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Foto nordische Landschaft

24. August 2010

French Films, oder: Sonnige Musik aus einer kalten Ecke

Putzmunter. So klingen sie, eine der interessanteren neuen Bands aus der finnischen Popszene, nämlich French Films. »Sunny music from a cold place« schreibt Promoter Esa Tontti treffend, um die Richtung anzudeuten, in die es hier geht. Waviger, lebhafter, superlebendiger, tanzwütiger Indiepop ist es, den das Quintett auf seiner ersten Single »The Golden Sea« bietet. Nach langem Überlegen fällt endlich der Groschen, an wen die Stimme von Sänger Joni errinnert. An eine jüngere, frechere, sehr viel weniger pompöse Ausgabe von Men-Without-Hats-Sänger Ivan Doroschuk. Oh ja, »Safety Dance« und die guten alten 80er!

French Films selbst definieren die wichtigsten Einflüsse ihrer Musik so: »Dreaming, cold & dark winter, being alive.« Nicht schlecht für den Anfang, Jungs! Als gehypte musikalische Nachbarn lassen sich everbody´s aktuelle Darlings The Drums ausmachen, hinter denen sich French Films nicht wirklich verstecken müssen. Sollten die positiven Schwingungen des einzigen bisher veröffentlichten Songs fortsetzen. Was wir wohlwollend hoffen wollen. Eine EP soll in Bälde herauskommen, das Album-Debüt ist für den Januar geplant. Auf die hypothetische Frage, was sie tun würden, falls sie sich auf einem sinkenden Schiff befänden und nur zwei funktionierende Rettungswesten vorhanden wären, antworten diese Jungs: »We would proudly sink with the ship!« Definitiv die richtige Einstellung.

(Foto: Tuomas Välinen)

15. April 2010

Dänemark, immer merkwürdiger: Mimas

Fast scheint es so, als wollten dänische Bands zu ihren finnischen Kollegen aufschließen, was Schrulligkeit und Eigenwilligkeit angeht. Waren Speaker Bite Me, Under Byen oder Oh No Ono bereits Musiker, die sich bestens unter die Kategorie »merkwürdige Töne« einordnen ließen, dann sind Mimas würdige Kandidaten, um sich in diese Reihe einzuordnen. Das Quartett spielt, um es ganz grob einzugrenzen, experimentellen Indierock mit Anleihen beim Postrock, was das lustvolle Ausufern angeht.

Wild, unvorhersehbar, ernsthaft, (selbst)ironisch und stellenweise von naiver Feierlichkeit. Die Stimme von Sänger Snævar Njáll Albertsson erinnert bisweilen an Jónsi von Sigur Rós, ist aber viel erdiger, diesseitiger und dem Elfentum zutiefst abgeneigt. Das Quartett ist offen für alle Seitenpfade, die so einladend und geheimnisvoll vom breiten Weg abzweigen: Denen müssen wir folgen! Mit schrägen Harmoniegesängen, hektisch irrlichternden Gitarren und seelenvollen Trompeten, wenn nötig. Manchmal traurig, manchmal wütend, immer eigensinnig.

Mimas sind irgenwie Charakterköpfe. Basser Gert Hoberg Jorgensen sieht aus wie der gigantische kleine Bruder von Wayne Rooney, und wenn er nicht einen so dezidiert ruhigen Eindruck machte, dann würde man sich wohl fürchten, den Mann zu nächtlicher Stunde in einer Seitenstraße zu treffen. Mimas war übrigens laut Wikipedia ein griechischer Riese, also passt die Statur von Jorgensen doch bestens zum Bandnamen.

Mimas sind Spaßvögel, die sich selbst nicht zu ernstnehmen. Bei Konzerten tragen sie alberne Hoodies mit dem Emblem eines gebrochenen Herzens und traurigen Blutstropfen, die sich theatralisch über die ganze Vorderseite ergießen. In Farben, die ihnen so garnicht stehen. Sind ungehemmt albern und zu Scherzen aufgelegt, über die sie selbst am meisten grinsen müssen. Beim Konzert letztens im wunderbaren Hafen2 in Offenbach erzählten sie jede Menge peinliche Dinge wie die von den ersten Platten, die sie gekauft haben (ich sage nur: Münchner Freiheit!) und stellen so abseitige Fragen wie die, ob Spinnen Ohren haben. Bringen das Kunststück fertig, dass das Publikum ihnen aufmerksam zuhört und trotzdem ständig mit ihnen lacht.

Den Kauf des neuen Albums »THE WORRIES« beim rothaarigen Schlagzeuger und bekennenden Fussballfan Lasse Dahl nach dem Konzert nicht bereut. Nein, gar nicht! Leidenschaftlich, unvorhersehbar, gleichzeitig zartfühlend. Anrührend, seelenvoll,  in all seiner Verschrobenheit. Mimas würden über dieses Verdikt vielleicht erstmal laut loslachen, aber hinterher, wenn keiner zusieht, dann hoffentlich doch zustimmend nicken.

15. Februar 2010

Wer braucht noch Labels? For A Minor Reflection

Den traditionsreichen Plattenlabels schwimmen die Felle davon. Ihre ureigenste Aufgabe, nämlich der Aufbau von Musikern als Marke, wird zunehmend obsolet. Weil die Musiker,  unzufrieden mit den herrschenden Verhältnissen, diese Aufgabe selbst übernehmen. Und  somit das ohnehin bröckelnde Selbstverständnis der Labels weiter untergraben. »Wir brauchen euch nicht«, so lautet die Botschaft. Über Internetplattformen und soziale Netzwerke nehmen wir die Sache selbst in die Hand. Wir brauchen kein Label mehr, das für uns denkt. Das können wir selbst. Hier könnte ein epochaler Bruch im Gange sein. Wenn sich mit Musik ohnehin kein Geld mehr verdienen lässt, dann brauche ich auch keine Plattenfirma, die so dumm ist, Milliardenverluste zu schreiben wie derzeit EMI. Der Kaiser ist nackt und versteht nicht, was gerade passiert.

Ein Beispiel: Die isländischen Postrocker For A Minor Reflection, die auf Festivals einigen Eindruck hinterlassen haben und sich eine beachtliche Fanbasis geschaffen haben. Ohne Label, ohne Vertrag. So könnte die Finanzierung eines Albums und einer Tournee künftig laufen.for-aDie jungen Isländer spannen das Web für Ihre Zwecke ein, um mit ihrer Musik voranzukommen. Über die Plattform Pledge können Fans Kleinbeträge spenden und sich personalisierte Nettigkeiten sichern – von handsignierten T-Shirts der Band bis zur Einladung in den Probenraum.

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Kleiner bis mittelgroßer finanzieller Aufwand, persönlicher Kontakt zur Band als süße Belohnung. Ob dieser Ansatz dauerhaft funktioniert, muss sich erweisen. Aber tradierte Machtbeziehungen werden hier einfach per stiller Revolte abgeschafft. Irgendwie aufregend. Hier tut sich was, und zwar auf Graswurzel-Niveau, wie zu Zeiten der seligen Sechziger.

(Foto: Neil Milton)

08. Februar 2010

Starflower: Von Vögeln, Kanonenfeuer und Schnee

Das Jahr ist noch jung genug, um einen kleinen Blick darauf zu werfen, was aus der höchst lebendigen und außerhalb des Landes nahezu unbekannten finnischen Indie-Popszene auf uns zukommt. starflo-1Starflower zum Beispiel, die Pianopopspielkinder aus Pori, legen am 3. März ihr neues Album »CEASEFIRES« vor.  »Of Birds, Cannon Fires And Delays Caused By The Snow« heißt das Motto, unter das die  Band ihren Zweitling gestellt hat. Als erste Einstimmung auf kommende Traumtänzereien haben die Fünf mit You King einen Song plus Video auf ihre Homepage gestellt, der die Latte zum zustimmendenLächeln schon mal ziemlich hoch legt. Verhaltene, fein ausgemalte Sehnsüchtereien. Vögel ziehn gen Himmel, wir stapfen durch den Schnee, und irgendwie schaffen es diese Provinznachwuchskräfte, klassisch und strukturiert eine romantische Grundleichtigkeit zu schaffen.

Starflower – You King [HQ] from Starflower on Vimeo.

Aus dem Küstendtädtchen Pori kommen übrigens – gemessen an der Größe! – eine Vielzahl interessanter Bands unterschiedlichster Stilrichtungen von Eleanoora Rosenholm über Circle bis zu Magyar Posse. Der Laie staunt. Und Pori wäre nicht Pori, wenn die Verflechtungen der Bands untereinander nicht auch Starflower tangieren würden. starflo2Bassist Lauri Hannus (der übrigens auch für das Video verantwortlich zeichnet) ist am selben Instrument auch für die wunderbaren Lowlife Rock´n´Roll Philosophers aktiv, der bebrillte  Schlagzeuger Mikko Grönlund war früher bei den leider aufgelösten Klavierpopheroen Baby Sweetcorn aktiv. Diese Querverweise und gegenseitigen Einflüsse in der Pori-Szene wären ein Thema für eine musikhistorische Doktorarbeit, Freiwillige bitte fix voran!

Lebenszeichen gibt es imn finnischen Pop übrigens auch von den lange auf Tauchstation gegangen locker-ironischen Husky Rescue. Und von den Melodrama-Schwärmern Magenta Skycode. Und von den unbeholfenen Träumern Flannelmouth. Von unseren Lieblingsverlierern Daisy ganz zu schweigen. Kommt alles noch hier. Versprochen.

(Bandfoto: Maria Arponen)

20. Januar 2010

Eurosonic 2010: Krise, welche Krise?

Die Musikindustrie ist in der Krise. Darüber gab es auf der Konferenz der diesjährigen Ausgabe des Eurosonic Festivals im niederländischen Groningen jede Menge Diskussionen, jede Menge unterschiedliche Standpunkte und nur sehr wenige überzeugende Antworten. Wird es in fünf Jahren noch Platten geben, Alben geben, oder wird sich dieses Konzept völlig überholt haben? Den großen Labels bleibt, so scheints, nur das Prinzip Hoffnung. Deutlich wird eines: Die alten Sicherheiten, wie die Dinge im Geschäft zu laufen haben, verlieren sich im digitalen Nebel. Klar ist nichts. Außer vielleicht der Tatsache, dass wir immer mehr Abschied vom Mainstream nehmen müssen. Die Nischen regieren.

Geblieben ist das Gefühl, das Festivals stets prägt: Welche Bands aus dem schier unüberschaubaren  Angebot soll man an diesem kalten, verschneiten Winterabend wählen? Was ist aufregend, wo lohnt es sich hinzugehen? Über wen wird am meisten geredet? Von angesagten Kapellen sollte man sich aber nicht unbedingt anziehen lassen. Der beste Weg: Sich treiben lassen und vielleicht ein paar Tipps von Freunden auf dem Weg mitnehmen.

Beim spontanen Entscheidungsprozess kann man auch danebenliegen. Wie beim schwedischen Quartett Royal Republic, die in den leergefischten Gewässern von Übervätern wie The Hives räubern und zu markigen Männergesten tendieren. Ordentlich ehrlichen Schweiß vergießen, wie es sich gehört, mit viel Stil und Pose, versteht sich. Aber nach Publikumsanbiederung ist der Nachtschwärmerin heute nicht, deshalb schnell entfleucht um die letzten Song der verträumten norwegischen Indierocker I Was A King mitzubekommen, die immer noch die feinen Verästelungen des Gefühlslebens pflegen, aber an Härte gewonnen haben. Steht ihnen nicht schlecht!

Mit dem Fahrrad an der Kirche vorbei auf die andere Grachtenseite gerutscht um nachzuschauen, was sich hinter all den netten Vorankündigungen von Pony The Pirate verbirgt, wo Norwegen doch sowieso das ausgewählte europäische Land ist, das im Zentrum des Festivals steht. ponyUff,  eine dieser vielköpfigen Spaßtruppen, die sich Fröhlichkeit und Tanzbarkeit auf die Fahnen geschrieben haben: Acht Protagonisten mit einer Überzahl Instrumente tummeln sich auf der Bühne und singen sich die Seele aus dem Leib. Das ist angenehm, das ist übermütig, dieses Gewirbel und diese wunderbar funktionierende Gruppendynamik. Das bringt die Beine zum Steppen, das lässt die Mundwinkel nach oben ziehen, das ist ein sympathisches Völkchen. Aber, hmm, um das Herz der Nachtaktiven zu gewinnen, braucht es etwas mehr.

Etwa das Unerwartete. Fast widerwillig den Gig von Nicolai Dunger sausen lassen, um auf Empfehlung von Mikko und Florian von der Frankfurter Solarpenguin Agency die finnische Sängerin Manna anzuhören.  mannaEin Beweis dafür, dass man auf den Rat von Experten hören sollte! Manna ist eine zerbrechlich-harte Mischung aus Barschlampe, Femme Fatale und gutem Mädchen.  Keiner hat je wirklich geglaubt, dass Debbie Harry eine Frau ist, die viel zu viel vom schlechten Leben weiß. Dazu war sie immer viel zu intelligent und überlegen. Dazu hatte sie immer zu viel dieser gesunden Zerbrechlichkeit, die sie entschieden auf die Seite der Überlebenden und Kämpferinnen zog. So könnte es bei Manna sein. Gefühl und Härte, intensiv, unfertig, im Aufbruch. Aufregend! Im Club stehen das Wasser, das Bier zentimeterbreit auf dem Boden, aber das ist egal in diesem Fall. Ein selbstbewusstes Lächeln der Sängerin. Kein anbiederndes. Macht einen Unterschied, tastsächlich!

Die wunderbaren Seabear aus Island gießen den sanften, sternenfängerischen Folkpop in der Großgrupppe, so sehr, dass die Augen leuchten. Pflegen das Improvisierte, das Unfertige, das Zärtliche und gewinnen Herzen damit. Zu einfach gestrickt? Von wegen! Naivität und Ernsthaftigkeit regieren!

Der eigentliche emotionale Höhepunkt des Abends aber kommt mit den finnischen Psychedelik-Rockern Joensuu 1685 nachts um Viertel nach eins im Vera. Verschroben. Intensiv. Bar jeder Eitelkeit. joensuuSänger Mikko Joensuu trägt Rosenkranz auf weißem Bauernhemd, garniert mit Streberbrille anno 1979. Würde keinem schwedischen Musiker je einfallen, so was. Überrollen das Publikum mit der Unwiderstehlichkeit reiner Schwerkraft. Kein Widerstand möglich. Reptetitive Klangmuster, bis zur Explosion vorangetrieben. Visionen, Innerlichkeit, ehrliche Abgehobenheit. Krautrock, Drone, alles Begriffe, mit denen sich Joensuu nie wirklich fassen lassen. Die Finnen bringen es fertig, rohe Gefühle auf ihr Grundraster zu reduzieren und dann etwas völlig Neues entstehen zu lassen. Der Bass sitzt noch Stunden später fest im Bauch. Der starke Eindruck wirkt nach. Noch Tage später.

Fotos: Dalai Lamula

 
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