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Foto nordische Landschaft

12. Februar 2007

Islands musikalisches Netzwerk: Plattenläden in Reykjavík

 Hände hoch! Wer kennt mehr als zwei Popbands aus Bonn? Und aus Island? Na eben. Bis auf die Einwohnerzahl von 300.000 Köpfen haben das Nordland und die ehemalige Bundeshauptstadt wohl eher wenig gemeinsam. Woran liegt es also, dass die musikalische Begeisterung in Island um ein vielfaches höher liegt, dass der kreative Output im Verhältnis so exorbitant hoch ist? Das Polarblog hat sich auf die Suche gemacht, mit diversen isländischen Künstlern gesprochen und festgestellt: Die isländische Szene bewegt sich um zwei Fixpunkte – die beiden Plattenladen/Label-Konglomerate 12 Tónar und Smekkleysa.

 Wir schalten den Fernseher ein. Zwar verstehen wir kein Wort, jedoch überrascht der Kulturblock vor dem Wetter aufs Ungewöhnlichste. Wir gucken aus dem Fenster. Kinder und Jugendliche verbringen ihre Freizeit in einer der 90 Musikschulen des Landes. Wir gehen raus. Kaum eine Veranstaltung kommt ohne Livemusik aus. Was überspitzt klingt und es gewiss auch ein wenig ist, zeigt schnell den hohen Stellenwert, den Musik als Kulturgut in Nachrichten, Erziehung und Freizeit in Island genießt.

Aber anregend ist nicht nur das öffentliche Interesse an Musik, sondern auch die Infrastruktur von Plattenläden und Labels, die schon vor Jahren erkannt haben, dass die Verfilzung zwischen Musikern, Labels und Vertrieb eine sinn- und manchmal sogar gewinnbringende Angelegenheit ist. Das gilt nicht nur, wenn man in musikindustriellen Kategorien denkt, sondern auch, wenn man als Isländer seinen Lebensunterhalt bestreiten will. Zwei Job s gelten als Mindeststandard – denn als Musiker fällt man aus dem Rahmen der staatlichen Förderprogramme, die immer noch diskriminierenden Charakter aufweisen, wie Jóhann Jóhannsson im Interview bedauert. Kaum einer könne ohne Nebenjob sein Leben finanzieren – in Island werde überdurchschnittlich viel gearbeitet. Und Musik ist Luxus. Denn im Gegensatz zu unbesteuerten Büchern werden fast 25% Abschlagssteuer auf Musikproduktionen fällig, was CDs zu einem Luxusgut ersten Ranges erhebt.

Aber nicht nur dort treffen gefühltes Selbstverständnis und Realität kollidierend aufeinander. Kaum als Außenstehender mit verklärenden Blicken zu glauben, dass auf Island nicht zuerst die inländischen Produktionen wertgeschätzt werden. Jóhannsson klärt auf, dass der Fokus immer noch allzu sehr auf ausländischen Bands liegt. Erst durch die Etablierung von Festivals wie dem exzellent besetzten Iceland Airwaves mit eigensinnigem Line-Up zwische n internationalen Großkalibern und isländischen Independent-Künstlern scheint sich so langsam ein Wandel zu ergeben. Dennoch: Im Vergleich zu Deutschland scheint in Island ein solches Problem eher herbeigeredet. Für 5000 verkaufte Alben (16,6 Alben pro 1000 Einwohner) bekam kürzlich Lay Low den Gold-Status verliehen. In Deutschland braucht man derzeit 100.000 Exemplare (1,21 Alben pro 1000 Einwohner)… Birgir von der derzeit inaktiven Formation Maus sieht trotzdem noch Potenziale. Vor allem sei die Radiolandschaft eher karg – und vor allem klassisch ausgerichtet. Ein Ärgernis sind ihm zudem die Monopolisten, die ihre seichte Musik unters Volks bringen, wie er in der Zeitschrift Intro 2001 erzählte: »Die größte Plattenladenkette des Landes beispielsweise, Skífan, hat ein eigenes Label, ein eigenes Studio und besitzt auch noch diverse Radiostationen. Die perfekte Vermarktungskette.«

 Die Plattenläden spielen in Island eine gewichtige Rolle. In sozialer, aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht. »Um zu verstehen, wie die Dinge in diesem kleinen Markt hier funktionieren, muss man wissen, dass alle wichtigen Record Stores hier auch Label sind. Das ist eine unzertrennliche Einheit.«, erklärt Benni Hemm Hemm. Seine Meinung zu den großen Ladenketten wie Sena (ehemals Skífan) ist dabei differenzierender. »Die sind der Langzeit-Gigant, die größte Firma – aber auch die schlimmste. Sie bringen die erbärmlichsten Alben raus und behandeln ihre Künstler auch nicht wirklich gut. Aber wie das immer so ist: Natürlich haben sie auch patente Leute, die in einigen ihrer Läden arbeiten, so dass die Auswahl an Alben manchmal gar nicht so schlecht dort ist. Allerdings liegt auch dort der Fokus auf DVDs oder blöden Videospielen – also keine Läden, die man ernsthaft als guten Plattenladen bezeichnen würde. Trotzdem: Ich verkaufe meine meisten Alben in deren Shops.« Kompletten Beitrag lesen …

02. Januar 2007

Macht Sinn!

 Sinnstiftend, sinnbringend, Wahnsinn. Sinnsuche, sinnieren, Sinnesreiz. Sinnvoll, sinnbetörend, Sinnbus.

Das kleine Berliner Label mausert sich langsam zu mehr als einem Geheimtipp. Von Beginn an wurde viel Wert auf die Qualität der Veröffentlichungen gelegt und hochwertige Verpackungen in schön gestalteten Digipacks sind da nur erste optische Anreize. Die Politik der kleinen Schritte zahlt sich hoffentlich bald aus, denn von keinem anderen deutschen Label erwarte ich in den nächsten Jahren eine positivere Entwicklung.

Überzeugungsarbeit leistet seit ein paar Tagen auch eine MP3-Compilation, die vorwiegend aus dem eigenen Labelroster gespeist wird, aber auch mit Tracks befreundeter Künstler aufwarten kann. Mit Alarma Man und Audrey (hier geht´s zum Interview) sind zwei sehr unterschiedlich gelagerte Schwedenbands dabei, Barra Head vertreten die dänische Seite der Skandinavienaffinität des Labels.

Außerdem mit an Deck: SDNMT Seidenmatt, Delbo, Sometree, Kate Mosh, Ampl:tude, Monotekktoni und viele mehr. Hier geht es zum kostenlosen Download. Sinnbus Are Friends, Too.

28. Dezember 2006

Soul Of A City: Owusu & Hannibal

 Am Ende des Jahres kommt die Abrechnung. Meist in Listenform und überall kommt etwas anderes unterm Strich raus, was eigentlich nur dicke imperativische Ausrufezeichen hinter den Fakt setzt, dass Musik vor allem eine subjektive Angelegenheit ist. Auch wenn einige Leute dann gerne Geschmacksunsicher- heit attestieren – nur weil es das eigene Top-Album des Jahres nicht unter die ersten 20 Plätze geschafft hat.

Von derlei Irritationen unbeeinflusst eignen sich die Jahrescharts von Magazinen im Papier- und Bildschirmbereich allerdings vorzüglich, um auf etwaige sträflich missachtete, gar übersehene Prachtexemplare hingewiesen zu werden. Platz 38 der derzeit durch Turbulenzen geschüttelten Spex ist ein solcher Fall. Denn zwischen den rachitischen Blood Brothers und den zugedröhnten Lemonheads erweckten die exotisch anmutenden Owusu & Hannibal meine Aufmerksamkeit.

 Kurze Zeit und vier Hörproben später dann die Erkenntnis: Spex hat recht. Was sich anhörte wie eher öde afrikanische Trommlerfolklore ist ein erlesen kosmopolitisches, globalisiertes Zwei-Mann-Projekt aus Kopenhagen, was das skandinavische Land mit einer donnergleichen Meldung direkt auf die Landkarte des Soul hievt. Philip Owusu erstammt einer ghanaischen Familie, Robin Hannibal ist bereits in Dänemark geboren. Beide zusammen erdenken und erfühlen ein gradioses Album, was eine Brücke vom wärmenden Soul der Motown-Ära auf die Elektronika-Ebene der Zukunft schlägt.

Urbane Beats treffen auf ihrem Debüt »Living With Owusu & Hannibal« auf weichkehlige Prince-, Brown- oder Jackson-Stimmen. Großes Musikkino ist garantiert, wenn die beiden im Dialog mit dem Sampler und seiner eigenen choralen Vielstimmigkeit die  Grenzen von Mensch und Maschine ausreizen und dabei nerdigen Pathos versprühen. Als herausragende Singles seien an dieser Stelle »Blue Jay« und »Delirium« genannt, die den beiden Freidenkern auch den Plattendeal mit dem umsichtigen kalifornischen Label Ubiquity einbrachte. Der Rest tändelt zwischen Genre-Patchworks und minimalistischeren Cosmic House-Anleihen. In dekonstruktivistischer Manier bedienen sie sich in allen Stilistik-Schubladen. Donnernder Funk, schmachtende Balladen und gechillter NuJazz verschmelzen zu einem in sich stimmigen und doch heterogenen Soulkomplex. Ein formidables Headz-Album und eine echte Entdeckung. ´tschuldigung für die Verspätung.

23. Dezember 2006

Schlimmer Anfall von Promodeutsch

 Ich bin wie immer überpünktlich am Venue und schaue mich erst mal um. Ah, die Backline steht – und gleich zwei Drumkits werden nacher ordentlich Druck durch die PA blasen. Soundcheck war wohl schon – jetzt dürften »Tamron« genug Zeit für das Q&A haben, wenn sie nicht gerade über das Catering herfallen. Eigentlich wollte mir mir Marc von »Figga Records« nur ein Phoner mit der Band andrehen, aber auf die Intensität eines Face-To-Face will ich als professioneller Musikjournalist natürlich nicht verzichten. Schön also, dass sich hier noch vor Album- bei diesem Showcase die Gelegenheit ergeben hat.

 Erst mal meinen Kontakt suchen. Passenderweise macht Marc das gleich selbst – ist er doch A&R, Labelchef und Head Of Promotion in Personalunion. Gesucht und gefunden! Ich hab anscheinend doch noch ein paar Minuten Zeit, da gerade noch der Print-Freelancer dran ist, der vom »Rockstyle-Magazin« den Event covern soll. Ein paar mehr Minuten wird’s wohl dauern, da auch erst noch draußen ´nen Shoot gemacht wird. Der Schedule ist eh hinfällig und längst durcheinandergewirbelt, Also trinke ich noch ein schnelles Bierchen mit Marc, der mir auch gleich in seiner charmanten, aber aufdringlichen Art seinen halben Label-Roster für weitere Activities andrehen will. »Odori« will er ordentlich pushen und mit diesem Act endlich mal den deutschen Markt breaken, auch wenn natürlich ein Top 100-Chart Entry Illusion bleiben wird. Dennoch: »Odori« sind klar sein Priority-Thema. Danach muss ich mir noch von ihm den restlichen Forecast seiner Releases der nächsten Wochen anhören, bis ich endlich mein Mikro für das Interview mit »Tamron« in Stellung bringen kann, um sie mal auf ihr Attitude-Problem anzusprechen. Ist doch eh nur eine Inszenierung von den Imageberatern des Labels. Klare Sache das.

 Es geht nicht immer so reibungslos. Noch gestern hatte Jeff, der Booker von »JamÄmm-Agency«, mit mir gephoned, dass der Termin mit »Baby G« off ist. Alles gecancelt und auf nächstes Jahr verschoben. Aber wir handlen das schon. Neuer Tourplan wird auch gerade schon ausgecheckt, aber Locations und Dates sind noch tbc. Eigentlich wollte er sich heute noch mal melden, aber vermutlich ist er gerade zu busy im Meeting mit seinem PM. Die sind derzeit mit der Planung für ihr Sublabel beschäftigt, wohin sie ihre unkommerzielleren Grenzprodukte wie deepe Drum´n´Bass-Elemente oder ihre neu gesignten Post-Harcore-Emoboys aus Washington DC outsourcen wollen, um ihre Produktlinie übersichtlicher zu staffeln.

Nachdem es jetzt schon so spät geworden ist, schenk´ ich mir die Live-Performance. Zurück im Redaktionsoffice checke ich erst mal die Promopost. Ah, eine Advance-Watermarked-Copy des neuen Longplayers von »Bay Parks« aus Montreal ist dabei. Komisch, dass die das jetzt noch verschicken – war nicht sowieso in zwei Wochen Street-Day? Wahrscheinlich  ist das Ding echt noch nicht geleaked und bei den üblichen Filesharing-Programmen downloadbar. Eine echte Seltenheit in diesem Biz. Erste einminütige Snippets der ultrascharfen neuen Scheibe von »XXXTC« sind auch dabei. Toll, aber was soll ein Radioredakteur denn damit anfangen? Genau so sinnlos
wie die overvoicte EP, die sie letzte Woche geschickt haben. Anscheinend haben die überhaupt keinen Durchblick mehr da. Komplettes Album gibt´s sogar schon als Pre-Listening bei iTunes, obwohl der Name noch tba ist. Verstehe einer diese Taktik.

Jeff ruft doch noch mal an. Nichts Neues bezüglich »Baby G«, aber er fragt an, ob wir nicht Lust hätten, die »Hoya«-Tour ein bisschen zu featuren. Trailer, Teasing und redaktioneller Support gegen das übliche Zeugs: Giveaways zum raushauen, bisschen Merch, Tix für die Show sowieso und wenn´s der Slot zulässt, wäre auch noch ein Meet&Greet für unsere Hörer an der Location drin. Ich confirme das einfach mal spontan (schließlich sind »Hoya« in ihrem Genre Trendsetter und dem Mainstream um Längen voraus) und schicke noch schnell ´nen Feedback an »Streetstone Music« raus. Dann bin ich endlich fertig für heute. Die Medienpartner sind gepleased. Zeit, das Licht auszuknipsen.

21. November 2006

Nordic Notes

Nordic NotesPlötzlich hat man eine neue CD auf dem Schreibtisch liegen mit einem Label-Aufdruck, der einem bislang unbekannt ist – ganz unverhofft ist ein neues Label aufgetaucht.

Wie vor einigen Monaten: »Nordic Notes«. Aha. Langenzenn, in der Nähe von Nürnberg. Im Repertoire: Hidria Spacefolk. Neuerdings auch Úlpa und eine Rarität von Waltari. Und dann plötzlich ein klug kompilierter Sampler, der Sachverstand beweist und Einsteigern in die skandinavische Musik jede Menge Entdeckungen garantiert.

Christian PliefkeChristian Pliefke ist der Mensch hinter Nordic Notes. Insider kennen ihn als Partner von Martti Trillitzsch, mit dem er gemeinsam in Fürth ein beinahe undurchschaubares finnisches Label-/Record Store-Geflecht betreibt: Tug Rec, Humppa Records, 9:PM Records, Kioski, …
Leute, das ist die Heimat von Eläkeläiset, Boomhauer, Disgrace, Screamin' Stukas und vielen mehr!

Christian, eifriger Leser von www.nordische-musik.de übrigens, macht also nun sein eigenes Ding und hat mit »NORDIC NOTES VOL. 1 – SOME KIND OF ROCK/POP NOTES FROM THE NORTH « einen reizvollen und lohnenswerten Midprice-Sampler zusammengestellt. Aus dem Inhalt:

  • Mikael H. (Finnland): Aeroplane
  • HGH (Norwegen): Mircale Working Man
  • Dungen (Schweden): Panda
  • Kometa (Finnland): Mexico
  • Röövel Ööbik (Estland): Full Throttle
  • Cosmo Jones Beat Machine (Finnland): I Feel Nothing
  • Lapko (Finnland): All The Best Girls
  • Hypnomen (Finnland): Asleep
  • David And The Citizens (Schweden): Until The Sadness Is Gone
  • Napoo (Norwegen): Jonston Is Sane
  • Kimono (Island): Sonar
  • Helldorado (Norwegen): Helltown
  • Ùlpa (Island): Sexy Dick
  • Joycehotel (Dänemark): Come Back To Bed
  • Isolation Years (Schweden): Sightseeing Boat
  • Death To Frank Ziyanak (Dänemark): Fe Fi Mo Fo
  • Schtimm (Norwegen): Idiotsong
  • Ricochets (Norwegen): Nobody Around
  • David Fridlund (Schweden): 3 Pictures (Of You & You & You)

Na, neugierig geworden? Aber jetzt kommt's: Weil Christian so ein netter Kerl ist und weil Nordic Notes und Nordische Musik voraussichtlich noch einige gemeinsame Projeke auf die Beine stellen werden, verlosen wir unter allen Lesern fünf Exemplare dieses wirklich faszinierend vielschichten Samplers.

Wie geht's? Einfach eine Email an Nordic Notes scheiben mit dem Betreff »Verlosung Nordische Musik«. Einsendeschluss ist der 1. Dezember 2006.

Die GewinnerInnen werden wir dann hier verkünden.

Viel Glück! 

 
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