Home
Foto nordische Landschaft

21. November 2006

Nordic Notes

Nordic NotesPlötzlich hat man eine neue CD auf dem Schreibtisch liegen mit einem Label-Aufdruck, der einem bislang unbekannt ist – ganz unverhofft ist ein neues Label aufgetaucht.

Wie vor einigen Monaten: »Nordic Notes«. Aha. Langenzenn, in der Nähe von Nürnberg. Im Repertoire: Hidria Spacefolk. Neuerdings auch Úlpa und eine Rarität von Waltari. Und dann plötzlich ein klug kompilierter Sampler, der Sachverstand beweist und Einsteigern in die skandinavische Musik jede Menge Entdeckungen garantiert.

Christian PliefkeChristian Pliefke ist der Mensch hinter Nordic Notes. Insider kennen ihn als Partner von Martti Trillitzsch, mit dem er gemeinsam in Fürth ein beinahe undurchschaubares finnisches Label-/Record Store-Geflecht betreibt: Tug Rec, Humppa Records, 9:PM Records, Kioski, …
Leute, das ist die Heimat von Eläkeläiset, Boomhauer, Disgrace, Screamin' Stukas und vielen mehr!

Christian, eifriger Leser von www.nordische-musik.de übrigens, macht also nun sein eigenes Ding und hat mit »NORDIC NOTES VOL. 1 – SOME KIND OF ROCK/POP NOTES FROM THE NORTH « einen reizvollen und lohnenswerten Midprice-Sampler zusammengestellt. Aus dem Inhalt:

  • Mikael H. (Finnland): Aeroplane
  • HGH (Norwegen): Mircale Working Man
  • Dungen (Schweden): Panda
  • Kometa (Finnland): Mexico
  • Röövel Ööbik (Estland): Full Throttle
  • Cosmo Jones Beat Machine (Finnland): I Feel Nothing
  • Lapko (Finnland): All The Best Girls
  • Hypnomen (Finnland): Asleep
  • David And The Citizens (Schweden): Until The Sadness Is Gone
  • Napoo (Norwegen): Jonston Is Sane
  • Kimono (Island): Sonar
  • Helldorado (Norwegen): Helltown
  • Ùlpa (Island): Sexy Dick
  • Joycehotel (Dänemark): Come Back To Bed
  • Isolation Years (Schweden): Sightseeing Boat
  • Death To Frank Ziyanak (Dänemark): Fe Fi Mo Fo
  • Schtimm (Norwegen): Idiotsong
  • Ricochets (Norwegen): Nobody Around
  • David Fridlund (Schweden): 3 Pictures (Of You & You & You)

Na, neugierig geworden? Aber jetzt kommt's: Weil Christian so ein netter Kerl ist und weil Nordic Notes und Nordische Musik voraussichtlich noch einige gemeinsame Projeke auf die Beine stellen werden, verlosen wir unter allen Lesern fünf Exemplare dieses wirklich faszinierend vielschichten Samplers.

Wie geht's? Einfach eine Email an Nordic Notes scheiben mit dem Betreff »Verlosung Nordische Musik«. Einsendeschluss ist der 1. Dezember 2006.

Die GewinnerInnen werden wir dann hier verkünden.

Viel Glück! 

08. Oktober 2006

Catbird Records: Glücksinfarkt nicht ausgeschlossen

 Es ist die ewig gleiche Leier mit erhobenem Zeigefinger: Copy Kills Music. Brennen vernichtet Kreativkapital. Wissen wir. Und beschweren uns trotzdem über einen horrenden CD-Preis von 16 Euro, der eigentlich so gut wie keine Preissteigerungen in den letzten Jahren erfahren hat. Und kein Gedanke wird daran verschwendet, dass ein Label und eine ganze Band mit Bruchteilen dieses Preises für zwei oder drei Jahre ihr Leben finanzieren muss . Die meisten Musikprojekte schaffen das allerdings nicht und so bleibt deren Musik eher Hobby und Nebenbei. Und bei CD-Auflagen von unter 500 Pressungen ist gerade einmal die Studiogebühr wieder ausgebügelt. Dass sich trotzdem Bands und Labels von diesen negativen Vorzeichen nicht entmutigen lassen, verdient in der heutigen Zeit jeglichen Respekt.

Zumal, wenn sie den ehrlichen Kauf von CDs wie das Kleinstlabel Catbird Records aus dem gänzlich unskandinavischen Ohio obendrein noch  mit unendlich viel Liebe und Einsatz belohnen. Jeder Release ist dort mehr als nur ein nummeriertes Produkt, es ist ein eigenständiges Kunstwerk. Bis zu 250 Exemplare werden dort von fast jeder EP und jedem Album in Handarbeit verpackt. Mal hübsch gebunden, mal mit individuellen Artworks versehen oder gleich einzeln mit unterschiedlichsten Motiven bedruckt. Dieser Aufwand ist natürlich nicht unbegrenzt leistbar – so muss man sich schon etwas beeilen, wenn man eine der r aren »Limited Editions« erheischen will.

Aber die Chancen stehen nicht schlecht – auch wen die interessantesten und wunderhübschesten Editionen bereits vergriffen sind. Mit sieben Veröffentlichungen steht Catbird Records nämlich noch ganz am Anfang einer hoffentlich erfolgreichen und langen Karriere. Und auch der überaus faire Preis von nur 6-8 Euro pro Album treibt einem Freudentränen in die Augen. Wo bekommt man sonst noch so viel für so wenig Geld gebote n? Zudem man in musikalischer Hinsicht nicht enttäuscht wird: Hemstad aus Schweden überzeugen mit quirligem Atari-Sound, Pet Politics (ebenfalls aus Schweden) mit Indiepop, Maestro Echoplex mit feinfühligem Songwriting und Tap Tap mit schrammeligem Indierock. Mit einem Extraklick in der Bestellung kann man den Bands direkt einen weiteren Euro spenden. Wer da noch ernsthaft einen Gedanken daran verschwendet, sich die Songs schnell mal aus den Weiten des Internet zu saugen, hat wirklich rein gar nichts verstanden.

Kleiner Nachtrag: Die vier noch erhältlichen CDs kosten inklusive 9,15 Dollar Porto nur knapp 25 Euro – und sind binnen 5 Werktagen geliefert. Los, los!

05. Oktober 2006

Perfekte Inszenierung: Skandale im Musikbusiness

 Skandal! Wenn Paris Hilton sich in ihrem neuen Video als Scharfmacher eines pubertierenden Jungen inszeniert. Skandal! Wenn die grenzdebile Ghettobraut Liza Li in ihrem neuen Video ihren Ex ermorden möchte und Wörter wie »Schwanz« und »Schlampe« wie eine Monstranz ihrer achso bösen Gossenmentalität vor sich her trägt. Der Aufschrei der amerikanischen Sittenwächter, der die publicityträchtigen Auftritte der blonden Hotelerbin wie ein Echo begleiten, amüsiert wie immer die europäischen Konsumenten, die nicht im Ansatz auf die Idee kommen würden, die nur angedeuteten Mädelsphantasien eines Jungen als Verrohungselement und Bestätigung des allgegenwärtigen Sittenverfalls an zusehen. Vielmehr würde man wohl gelangweilt einfach das Programm wechseln. Aber auch deutsche Zeitungen zeigen sich befremdet und erbost: Liza Li – ein Antibeispiel für die Jugend? Sind wir moralisch inzwischen untherapierbar verwurmt und das Musikbusiness frei von allen positiven Wertvorstellungen?

Alles halb so schlimm. Die bewusste Provokation gehört seit jeher zu den wichtigsten Stilmitteln des künstlerischen Ausdrucks. Wo Irritationen auftreten, wo die Konfrontation mit den eigenen Werten und Schamesgrenzen zur Selbstreflexion anregt, wo Grenzen in moralischer, sexueller oder gewaltbehafteter Dimension übertreten werden, wird die Kunst vorangetrieben. So ist zumindest das Selbstverständnis vieler Künstler zu erklären, die Skandale mit wertigen Inhalten verknüpfen. Und selbstredend ist provokante Agitation ein Ausdruck der Gesellschaft, der mit der Entwicklung Schritt hält und so langsam seinen Wirkungskreis reduziert. Wo alles erlaubt ist, wird es immer schwieriger, Tabus aufzustöbern und zu ge- und missbrauchen. Wo es in den 60ern alleine das Wort »Sex« war, ist es nun eher der Faktor »Gewalt«, der uns aufschrecken lässt – in konträrer Positionierung zu den USA, wo doppelbödige Prüderie anscheinend noch weiter verbreitet ist als hier in Europa. Aber auch hier verschieben sich die Grenzen. Wo die Zensur noch vor ein paar Jahren medienwirksam eingegriffen hätte, sind Worte wie »Schwanz«, »Schlampe« und »Drecksau« inzwischen durchaus übliches und anerkanntes Jugendrepertoire und somit kaum Aufregung und Beanstandung wert. Ob sie verkaufsfördernd sind, sei auch ausdrücklich an dieser Stelle dahingestellt.

Dennoch darf und muss nach den Gründen der Provokation gefragt werden, die gerade in der Musikbranche nicht den hehren Zielen des wahren künstlerischen Anspruchs genügt. Ist die skandalbehaftete Provokation nur Selbstzweck, nur PR-Gag oder steckt mehr dahinter? Eine Antwort kann nicht immer in zufriedenstellendem Maße gegeben werden. Dennoch: Aufmerksamkeit erheischen, nicht übersehen und überhört werden, im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen – das sind wohl die plattesten Gründe für inszenierte Skandale, die zudem jeglichen Anspruch an wahre Kunst in ihrer gesellschaftlichen Funktion verleugnen. Bei den Kollegen von rap.de und bildblog.de stand vor wenigen Wochen Lady »Bitch« Ray in der Diskussion, die mit ihren befremdlichen Wortkriegen, sexuell aufgeladenen Neologismen und der bloßen Aneinanderreihung von Pornohandlungen (»Hengzt Arzt Orgi«) die ironische Aufladung anvisiert, aber aufgrund der bodenlosen Platth eit leider um Meilen verfehlt. Harter Analverkehr zur Steigerung der Gesangsqualitäten, fragte ein Musikforum? Oder das neue sexuelle Selbstverständnis der Frauen, die Eva Hermans neues Werk wohl eher nicht gekauft haben? Was die ehemalige Radio Bremen-Moderatorin zu dieser billigen, durchsichtigen und vor allem nicht jugendfreien Fäkal-Kampagne zu Steigerung des eigenen Bekanntheitgradsgetrieben haben mag, ist eigentlich irrelevant. Aber es zeigt, dass der geplante Bruch mit den gesellschaftlichen Konventionen immer funktionieren wird und zudem bilderbuchhaft, wie man alle weiteren Dimensionen des künstlerischen Anspruchs umschifft. Über Reimführung, Beats und musikalisches Geschick braucht man nämlich an dieser Stelle erst gar nicht nachgedacht werden. Wahre Provokation zu üben, die nicht als übermäßig inszeniert gilt und trotzdem eindringlich, tiefgründig ist, findet weiterhin wohl nur in der Avantgardekunst statt.

Zur Insistierung des eigenen Images sind es vor allem HipHopper, die mit offensiven Worten agieren und die Härte der Straße in ihre Texte herüberretten wollen. Die Grenze zwischen Realness, tatsächlichem Straßenslang und der aufgesetzten Provokation ist dabei fließend. Auf political correctness wird nur zu gern gepfiffen. Die Macho-Phantasie des »Arschficksongs« des Berliner Aggro-Rappers Sido wurde allerdings von der Bundesprüfstelle für jugendgefärdende Medien trotz explizitem Inhalt nicht indiziert – lediglich das Video erhielt eine Fre igabe ab 16 Jahren. Ein Indiz dafür, dass die Überschreitung von Geschmacksgrenzen, die ja auch immer gesellschaftlich geprägt sind und gesellschaftlichem Wandel unterliegen, Einzug in den Alltag gehalten hat. Wenn selbst drastische Frauenverachtung bis hin zu latenten Vergewaltigungsphantasien in unserer Zeit als »normal« und »unbedenklich« von den Prüfstellen angesehen werden, sind Skandale dann nicht nur massenmediale Zeugen von ökonomischen Strukturen? In Wahrheit würden viele den Skandalen nämlich Diskussionsunwürdigkeit attestieren. Erst der erbost gehobene, immer eher konservative Zeigefinger von Zeitung, Radio und Fernsehen macht aus einer Banalität einen Skandal. Jedoch greif auch hier das bekannte Schwarz/Weiß-Schema nicht immer. Klar entpuppen sichdie meisten Skandale als unhaltbare Luftblase, aber gerade der Text von Sido und seiner Einschätzung durch die Bundesprüfstelle ist ein gutes Beispiel für einen möglichen kritischen Dialog, der durchaus seine Berechtigung hätte. 

Aber in der musikalischen Szene und besonders, wenn es sich um den Output großer Labels handelt, scheint der kalkulierte »Verbotenes-Wort«-Skandal, auf den die angeschlossenen Medien wieder werbewirksam hinweisen, weiterhin ein beliebtes Marketinginstrument zu sein. Und er wird es bleiben, so lange Industrie und Medien daraus Kapital schöpfen kö nnen. Das Label Epic versucht derzeit mit der Dänin Anna David erfolgreich zu sein. »Fick Dich« ist eine harmlose und eingedeutschte Beziehungsabrechnungshymne (das Original »Fuck Dig« war in Dänemark ein ausgesprochener Hit), die nur Schärfe durch die beiden auf dem Maxi-Cover zur Schau gestellten Worte gewinnt.  Aber Re
levanz?

Trotzdem scheint die natürlich-menschliche Faszination an »Verbotenem« ungebrochen – und sei es noch so offensichtlich. Vielleicht braucht unsere Kultur einfach »Skandale light«, vielleicht brauchen wir banale Streitthemen? Wie viel aber davon erträglich ist, muss wohl jeder für sich entscheiden. Lady »Bitch« Ray verzeichnet weiterhin auf ihrer Homepage Rekordklickzahlen für ihre dreckigen Dreiminüter und gibt sich weiter willig der eigenen Lächerlichkeit preis. Und Anna David klettert derweil die Airplaycharts-Treppchen Platz für Platz nach oben.

08. September 2006

Zweieinhalb Herzen für Popmusik – der Labrador-Labelreport

 Sie klingen wie deine Katze. Das behaupten zumindest Hanky & Panky. In Wahrheit klingen sie aber wie deine Katze, die gerade deinen kompletten Vorrat an halluzinogenen Droge n mit ihren Brekkies verwechselt hat. Johan Angergård musste schmunzeln, als er die Demo-CD aus seinem überfüllten Postfach geholt und sie im Player des kleinen Stockholmer Büros hat rotieren lassen. Und da Johan nicht nur ein Agent der Geschmackssicherheit ist, sondern auch ein Sloganizer vor dem Herrn, bekam das schreckhafte Artpop-Trio fortan das Prädikat »Twee-Pop Children On Acid« verpasst. Und ihr Song »Ha Ha Ha Ha!« landete prompt auf einer kunterbunten Kollektion schwedischer Newcomer.

Herausgegeben hat diese Compilation ein kleines Label, das sich in den letzten Jahren aufgrund seiner umsichtigen Veröffentlichungspolitik in Schweden, aber gerade auch hier in Deutschland einen Namen in der stetig anwachsenden Kleinstgemeinde der Schwedenpop-Abhängigen gemacht hat. Labrador gilt als ein unscheinbares, aber umso leidenschaftlicheres Label, was von der eigenen Begeisterungsfähigkeit für sympathische Bands und Musiker getragen wird. »Es muss halt passen«, wie Johan erzählt, der mit weiteren 1 ½ Mannen von Demo-Testsessions, über Bandbetreuung und Veröffentlichungsplanung alles selbst koordiniert.

26 Bands  befinden sich derzeit unter seinen Fittichen. Viele fristen ein karges Dasein, unbeachtet von der großen popkulturellen Öffentlichkeit. Es fehlt dann eben doch an finanzbringenden Zugpferden, die es erlauben würden, die Ausgaben für Promotion und Vermarktung in konkurrenzfähige Höhen zu schrauben. So lebt das kleine Label viel mehr von seinem Ruf, als von klingelnden Konten und wohlgelaunten Kassenwarten. In Schweden sichern die putzigen und immer gutgelaunten Suburban Kids With Biblical Names und die Shoegazer erprobten Radio Dept. das Auskommen. International zählen zudem noch die Legends, Club 8 und Acid House Kings zu den Topsellern des Labels. Grundsätzlich müssen Bands jedoch einige Kriterien erfüllen, um die Chance auf Wohlgefallen der Labelbesitzer zu erhalten: »Wir veröffentlichen nur Musik, die wir selbst lieben und die aus Schweden stammt. Momentan haben wir keine weiteren Bands im Blick, die wir gerne signen würden. Na gut, bei Morrissey oder den Television Personalities würden wir eine Ausnahme machen«. Und wenn man sich die Bands anschaut, dann stehen die Stockholmer vor allem auf eines: Popmusik. Mal schwungvoll wie bei Aerospace, mal etwas auf folkloristischerem Grund stehend wie Edson. Melodiejunkies wie The Legends hatten da natürlich leichtes Spiel, vielleicht auch, weil deren retrofarbiger Anstrich vor wenigen Jahren auch so gut da s verkörperte, was trendy und angesagt war. Generell ist Anpassung aber eher ein Randthema, es dominieren auf Labrador zeitlosere Klänge. Unscheinbar wandelt der halbe Labelroster barfüßig durch die schwedische Heimat und saugt für zartbesaitete Songs den Charme und die Liebeswürdigkeit auf, die an anderer Stelle ihren Ausdruck auch noch in der schwedischen Sprache findet. Kurzum: Es finden sich auf Labrador eine Vielzahl hübscher Nebensächlichkeiten, Must Haves für den Schweden-Fan und Gelegenheiten für die noch Unwissenden.

Und weil jedes Album bis zum Hals in Liebe ertränkt wurde, möchte Johan auch gar nicht preisgeben,  welches der kommenden Alben (The Legends, Irene, [ingenting] und Loveninjas) sein persönlicher Favorit ist: »Alle Alben haben bei uns die gleiche Priorität – wir würden niemals etwas herausbringen, was wir nicht mit all unserer Kraft unterstützen würden. So gut es eben mit unserem bescheidenen Budget als kleines Label geht.«

Ein Tipp zum Schluss: Auf der Webpräsenz des Labels findet man viele Informationen zu den einzelnen Banddiskographien und an dieser Stelle einige Klangbeispiele zum kostenlosen Download, die aber oftmals die besten Titel der jeweiligen Alben nicht mit einschließen. Die Entdeckungsreise sollte also im Plattenladen ihre Fortsetzung finden.

21. Juni 2006

Fünf Köstlichkeiten

Bandkarrieren zu prophezeien ist manchmal ein bisschen wie auf WM-Spiele tippen. Tschechien – Ghana? Klare Sache, oder? Nur zu blöd, dass die Gefahr des Unterschätzens immer irgendwo lauert. Tschechien: 0, Ghana: 2. Sicher ist eben nichts. Na klar, wenn man The Next Big Thing ausrufen möchte, dann tut man es nicht mit einer Gruppe, die gerade auf einem viertklassigen Label mit null Marketingbudget ihre Debüt-EP veröffentlicht. Aber nichtsdestotrotz ist es spannend, im Untergrund zu buddeln – auch ganz ohne Prognosen auf die Zukunft. Fünf skandinavische Länder, fünf Künstler, fünf kleine oder große Entdeckungen!

Island geht mit Jakobínarína ins Rennen. Eine Band, die im Deutschunterricht richtig gut aufgepasst hat (man höre den Track auf der Myspace-Seite) und ausnahmsweise mal nicht aus der Hauptstadt Reykjavik stammt, sondern aus Hafnarfjörður. Infos abseits der ersten krachigen, aber melodiösen Hörproben ihres Rocksounds sind über die sechs Jungspunde noch spärlich gesät und ohne Kenntnisse der Sprache mit den vielen ð, í, æ, þ noch deutlich spärlicher. Call them »Jako« and keep an eye on them! Geben wir ihnen aber vorher noch die Chance, kurz erwachsen zu werden.

Crunchy Frog, das knusprige dänische Label vermeldet mit Wolfkin (Christian Wolf und Lars Vognstrup) einen Neuzugang. Im pornomäßigen 60er-Soundsalat lässt sich so einiges entdecken: Drumbeilagen aus Programmierern, gepitchter Synthiekäse und psychedelische Soßen. Als Backing-Gitarrist von Junior Senior und bei Money Your Love hat sich Lars das Popmelodieschreiben schon mal abgeguckt. Zumindest die erste Single »A Vacant Heart« versprüht schon genügend Wärme und Tiefe.

Joaquin aus Norwegen hat zwar spanische Wurzeln, macht aber nur halb so heißblütige Popmusik. Neben einer emphatischen und recht sehnsuchtvollen Stimme gibt es immer den Panoramablick gen Mainstream. Aber immerhin kümmert sich der überaus freundliche Nordmann trotz Sony-Deal (in Norwegen schon bei MTV, in Dänemark bereits Radiostar) höchst eigenständig um seine deutsche Promo. Das gibt Fleißpünktchen! Trotzdem steht das Trendbarometer aber tendentiell auf ZDF-Fernsehgarten.

»Please Wait!« bitten die Consequences und bieten genug Platz für Liebhaber von gefühlsechtem Schwedenpop. Gerade wird mit den Produzenten von Mando Diao und den Shout Out Louds (manchmal denkt man, die haben da nur einen Produzenten in ganz Schweden) noch am Debüt-Album gefeilt, aber ein bisschen mehr Eigenheit würde man sich schon wünschen. Die Luft wird in diesem Genre immer dünner, zumal sich an dieser und dieser Stelle genug landeseigene Konkurrenz befindet, die noch die Nasen vorn hat. Von Finnland gar nicht erst zu sprechen.

Bleibt für heute noch eine nette Band aus eben jenem Finnland zu suchen und zu finden. Früher solo unterwegs – jetzt mit Verstärkung – raschelt Vuk mit ihrer Avantgarde-Mischung aus LoFi-Singsang und folkloristischem Unterbau auf ganz bezaubernd eigenen Pfaden. Das erinnert nicht nur zufällig zwischendurch von der Sprechgestik an Björk oder PJ Harvey, denn die Einflüsse von Vuk sind weit gestreut. Hauptsache: atmosphärische Musik, die schon beim ersten Hören Aufmerksamkeit verlangt. In richtige Wege kanalisiert, darf man weiteren Veröffentlichungen dieser Dame schon mal entgegenfiebern!

 
Seite 4 von 6123456