer ironischer Spaß zwischen Metal-Anleihen, Synthie-Overkill, schlechten US-Action-Fernsehserien aus den 80ern und einer Affenliebe zu John-Carpenter-Horror-Filmen. Das Trio aus Turku geht hier mit Gusto zur großen Geste zu Werke und hat an den überlebensgroß-markigen Tönen einen solchen Spaß, dass man dummdöselig dazu mit abtanzen möchte. Hoch lebe das Zitat und das Spielen mit (männlichen) Stereotypen!

Nightsatan kommen ohne Worte aus und lassen dafür lieber ihre Synthies sprechen. Zum Trio gehören einige der üblichen Verdächtigen aus dem überschaubaren musikalischen Universum der finnischen Hafenstadt, darunter Matti-Juhana Ikonen, der ansonsten bei den Twee-Poppern Daisy so tut, als würde er nur kuhäugig zu blicken und als könnte kein Wässerchen trüben. Achtung, dieser ach-so-sanfte Keyboarder hat seine Slayer-, Iron-Maiden- und Metallica-Platten wie Zusatzmunition im Regal stehen! Gleich neben Giorgio Moroder und Jan Hammer!

Dass beim Debüt von Nightsatan trotz aller scheinbar kindischen Anarchie Profis am Werk sind, dafür garantiert allein schon Produzent und Ober-Klangtüftler Jori Hulkkonen. Ein Synthie-Orchester zu dritt ist hier am Werk, heißt es in der knappen Beschreibung des Labels, was die die Sache schon ziemlich gut trifft. Trash auf hohes Niveau tranportiert. Unbedingt tanzbar. Die Aliens sind unter uns, keine Frage, und die Songs tragen schönen Namen wie »Satan From Hell« und »Steel Diamond«. Halloween kann kommen!

05. September 2010

Delay Trees: Können Ohren schmelzen?

Oooops, kleiner Nachschlag zu den Newcomern in der finnischen Popszene im Sommer 2010 nötig. Denn diese Tage eine kleine Mail vom finnischen Indielabel Johanna Kustannus im Postfach, die auf das anstehende Debüt von Delay Trees hinweist. Erscheinungstermin des selbstbetitelten Albums ist Ende September.

»Sanfte Popmusik, die deine Ohren schmelzen lässt«. So beschreibt das Quartett aus Helsinki und Hämeenlinna seine träumerischen, zurückhaltend daherkommenden Songs. Behutsam, geradezu bescheiden schreiten Delay Trees zu Werke. Lassen sich viel Zeit, um ihre schwelgerischen Miniaturen sich entwickeln zu lassen. Es geht hier ums Festhalten an den eigenen Träumen in einer viel zu kalten Erwachsenenwelt. Um Enttäuschungen in Liebesdingen. Darum, den Kopf über Wasser zu halten, mit zarter und zärtlicher Entschlossenheit. Die Grundstimmung ist melancholisch, aber niemals wehleidig. Von naiver Ernsthaftigkeit. Von ruhiger Schönheit.

Tastende Gitarren und schüchterne Harmoniegesänge. Niemals laut, aber immer hellwach. Hier wird die schnelle Welt endlich auf ein erträgliches Tempo heruntergebrochen. Aufmerksames Zuhören eingefordert. Vielleicht rufen wir danach spontan einen alten Freund oder eine alte Flamme an und sagen, dass wir uns endlich mal wieder sehen sollten, um über alte und neue Zeiten zu sprechen. Oder nehmen uns einfach die Zeit, um eine Viertelstunde träumend aus dem Fenster zu schauen.

Um neugierig auf das neue Album zu machen, haben Delay Trees bereits zwei Songs vom neuen Album als freie Downloads zur Verfügung gestellt. In »Cassette 2012« beschwören sie uns eindringlich, bloß nie unseren Glauben an das Gute und uns selbst zu verlieren. Und an die geliebte Person. Die wir vielleicht im Jahr 2012 wiedersehen werden, und dann bringen wir eine Kassette mit Lieblingsliedern mit. Und aktuell, »About Brothers«, einen Song, der für Delay-Trees-Verhältnisse geradezu lebhaft daherkommt. Wie sollen wir fühlen, wenn sich andere verändern, oder wir uns einfach auseinanderentwickeln? Wenn wir uns mit jemandem nicht mehr wohlfühlen und der eigene Bruder plötzlich zu Stahl geworden ist und wir das irgendwie immer gewusst haben? Große Fragen. Delay Trees wissen, dass es darauf keine einfache Antworten gibt.

Delay Trees: Desert Island Song – M1-studio (Live) from Sami Korhonen on Vimeo.

29. August 2010

TV Off: Ja ist denn schon Karneval?

Irgendwie fliegt hier jahreszeitenunabhängig das Konfetti. Darüber rotiert die Discokugel. Es ist schwül, so schwül, dass das Mascara verläuft.

Der Karneval ist in Finnland bislang noch eine recht unbekannte Angelegenheit, aber das kann sich ja ändern. Mit TV Off und ihrem Tanzboden-Elektropop. Die beiden Neuankömmlinge im Tanzlokal drehen die Synthies und die Drummaschinen ordentlich auf und tun ungeniert das, was in ihrem Heimatland eigentlich per ungeschriebenem Gesetz verboten ist: Unverschämt hedonistisch sein.

Sängerin Sara gibt das laszive Vollblutweib, das gleichwohl vom Kaugummikauen und Luftballonsteigenlassen nicht lassen kann. Gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner Markku springt sie auf dem Trampolin, bis ihnen schwindelig wird und die musikalischen Farben zwischen giftiggrün und Hello-Kitty-rosa oszillieren. Zu viel Süßkram essen und gleichzeitig auch noch abtanzen, das will gelernt sein.

Thematisch geht es hier darum, Fahrzeuge in Brand zu setzen, keine Angst vorm schwarzen Mann zu haben. Um Musikmaschinen und komische Flecken. Aber das ist nur die raue Hülle. Im Kern geht es hier nur ums Luftschlangen-umschlungene Abtanzen. Vielleicht setzt man sich dazu noch ein Paar künstliche Teufelshörnchen auf. Würde passen. »MUSIC MACHINE« heißt nebenbei bemerkt auch das Debütalbum von TV Off.

TV Off sind übrigens Teil der finnischen Delegation auf der Berliner Popkomm im September. Dort lässt sich live erkunden, ob der Konfettiregen auch live überzeugend durch die Luft wirbelt.

TV Off bilden vorerst den Endpunkt des kleinen sommerlichen Streifzugs zu neuen Akteuren in der finnischen Popszene. Draußen regnet es unablässig und es ist so kühl, das erstmals seit Monaten die dicke Strickjacke aus den Tiefen des Schrankes herausgekramt werden muss.

Interessante musikalische Entdeckungen gibt es auch bei Temperaturen um die 10 Grad noch jede Menge zu machen. Auf dem Reeperbahn-Festival etwa. Und natürlich auf dem wunderbarsten Festival von allen, nämlich Iceland Airwaves in Reykjavik im Oktober. Der Herbst kann kommen!

TV OFF – Music Machine from Cocoa © on Vimeo.

 
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