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Foto nordische Landschaft

10. Januar 2010

If Society: Sorry, dieser Laden hat geschlossen

Das finnische Label If Society zieht sich aus dem Geschäft mit dem Schallplattenverkauf zurück.» Sorry, dieser Laden hat geschlossen«, überschreibt Label-Mastermind Tommi Forsström einen langen Blogeintrag zur Begründung. Bis Ende des Monats können Schnäppchenjäger hier noch zuschlagen, dann ist Schluss.

Es zeichnet sichdeutlich ab: Wir bewegen uns immer mehr auf den Tod des klassischen Tonträgers in Albumform zu. Denn obwohl es weite Teile der Musikindustrie immer noch nicht wahrhaben wollen: Die Zahl der Kunden, die sich ein Album kaufen, ist rückläufig. Besonders wenn es sich um eine exotische Nische wie Indie-Rock handelt, jenseits der paar Dutzend Handvoll Bands, die heutzutage noch davon leben können. Zur Illustration: Allein in Finnland waren die Plattenverkäufe 2008 im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent rückläufig. 2009 wird sich diese Tendenz wohl noch verstärkt haben.

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If Society als Label haben vor elf Jahren ihren ersten kleinen Online-Shop aufgezogen und darüber zehn eigene Veröffentlichungen und noch rund 50 andere Platten vertrieben. Heute sind über den digitalen Vertriebskanal und die physische Präsenz im Platten- und Comicladen Pitkämies in Helsinki über 2.000 verschiedene Produkte zu beziehen.

Dass mit dem Plattengeschäft keine Reichtümer zu verdienen sind, war Tommi Forsström und seinen Mitstreitern seit Jahren bekannt. Ein Gehalt konnten sie sich nie bezahlen. Jeder mit Plattenverkäufen verdiente Cent ist in die Produktion neuer Alben gewandert, oder alternativ in die Rückzahlung alter Schulden. Der einzige Antrieb: Die Begeisterung dafür, künstlerisch unabhängig zu sein und die Fahne des guten alten Indierocks hochzuhalten. Doch dieser Kampf gegen Windmühlen, der ist verloren.

Hinzu kommt: Die If-Society-Macher haben in letzter Zeit zunehmend das Interesse an der Zukunftsfähigkeit des Konzepts Album verloren.

There’s also another quite important reason for me personally: records just don’t mean that much to me personally anymore and after I noticed this very dramatic change in my consumer behaviour, I have a hard time convincing anyone else to still give a shit.

Dazu passt übrigens die heutige Lektüre der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, in der Diedrich Diederichsen in schönen Schachtelsätzen über das angebliche oder tatsächliche Ende der Plattenkritik in der Intellektuellenpop-Postille Spex schreibt. Wer hält sich heute noch an so altmodische Dinge wie offizielle Veröffentlichungsdaten von Alben? Im Netz plaudert jeder, der sich dazu berufen fühlt, sowieso darüber, ohne sich an Datumsvorgaben zu halten.

Das Album, eine Illusion? Der Song, die wichtigste Entität, über die noch geprochen wird? Festzustehen scheint: Dinge ändern sich, und sie ändern sich schnell. Und mit ihnen übrigens auch der Musikjournalismus.

Noch aber ist das endgültige Ende des Albums noch nicht da. Dass wissen selbst die If-Society-Leute im fernen Finnland. Denn sie werden selbstverständlich weiterhin Platten auf ihrem Label herausbringen. Wenige, handverlesene zwar – aber immerhin noch Alben. Und nach dem Ende der Verkaufsaktivitäten wollen sie sich übrigens auf das konzentrieren, was ihnen am meisten Spaß macht und was ihnen am wichtigsten ist: Das Musikmachen!

(Foto: Joel Zimmer)

11. Oktober 2009

Eurovision, aufgemischt: Eläkeläiset und Bääbs nach Oslo!

Der diesjährige finnische Vorentscheid zum Eurovisionsspektakel in Oslo im kommenden Jahr fällt etwas bunter aus als in den Vorjahren. Neben den üblichen Schlagerfuzzis, die außerhalb der Landesgrenzen niemandem bekannt sein dürften, haben sich in diesem Herbst zwei Außenseiter ins Rennen gebracht: elaDie wilden Anarcho-Humppa-Rocker Eläkeläiset, die wegen ihrer völlig unberechenbaren Live-Auftritte auch in Deutschland  eine kleine, aber leidenschaftliche Fangemeinde besitzen. Sollte sie den nationalen Wettbewerb für sich entscheiden, dürften sie im Säuselliederland der Eurovision für verstörte Mienen sorgen. Nicht zuletzt durch ihre Angewohnheit, zu den Zugaben gerne die Hüllen fallen zu lassen!

Der finnische Indiepop hat den Eurovision Song Contest als Spielwiese entdeckt, um dem  Mainstream-Business, das ihn schnöde ignoriert, zu zeigen, dass er die Spielregeln zu eigenen Gunsten umbiegen kann. In Zeiten, in denen mit Musik kein Geld mehr zu verdienen ist, heißt die heißeste Währung Aufmerksamkeit und Mut zu ungewöhnlichen Aktionen. Haben sich Tommi und Riku von der Elektropopband Viola gedacht, die ihre Songs inzwischen verschenken. Tommi, der Mann hinter dem rührigen Indie-Label If Society aus Helsinki, hat zusammen mit seinem musikalischen Partner Riku ein Lied für den Song Contest geschrieben. Gesungen wird »You Don´t Know Tomorrow« baabsvon Päivi Kankaro, der Sängerin der selbstbewussten Pop-Eigenbrötler TV-Resistori. Päivi tritt als Kunstfigur Bääbs auf – als augenzwinkernd-ironische Hommage an die klassischen Eurovisions-Chanteusen, die durchaus mehr zu bieten haben als überkandidelte Tanzkünste und tief ausgeschnittene Flatter-Roben.

Wer sich über das Niveau der finnischen Vorentscheids-Kandidate informieren will, kann den Kandidaten über die Website des finnischen Fernsehenslauschen. Achtung, Oslo, da könnte etwas auf Euch zukommen!

08. März 2009

Eigenwillig und innovativ: Das Fonal-Label

Große Freude letztens beim Öffnen des Briefkastens: Ein kleines Päckchen von Fonal Records kommt zwischen Rechnungen und Werbezetteln für die grottenschlechte Pizzeria gegenüber zum Vorschein. Mit den beiden aktuellen Veröffentlichungen des Hauses zum Besprechen für »Nordische Musik«. Noch größere Freude beim ersten Hereinhören in Ristos zweites Album »SÄHKÖHÄIRÖÖN«: Das Quartett ist seiner anarchischen Rocklust treu gelieben und wütet mit respektloser Brachialkraft. Shogun Kunitoki sind ein Neuzugang im Fonal-Universum: Die Band aus Helsinki versöhnt auf sehr eigenwillige Weise aktuelle Electronics mit Progressive-Rock-Elementen.

Eigentümlich. Überraschend. Das sind schon einmal zwei Adjektive, um zu beschreiben, was Fonal Records und der Mann dahinter, nämlich Mastermind Sami Sanpäkkilä, in den letzten Jahren mit ihren Bands aufgebaut hat. Fonal ist heute eines der interessantesten skandinavischen Labels überhaupt. Wie es die Fama wissen will, betreibt Sanpäkkilä sein Label vom heimischen Wohnimmer aus und spannt gerne Familienmitglieder zum Verpacken und Versenden der CD-Bestellungen ein. Die Familie wird es wohl auch sein, die jede einzelne Fonal-Veröffentlichung eine liebevoll gestaltete, jeweils individuelle Bauchschärpe aus Papier hüllt.

Fonal-Veröffentlichungen müssten eigentlich mit einem Warnhinweis auf dem Cover erscheinen. »Vorsicht, Ihre üblichen Hörgwohnheiten könnten aufs Äußerste herausgefordert werden«. Fonal-Bands wie Paavoharju (Foto),  Eleanoora Rosenholm, Isaja oder Lau Nau agieren zwar musikalisch auf recht unterschiedlichem Terrain. Gemeinsam ist ihnen aber die Unberechenbarkeit. Die Eigentümlichkeit. Die Experimentierlust. Und die Bereitschaft, ausgetretrene Pfade selbstbewusst zu verlassen und eigene Wege abseits der Hauptpfade zu gehen. Sich ins grüne Dickicht vorzuwagen, wo alle Gewissheiten schwinden. Im Ergebnis klingen die Veröffentlichungen dieser Bands auf so beunruhigende Weise überzeugend, dass Fonal-Platten von uns bereits mehrfach zur »CD des Monat« gewählt wurden.

Abseits des Mainstreams kommt zwischen den Kleinstadt-Metropolen Tampere und Pori ein eigenständiger Stil zur Blüte, der an keinem anderen Ort der Welt so vorstellbar wäre. In der scheinbaren Isolation entsteht der Freiraum, der nötig ist, um sich selbst zu definieren. Wobei Fonal ohne Sami Sanpäkkilä nicht vorstellbar ist: Mit traumwanderischer Sicherheit findet er die Bands, die genau in die Philosophie von Fonal passen. Denn auch das ist das eigentlich Erstaunliche: In all den Jahren seit der Gründung des Labels hat Sanpäkkilä sich noch keinen einzigen Fehlgriff in der Auswahl seiner Bands erlaubt.

21. Februar 2009

Mit Musik ist kein Geld mehr zu verdienen, na und?: Viola

Mit dem Verkauf von Tonträgern ist heute kein Geld mehr zu verdienen. Punkt. Dies gilt ganz besonders für Bands, die die a) bei keinem großen Label untergekommen sind, b) in einem kalten Land fernab der Zentren des Musikbusiness leben und c) über kein funktionierendes internationales Vertriebs- und Kontaktnetzwerk verfügen. Wie Viola zum Beispiel. Das Duo aus Helsinki ist seit zehn Jahren mit seinem melodramatischem Elektropop unterwegs und hat mit »TEARCANDY« eine der Platten eingespielt, die in meiner persönlichen Bestenliste finnischer Popmusik seit Jahren einen der Spitzenplätze belegt. Hinzu kommt der überaus wichtige Sympathiebonus: Viola-Gitarrist Tommi Forsström ist ein sehr netter und intelligenter Mensch, der gleichzeitig auch die treibende Kraft hinter einem der interessantesten Indie-Labels Helsinkis ist, nämlich If Society. Und Tommi macht sich im Label-Blog seit längerem seine Gedanken über die Zukunft der Indiemusik. Die trotz aller Long-Tail-Theorien und damit der Macht der Nischenwirtschaft den Musikern keine ökonomische Lebensgrundlage geben wird.

So ist es nur ein folgerichtiger Schritt, dass Viola die logische Schlussfolgerung ziehen. »Always giving up in style«, wie sie es ironisch nennen. Sie verabschieden sich auf ihrer eigens angelegten neuen Homepage vom Konzept des bezahlten Tonträgers. Und wählen nicht die Radiohead-Hintertür, dass die Käufer eben spenden können – so viel, wie ihnen die Platte wert ist. Umsonst heißt hier umsonst.

From now on everything we do will be free.
Everything we’ve made in the past is free as well.
Starting April 1st 2009, we’ll be releasing 1 song each and every month on this site. At midnight on the 1st of the month. They’ll all be in digital format only and completely free.
That’s it. We hope fans of physical records are not too disappointed. Those things just weren’t making any more sense.
This way all the walls between us and you are down. No more waiting around. No more “promo period” or having to deal with distribution. Straight from our hearts to yours.

Sind wir also, um mit Don McLean zu sprechen, an dem Tag angelangt, an dem die Musik starb? Überhaupt nicht! Denn wer das Glück eines einigermaßen einträglichen Brotjobs hat, der kann sich den Luxus leisten, seine Musik zu verschenken, die er im Nebenberuf einspielt. Weil eben das Herz an der Sache hängt. Genau diese Entwicklung wird die Musikbranche vielleicht mehr verändern, als wir es uns heute vorstellen können. Denn Geld gibts hier keines mehr zu verdienen. Musik wird in den kommenden Jahren sehr viel mehr von den Leuten gemacht werden, die die Musik lieben. Oder um es mit den Worten des deutschen Indiepopmusikers Dirk Darmstädter zu sagen: Der Anteil der echten Arschlöcher im Geschäft wird abnehmen, weil man damit nicht mehr reich werden kann.

Viola sind höchst aktiv, höchst lebendig und höchst präsent. In ihrem physischen Outlet, dem Plattenladen Pitkämies im Helsinkier In-Viertel Kallio gelegen, wo sie regelmäßig lebhaft besuchte Konzerte befreundeter Bands veranstalten. Als Labelbetreiber (und wer weiß, wann sie sich von diesem Konzept verabschieden und neue Wege gehen.) Und als Band, was Tommi Forsström jüngst den »glücklichsten Tag seines Lebens« bescherte: Die Ankündigung, dass Viola Ende April als Vorband beim historisch ersten Konzert von The Notwist in Finnland spielen werden. Alles, was in der finnischen Indieszene Beine hat, wird zu diesem Gig ins Tavastia in Helsinki pilgern. Sieht so der Tod der Musik aus?

27. April 2008

Das Grundrecht auf gute Musik

Frankfurt, die vielgeschmähte, angeblich gesichtslose Bankenstadt, hat ihre Nischen zwischen Hoch- und Subkultur, in denen es sich gut leben lässt. Dazu gehören die Römerberggespräche, eine »Institution der Debattenkultur« laut Eigendefinition. Hier ist jetzt die selbst ernannte digitale Boheme aus dem fernen, schlendrianigen Berlin auf das korrekte Frankfurter Bildungsbürgertum getroffen, um über die Zukunft des Internet und die Effeke sozialer Netzwerke zu diskutieren.

Was hat das Ganze mit Musik zu tun? Sehr viel! Weil es auch um die Zukunft der Musikindustrie in Zeiten der ungehemmten kostenlosen Downloads ging.  Zu diesem Thema hatten die Veranstalter in einer weisen Entscheidung den erfreulich uneitlen und leidenschaftlich argumentierenden deutschen Popmusiker und Labelbetreiber Dirk Darmstaedter eingeladen, der über »Pop als Pluriversum« referieren sollte, was er gottseidank nur zwei Minuten lang tat. Sondern ein engagiertes Plädoyer für das Grundrecht auf gute Musik jenseits der Formatradios und der begrenzten CD-Regalflächen im Wall Mart hielt

Denn die Musikindustrie, wie wir sie kennen, sie windet sich in Todeszuckungen auf dem Boden. Niemand wird den Niedergang der CD als Medium mehr mehr stoppen können. Aber die Krise bietet Chancen. Chancen auf einen kreativen Neuanfang. Die Produktionsmittel der Musiker haben sich in dem Maß verbilligt, wie die Umsätze der Labelriesen geschrumpft sind. Eine Platte kann heute jeder an seinem Mac selbst aufnehmen. Dafür sind keine Studios mit einem Riesenstab an Personal mehr nötig, sagt Darmstaedter.

Dass mit Musik aber immer weniger Geld verdient wird und viele Musiker am Existenzminimum leben, hat erstaunlicherweise auch wenige positive Aspekte. Der »Pappnasenanteil« im Business schwindet. Übrig bleiben die, denen Musik wirklich am Herzen liegt – was die kreative Explosion nicht nur der deutschen Popszene in den letzten Jahren erklärt. Viele, viele musikalische Parallelwelten entstehen – eine entschiedene Abkehr von der Massenkultur ist im Gang. »Die Nische wächst«, meint der Labelbetreiber.

Musik lieben und für Musik zahlen – zwischen diesen beiden Ufern des Flusses gibt es immer noch keine zuverlässige Brücke. Digitale Downloads sind für Darmstaedters Tapete-Label eine »absolute Chance«. Modelle wie emusic, die auf dem Abo-Gedanken basieren, sind eine denkbare Alternative für die nicht allzufernen Zeiten, in denen die WOMs dieser Welt nach langem Siechtum endlich eines friedlichen Todes gestorben sind.

 Vielleicht müssen die Gedanken aber kühn und verträumt ins Weite schweifen, damit die Musik auf Dauer überlebensfähig bleibt. »Wie wäre es, wenn Musik wie Wasser fließen würde?«, fragt Darmstaedter provozierend. Dafür würden wir doch gerne fünf Euro im Monat zahlen. Oder sogar mehr. Gute Musik als Grundrecht. Zu der wir jederzeit Zugang haben. Für die wir so selbstverständlich zahlen wie für Strom, Gas oder Wasser. Die Idee ist nicht so weit vom viel diskutierten Grundeinkommen-Gedanken entfernt. Darüber nachzudenken lohnt sich.

 
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