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Foto nordische Landschaft

09. Juli 2006

The Lonesome Girl From Saskatoon

 Warum gerade die Norweger ihre Affinität zu Country-Musik pflegen? Vielleicht ist es dieses Homecoming-Feeling, diese Wärme und Naivität, die von diesen Klängen ausgeht. Denn an Schaufelraddampfern, Cowboys und Squaredance-Festen liegt es gewiss nicht. Für weitere Infos befragen Sie bitten einen Sozialpsychologen ihrer Wahl und überbrücken die Zeit im Wartezimmer mit Girl From Saskatoon, die sich genau so anhören, wie es ihr Name suggeriert.

Bluegrass, Fidelfolk, Westerndetails und jede Menge Sehnsucht nach was auch immer verbindet das Duo bestehend aus Jens C. Andreassen und Nathalie Bekkelund zu ihrer eigenen Melange, die mitunter so schwül ist, dass man texanische Blitze zu sehen scheint. Dabei ist der Gesang von Nathalie und das Drumherum von Jens nicht so bieder und verstaubt, wie es jetzt den Anschein hat – schließlich waren sie bereits auf Tour mit Madrugada. Ihr Debütalbum »This Is Only The Beginning« ist dieses Jahr in ihrer Heimat erschienen, hier schon mal zwei kostenlose MP3s.

Zwei weitere Songs gibt es auf ihrer Myspace-Seite. Und wenn der Anfang von »Shiver In The Dark« wirklich bewusst auf Freddy Quinns Schlagerklassiker »So schön war die Zeit« referiert, stellt das nur die Coolness dieses Projektes unter Beweis. Yee-ha!

29. Juni 2006

Wo ist Erlend Øye?

Ein bisschen aus dem Blickfeld verschwunden ist der verwuschelte Rotschopf, der nachdenkliche Hornbrillenträger und introvertierte Berlin-Freund. Das Aushängeschild der Bergener Quiet-Is-The-New-Loud- Proklamation. Dabei dürfte ihm weniger langweilig sein, als man gemeinhin annehmen würde. Folgen wir also mal ein bisschen Erlends letzten Spuren. Die sind nämlich viel frischer als das letzte Kings Of Convenience-Album, was vor genau zwei Jahren Geburtstag feierte. Oder seine Homepage, die Brachland in der Mongolei in nichts nachsteht. Wo also ist der musikalische Tausendsassa?

 Aufschluss gibt seine Leidenschaft für pluckernde Beats, die er mit dem Remixalbum »Versus«, seinem Soloalbum »Unrest« (2003) und dem DJ-Set für die DJ-Kicks-Reihe des !K7 Labels auch öffentlich unter Beweis stellte. Berlin mag er. Und Elektro. Eine Gleichung, die unweigerlich zu dem Projekt The Whitest Boy Alive führt. Noch nie was von gehört? Logisch, denn das elektropoppige Debüt soll erst im September hier in Deutschland veröffentlicht werden – mit Erlend an den nerdigen Vocals. Reinhören ist hier gestattet, kaufen geht bereits günstig an dieser Stelle. Was immer dieser Mann anpackt oder seine Stimme drüber bettet – es wird eine Ohrenschmaus! Live erleben kann man diese deutsch-norwegische Kollaboration übrigens unter anderem Mitte Juli auf dem Dour-Festival in Belgien, was mit einem fairen Eintrittspreis und vier Tagen feinster musikalischer Untermalung aufwarten kann.

Aber hey! Ein Projekt, das kann doch nicht sein Ernst sein? Natürlich nicht. So zupft Erlend ein bisschen  Gitarre auf dem aktuellen Album von Schneider TM »Škoda Mluvit« (lohnt alleine wegen »Caplets«, einem der besten Songs des Jahres) und trällert ein wenig auf dem neuen Album von Jimmy Tamborello (DNTEL, The Postal Service), der unter der Drittidentität James Figurine (leidet der gute Herr eigentlich unter Verfolgungswahn?) gerade mit »Mistake Mistake Mistake Mistake« ein leicht technoides, aber wunderbares Tanzalbum abgeliefert hat.

Man wittert förmlich den Angstschweiß der Verehrer der folkigen Ditties, der schmachtenden Akustikverehrung. Macht Mr. Øye jetzt nur noch in elektronisch? Aber keine Angst: die Kings Of Convenience sind noch nicht in der Ablage mit dem Altpapier gelandet. Schließlich braucht jeder Ausgleich irgendwann mal einen Ausgleich. Wer allerdings nicht ins Baltikum fährt oder nach Norwegen, der hat schlechte Chancen, die Kings in diesem Sommer live zu erleben. Aber irgendwann gibt es ganz sicher auch wieder eine Deutschlandtour. Beim dritten Album. Man munkelt schon: es tut sich was!

28. Juni 2006

Mando Diao vs. Sugarplum Fairy – Bruderzwist in der Schwedenstube

 Die Schweden sind ein missgünstiges Volk. Hat der Bruder Erfolg, versucht der gelbe Widerpart alles daran zu setzen, um ihm ebenbürtig zu begegnen. Carl und Viktor heißen die beiden schlacksigen Anfangszwanziger, die genau dahin wollen, wo Bruder Gustav bereits ist: ganz nach oben auf den skandinavischen Rockthron, um den sich scharenweise blutjunge Mädchen tummeln. Mando Diao heißt die Band des ältesten der drei Norén-Brüder, die binnen zwei Alben europaweit an die Spitze preschen konnte und als etablierte Rockgröße im September mit »Ode To Ochrasy« ihre Position festigen werden. Carl und Viktor bleibt vorerst also nur das Aufschauen, denn ihre ganz eigene Band Sugarplum Fairy ist so etwas wie die noch nettere Kopie von Mando Diao – bevorzugt von jungen Musikhörer(innen) genutzt, um den Absprung vom Charts-Einheitsbrei zu »echten« Bands zu schaffen. Die erste Single »She« aus »First Round First Minute« (VÖ 18.08., die Noréns veröffentlichen im Gleichschritt) klingt, wie Retropop nun einmal klingt und erinnert am ehesten an die genau so netten Local Boys. Der Neid wird also wohl noch ein bisschen wachsen, denn das neue Mando Diao wird wieder nicht nur die besseren Songs, sondern auch den größeren Erfolg haben. Vielleicht gibt´s aber auch eine brüderliche Umarmung und sie fahren wieder gemeinsam auf Tour.

Ob es in der Kjellvander-Familie harmonischer zugeht? Seelenstripper und Saitenzupfer Christian dürfte am ehesten ein Begriff sein, aber sein Bruder Gustav gibt nicht auf. Während seiner Schulzeit in Malmö veröffentlichte er mit Sideshow Bob zwei Alben, tritt als Gastmusiker in Erscheinung und ist nun solo als Fine Art Showcase unterwegs. Sein zweites Album »Radiola« erblickt im August auch das Licht hiesiger Plattenläden. Mit einer perfekten Stimme, die angenehm an Leonard Cohen erinnert und in noch perfekterem Englisch, als man es von den Nordlichtern eh gewohnt ist – kein Wunder, lebten die Kjellvanders zehn Jahre lang in Seattle, bevor sie nach Schweden zurückkehrten. Und in diesem Fall überholt der jüngere Spößling sogar beim musikalischen Output seinen familären Konkurrenten. Mit verwaschenen Melodien und stimmigen Arrangements kann er mit den teilweise leicht drögen Folksongs von Christian locker mithalten und mehr. Aber vielleicht sind die Schweden auch überhaupt nicht missgünstig. Vielleicht sollte man es einfach− positiv gewandet – vorgelebte Inspiration nennen.

25. Juni 2006

Adjagas

Adjagas

Als ich Mari Boine beim Interview vor wenigen Wochen nach ihren Vorbildern fragte, nannte sie viele Namen, die ich erwartet hatte und die ich ihr durch meine Frage bereits in den Mund gelegt hatte: Valkeapää, Sara, Wimme. Mir völlig unbekannt war jedoch ein Duo namens Adjagas. O-Ton Boine:

»Natürlich hörte ich viel Nils-Aslak Valkeapää. Er war der Erste, der Joiks bekannt machte. Selbstverständlich beeinflusste er mich – sowohl seine Texte als auch seine Musik. Ebenso Johan Sara. Und Wimme Saari natürlich auch. Und es gibt eine weibliche Joikerin Inga Juuso, die mir viel bedeutet; ich lernte viel von ihr. Und ich bin sehr glücklich, dass wir nun eine neue Gruppe haben namens Adjagas, bestehend aus zwei jungen Leuten: Lawra Somby und Sara-Marielle Gaup. Sie können sich glücklich schätzen, mit Joiks aufgewachsen zu sein, denn ihre Eltern joikten auch.«

Ich war neugierig geworden. Ich mailte die Plattenfirma Trust Me Records an, bzw. deren Betreiberin Marit Karlsen. Sie verwies mich auf die Firma Ever Records/K7, die die aktuelle CD (2005) in Deutschland veröffentlichen werde, allerdings erst im September. Verbunden mit einer kleinen Tournee in Deutschland und einem WOMEX-Auftritt in Sevilla. Da ich zeitgleich auch ans Management Bureau Storm geschrieben hatte, erhielt ich von dort ebenfalls Antwort, netter und verbindlicher: Erlend schickte mir die CD.

Und nun rotiert sie also im Player, ich lausche den Stimmen der 21jährigen Sara Marielle Gaup und des 24järigen Lawra Somby und frage mich: Ist das wirklich der kommende Sápmi-Sound?

Natürlich können die beiden für ihr Alter schon enorm viel und bekamen von ihren Eltern eine fundierte Joik-Ausbildung mit auf den Weg; die bisweilen untypisch-modernen Zutaten wie Banjo, Ukulele oder Slidegitarre lassen in der Tat einen unvorbelasteten Umgang mit dem alten Erbe erkennen. Gern hätte ich den Joik-Nachwuchs aus dem nordnorwegischen Guovdageaidnu/Kautokeino, einer meiner Lieblingssiedlungen, als CD des Monats bei www.nordische-musik.de ins Rennen gebracht, aber …

… von der vokalen Intensität eines Johan Sara, der Experimentierfreude eines Frode Fjellheim und den phantasievollen Arrangements eines Wimme Saari sind sie noch meilenweit entfernt: Die Zukunft des Joik hatte ich nicht gehört. Aber man sollte Adjagas noch etwas Zeit geben und sie im Auge behalten.

18. Juni 2006

Warmwerden mit den Envelopes

 Sommer. Schäfchenwattewolken überfahren einen, während nebenan der Schmetterlingslandeanflugbeobachter im satten, duftenden Gras mit den Marienkäfern flirtet. Die Sonne belacht, die karamellgebräunten Beine im sanft umspülenden Meerwasser gedippt, unermüdlich die Sandburg vor der Flut beschützt, sich einbuddeln lassen aber dann doch lieber ein Buddelschiff gekauft. Sich von den Grashalmen unter den Füßen kitzeln lassen und abends unter freiem Himmel mit Lagerfeuer-Westerngitarrenklassikern den glutroten Feuerball hinter den Horizont verabschiedet. Abends, wenn die Luft schon etwas kühler ist, was sie noch viel reiner und erfrischender schmecken lässt. Das Ganze wahlweise in selbstvergessener Abgeschiedenheit in nordischen Wäldern oder mit den besten Freunden in entspannter Urlaubs-Atmosphäre direkt am Fjord.

Und wenn die geschätzte Kollegin unter mir schon wieder die ebenfalls extrem sommerliche Finnland-Keule schwingt, dann gibt´s hier noch ein bisschen Konkurrenz aus Schweden – der perfekte Urlaubs-Soundtrack! Die Envelopes aus Stockholm / Malmö mit französischer Sängerin machen Bungee-Pop. Ein bisschen die Haare angerockt, ordentlich mit C86-Beats beschmiert, College-Parties gestürmt und über Blumenwiesen gequengelt. Halt genau das, was man im Sommer so braucht. Die aktuelle Single »Sister In Love« schützt natürlich auch nicht vor Wurmbefall in den Ohren. Pop, das schon, aber mit eben mit High Voltage und Pixies-Attitüde. Dass das neue Album »Demon« eigentlich nur Demoaufnahmen (Demon ist schwedisch und heißt nichts anderes als Demos) aus dem heimischen Ferienhaus sind? Umso besser! Wir sind gerüstet. This Is The Law!

Die Debüt-Tapes  sind gerade über Brille / Labels / EMI erschienen und noch in diesem Jahr gibt´s das erste richtige Studioalbum. Hoffentlich können sie sich ihre Krallen bewahren.

 
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