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Foto nordische Landschaft

10. September 2009

Joensuu 1685: Shining Brighter Than The Light

Im Frühherbst der Blick zurück in den Sommer. Weil dieses Album über die vergangenen Wochen hinweg eigensinnig den Weg ganz oben in den Stapel gefunden hat, wo die absolut wichtigsten Platten stets griffbereit für alle Lebenslagen liegen. Und immer wieder diesen einen Song hören: (You Shine) Brighter Than The Light und nicht genug davon bekommen.

Joensuu 1685 auf der kleinsten Bühne auf dem Ruisrock Festival in Turku. Drei späthippiehafte junge Männer mit Hinterwäldler-Ausstrahlung. Sie sind selbstbewusst genug, eines ihrer größten Asse zu Beginn auf den Tisch zu legen, gleich den Standard so hoch wie möglich zu setzen: joensuu3Eben mit (You Shine) Brighter Than The Light. Mit seinen süchtigmachenden, mantrahaft-eindrücklich wiederholten Keyboardlines, die diesem Song eine ungeahnte Eindrücklichkeit verleihen. Die bleiben. Und Dummbacken könnten das Stück in die weite Kategorie Ballade einreihen und falscher nicht liegen. Es ist eine Hymmne, ein Manifest für eine Band, die sich ihr eigenes Territorium erobert, Schneisen ins Dickicht schlägt. Sich irgendwo zwischen Progressive Rock, Experimentalrock und Noiserock einrichtet und eine gute Portion finnische Innerlichkeit dazugibt, fundamentalchristlich angehaucht. Diese Jungs haben ihre Bibel gelesen.

Beim Festivalauftritt ist die Band, die sich nach dem gemeinsamen Nachnamen der drei Mitglieder benannt hat, in sich selbst und ihre Musik versunken. joensuu-2Verliert sich in aufeinandergetürmten Soundstrukturen, Lärm und Rückkopplungen und ist doch ganz präzise bei sich. Vielleicht irgendwo auf dem Weg, um das helle Licht zu sehen. Wütend, leidenschaftlich, anders.

Wer im Osten Deutschlands wohnt, hat demnächst die Gelegenheit, Joensuu 1685 live zu erlebem. Die Band kommt für drei Konzerte nach Deutschland. Näheres unter unseren Tourterminen. Berlin, Leipzig, Dresden. Hingehn!

(Die Fotos sind von Tomi Mikola und Näyrde Von G.)

06. September 2009

Astrid Swan: Ich bin doch noch keine dreißig

Echte Identitätskrisen kriegt man doch erst mit 40. Oder? Geht es schon mit Ende 20 los, dass man sich überlegt, wo denn das eigene Leben so hintreibt und ob nicht schon irgendetwas unwiderruflich vorbei ist? Dass man mit Entsetzen feststellt, dass man mit unter 30 schon vor zwölf Uhr nachts im Bett liegt und in der langweiligen Vorortsiedlung wohnt?

Die finnische Sängerin Astrid Swan hat auf ihrem neuen Album »BETTER THAN WAGES« astrid1genau aus diesem undefinierbaren, sporadisch aufflackernden Grauen, dass man genauso werden könnte wie die Eltern, einen wunderbar ironischen, wütenden Song gemacht, der passenderweise »2000-2010 heißt (I´m Not Even 30)«. Synthies wummern, und darüber liegt die leicht hysterische Stimme Swans, die den besten Highheels nachtrauert, in denen sie die Nächte in den Clubs durchgetanzt hat, den perfekten Jeans und hinterherheult und den aufregenden geheimnisvollen Telefonanrufen, die einfach ausbleiben. Sami Sanpäkkilä, Experimentalfilmer und Mann hinter dem eigenwillig-innovativen Fonal-Label, hat den Song in ein Video umgesetzt, in dem sich sich ein völlig normales Apartment in eine Schreckenskammer bürgerlicher Angepasstheit verwandelt.

Swan, die als Frau am Klavier auf ihrem ersten Album »POVERINA« noch auf den Spuren von Tori Amos wandelte, hat sich gehäutet und das Klavier vorerst hinter sich gelassen. Hat sich eine Band dazugeholt, die Drunk Lovers, und rockt los und lässt alles, was jemals astrid2die Farbe Rosa in ihrem musikalischen Leben hatte, hinter sich. Aber auch die dunkleren, kulturkritischen, intellektuellen Töne des Vorgängeralbums »SPARTAN PICNIC«. »Ich wollte einfach Spaß haben«, sagt sie in einem Interview zu »BETTER THAN WAGES«, das Anfang September beim finnischen Label Johanna Kustannus herausgekommen ist. Und fügt fast unnötigerweise hinzu. »But of course, my sort of fun is not pure bubblegum«.


17. Mai 2009

For A Minor Reflection: Isländischer Postrock mal anders

Island, Postrock, Sigur Rós. Die übliche Dreieinigkeit. Aber hier wollen wir nicht stehenbleiben. Der Nachwuchs drängt nach. Vier Zwanzigjährige aus Reykjavik, die melodramatischen, instrumentalen Postrock zelebrieren und sich For  A Minor Reflection nennen. Na und, großartige Neuigkeiten, das machen Bands wie Mogwai und Godspeed You! Black Emperor doch alle Tage, werden Skeptiker sagen.

Wer sich nicht überraschenfomr1 lassen will, dem entgehen die leidenschaftlichen, empfindsamen, ausufernden, intelligenten Songs auf dem Debüt »Reistu þig við, sólin er komin á loft…«. Übersetzt heißt der Albumtitel übrigens in etwa »Steh auf und strahle, die Sonne ist aufgegangen«. Klare Ansage.

Eine wesentliche Komponente des Postrock ist seine Experimentierfähigkeit. Über Grenzen gehen, Schönheit suchen, sich bis zur völligen Erschöpfung verausgaben. Versuchen, irgendwelche fernen, fernen Ideale zu erreichen. Sich den Blick des kindlichen Staunens zu bewahren. Den ach so erwachsenen Alltag hinter sich lassen. Sich Zeit nehmen, die blaue Blume zu suchen. Alle Postrocker sind in dieser Hinsicht echte Romantiker.

For A Minor Reflection sind im besten Sinne Suchende. Das haben auch die größten Ausprobierer, Träumer und Grenzgänger Islands erkannt. Sigur Rós haben die Nachwuchsband bereits auf Europatour mit unter ihre Fittiche genommen und sie mit dem nachdrücklichen Kompliment bedacht, dass For A Minor Reflection irgend eines fernen Tages besser sein werden als Mogwai. Na denn.

famr2For A Minor Reflection sind übrigens auch ohne ihre großen Förderer flügge. Anfang Juni sind die Isländer im Rahmen der Norðrið-Reihe auf Deutschland-Tour. Nähere Informationen unter unseren Tourterminen. Das Frankfurter Konzert ist bereits in meinem Terminkalender mit Rotstift vorgemerkt.

18. April 2009

One Morning Left: Schreihälse, Spielkinder

Finnland ist zwar Metal- und Hardcore-Hochburg, aber bei beim Thema Post-Hardcore und Post-Screamo wird die Luft schon dünner. Und kommen dann noch Electronics mit ins Spiel, die eine gewisse Affinität zu Pop und Synthie-Glam nicht verbergen, dann muss man im Headbanger-Land schon sehr intensiv suchen. Ob one-morning-left-1One Morning Left bewusst auf dieses Alleinstellungs-Merkmal gesetzt haben, das sei mal dahingestellt. Die fünf Provinzjungs aus Vaasa und Jyväskylä sind Anfänger, aber was für welche! Mit einer unbändigen Lust an Anarchie und Aufbegehren. Und am Zerstören von Strukturen. Aber aus den Bruchstücken kommt etwas sehr Tanzbares, etwas sehr Ironisches, etwas unbedingt Positives heraus. Man möchte schwören, dass Miksu, Roni, Tokke, Olli und Tomppa bei den Aufnahmen zu ihrer ersten EP »PANDA <3 PENGUIN« mehr als die Hälfte der Zeit nur abgelacht haben. Wenn nicht Sänger Miksu zu sehr mit Schreien beschäftigt war. Spaßvögel sind die Fünf ohnehin. Auf den wunderbar pseudo-dilettantischen Promofotos hantieren sie hingebungsvoll mit Haarglättern. Das sollen richtig böse Jungs sein?

Songs wie  »BD_L3ftoverZ!« sind ein funkelnder, aggressiver Spaß, der nicht nur den blassen Emocore-Buben gefallen dürfte, sondern auch deren Freundinnen. Selbst die gute alte Italo-Synthiegarde dürfte weise lächelnd dazu nicken. Denn irgendwo ganz oben an der Decke one-morning-left2dreht sich die glitzernde Disco-Kugel so schnell, dass sie demnächst aus der Verankerung fliegt und tausende von Spiegelsplittern sich in Herz und Hirn der Tanzenden bohren.

Ein Label haben die Jungspunde ebensowenig wie mehr als fünf Songs auf ihrer myspace-Seite. Dort aber ist »BD_L3ftoverZ!« schon über 120.000 Mal abgerufen worden, was für eine gewisse Akzeptanz in der Gemeinde spricht. One Morning Left nehmen das als ermutigendes Signal und sind Anfang Mai erstmals auf Tour außerhalb Finnlands unterwegs. Näheres bei unseren Tourterminen.

02. April 2009

Cool und gelangweilt: Le Corps Mince de Françoise

lecorpsmincedefranoiselcmdf42Darauf muss  man erstmal kommen: Die eigene Band Le Corps Mince De Françoise zu nennen. Übersetzt in etwa: Der schlanke Körper von Francoise. Mal wieder ein Erfolg der finnischen Schulpolitik, dass diese drei Mädels aus Helsinki im Französischunterricht besonders gut aufgepasst haben? Die Schwestern Emma und Mia Kemppainen und ihre Freundin Mia Nykvist sind ausgezogen, um in diesem Jahr die legitime Nachfolge der brasilianischen Elektropopüberflieger Cansei De Ser Sexy anzutreten. Mit leicht überdrehten Dancefloor-Electronics und einer schicken Dosis Anarchie allein aber kommt man heute aber nicht mehr weit. Die stylishe Selbstinszenierung spielt eine eine ebenso große Rolle. Eine Band wie The Knife hat Generationen von Halbwüchsigen beeinflusst und auch bei LCMDF ihre deutliche Spuren hinterlassen. Mode wird zur Inspiration für Popmusik und umgekehrt. Schon irgendwie merkwürdig. Aber es wirkt. Dass die Drei vor kurzem die Begleitmusik zur Schau des Pariser Modemachers Castelbajac spielen durften, hat ihrer Karriere gewiss nicht geschadet.

Aber genug gemäkelt! Die drei finnischen Französinnen kultivieren diese gewisse Unfertigkeit, Amateurhaftigkeit, die ihrem Post-Rrrriot-Girls-Aufmüpferpop erst den wirklichen Charme verleihen. Mit den Klischee der herausgeputzten Punkdiscorebellinnen spielen diese drei nur. Viel zu jung, um tatsächlich die Überzicken zu geben, wie sie es in ihrem Song »Bitch Of The Bitches« tun. Und so abgeklärt, dass sie cool und gelangweilt sind wie in »Cool And Bored«, das sind sie trotz drei Ladungen Lidschatten in Regenbogenfarben noch lange nicht.

lecorpsmincedefranoiselcmdf2Was hier wirklich zählt: Die unwiderstehliche Tanzbarkeit. Energie, Temperament und eine riesengroße Spiel- und Experimentierlust. Die unbeschwerte Attitüde: »Hallo Welt, hier kommen wir«! Was für sie spricht: Ihre unbedingte Verliebtheit in bliepende Sounds aus der Frühzeit des Computerzeitalters. Und wer zu all dem nicht tanzen mag, muss Oropax in den Ohren haben.

Noch haben Le Corps Mince De Françoise noch nicht einmal ihr Debütalbum herausgebracht, das für dieses Jahr ansteht. Einen ordentlichen Hype um sich gemacht haben sie allerdings schon. Ob sich ihr groovig-angesagter Halbstarkensound auch live gut anhört, können zumindest die Besucher des Leipziger »Don´t Believe The Hype Festivals« am 9. April herausfinden.

Und noch was: Die Twitterei hat inzwischen auch Helsinkis Bands massenhaft erfasst. Was Emma über den Stand der Dinge zu sagen hat – hier sind ihre aktuellesten Tweets abzurufen.

 
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