Home
Foto nordische Landschaft

10. Juni 2006

Provinzjuwel

Ab und zu wird der Glaube an die Gerechtigkeit doch wieder hergestellt. Dass Musiker, die es verdienen,  ein ganz kleines bisschen Anerkennung bekommen. Und sogar nach langen Jahren des Suchens einen Plattenvertrag erkämpfen. Wäre ja auch zu schade, wenn der wunderbare Verlierer-Pop der Cats On Fire nur wenige Eingeweihte an Finnlands Südküste erreichen würde.

Letzten Sommer, unterwegs in Finnland, Station in Turku am Rande des Ruisrock-Festivals. Sehr spät noch ins Dynamo, einen der nettesten Clubs der Stadt, entspannte Atmosphäre im Holzhaus, und draußen geht um halb zwei schon fast die Sonne wieder auf. Víer linkische Jungs auf der Bühne. Die diese Ausstrahlung einer ernsthafter Brillenträgercombo haben, ohne Brillen zu tragen. Aber sie sind gut! Mit einem Sinn für Melodien und Timing beim Gitarrenpop, eine gewissen Unschuld und einem Frontmann mit Ausstrahlung und dem Mut der Verzweiflung.

Seit den Smiths habe ich junge Männer selten so schön am Leben leiden hören wie diese Band mit dem unmöglichen Namen Cats On Fire. Irgendwann fällt ihnen das Keyboard theatralisch von der Bühne, aber selbst ihr Scheitern hat etwas Poetisches. Unmöglich, sich an diesem Abend nicht in die Band zu verlieben. Mit geröteten Wangen und einem Lächeln im Gesicht frage ich nach Platten. Gibts nicht. Keiner scheint sich weiter für dieses Provinzjuwel zu interessieren.

Seitdem habe ich regelmäßig mit einem Auge verfolgt, wie es den Cats ergeht. Mit großem Vergnügen das Blog von Sänger Mattias Björkas gelesen, der so wunderbar wehleidig ist. Und mich immer wieder gewundert, warum keiner diese talentierte Band unter Vertrag nehmen will. Aber jetzt tut sich endlich etwas! Das schwedische Label Fraction Discs bringt ihre EP heraus. Und das deutsche Label Marsh-Marigold Records das Debütalbum der Cats On Fire. Vielleicht sehen wir sie auch mal außerhalb Finnland. Würde mich freuen.

09. Juni 2006

Die Mär von der ewigen Dunkelheit

Was wäre das publizistische Leben ohne Klischees? Und so wird wohl munter weiter der Unsinn verzapft werden, dass es in Skandinavien im Winter stockdunkel ist, alle Schweden blonde Haare haben und dieses Land nur Folkgruppen oder ruppigen Gitarrenrock à la Hellacopters und The Hives hervorbringt. Gegen diese Klischees anzukämpfen wäre dringend nötig, doch es ist ein aussichtsloser Kampf.

Nennen wir einige der kursierenden Mythen beim Namen:

Mythos 17: In Skandinavien regnet es ununterbrochen.

Schönes Wetter in BergenBevorzugt wird dieses Statement über Bergen (siehe Foto rechts) – in der Tat die norwegische Stadt mit den meisten Regentagen – losgelassen, aber auch auf fast alle anderen norwegischen Orte wird es gern angewandt.

Beschäftigt man sich jedoch näher mit dem skandinavischen Klima, so stellt man fest, dass es in etwa dem norddeutschen Sommerklima ähnelt. Und über Hamburger Bands würde doch auch niemand sagen, dass sie vor lauter Wetter-Frust nur depressiv-melancholische Musik machen, oder?

Mythos 38: Alle Skandinavier wohnen in roten Holzhäuschen.

Jaja, das Pippi-Langstrumpf-Land. Blonde Jungen und noch blondere Mädels, wettergegerbte Bauern, die immer Zeit haben und freundlich sind; Elche, die auf der Wiese grasen und beim Frühstück ans Küchenfenster kommen. Willkommen im Ikea-Prospekt.

Einer der beliebtesten und wohl nie auszurottenden Klischees ist jedoch der

Mythos 1: In Skandinavien ist es ein halbes Jahr lang dunkel.

Beginnen wir mit zwei wahllos herausgegriffenen Beispielen bewusst geschürter Volksverdummung, obwohl es die Autoren hätten besser wissen müssen:

1.
Ein Schulbuchverlag bittet mich, Nordlicht- und winterliche Nachtfotos zur Verfügung zu stellen für ein Sachbuch zur Nacht. Wir werden uns schnell über das Honorar einig, und ich schicke einige Dias von winterlichen Nachtaufnahmen – nicht ohne in einem Begleitschreiben ausführlich darauf hinzuweisen, dass diese Bilder zwar während der sogenannten »Mørketid« (Dunkelzeit) entstanden sind, jedoch zur Nachtzeit. Und dass es in Nordskandinavien im Dezember und Januar trotzdem von etwa 10 bis 15 Uhr taghell ist, auch wenn die Sonne nicht über den Horizont steigt.

Als ich dann einige Monate später mein Belegexemplar von »Geheimnisse der Nacht« (Velber Verlag) in den Händen halte, trifft mich schier der Schlag. Eines meiner Nachtbilder ist folgendermaßen untertitelt: »14 Uhr ist es auf diesem Bild, also zwei Uhr nachmittags. Und doch scheint es finstere Nacht zu sein. Mond und Sterne sind am Himmel zu sehen. Es ist Polarnacht, die dunkelste Zeit im Norden.«

Nyksund bei NachDer Bildtitel zu einem anderen Nachtbild von der kleinen Vesterålen-Siedlung Nyksund (siehe Foto oben) lautet: »Alle Häuser werden hell erleuchtet. Und der Schnee strahlt das Licht zurück. Ganz dunkel ist es also nicht in den Polarnächten.« Hat man da noch Worte? Die wichtigste Aufgabe eines Schulbuchverlags sollte es doch sein, Kinder und Jungendliche aufzuklären und nicht anzuschwindeln!

2.
Die Tromsøer Band Washington veröffentlicht ihr Album »A NEW ORDER RISING«; es erscheint in Deutschland bei Glitterhouse: melancholische Musik, die an Midnight Choir und ähnliche Pop-Grübler erinnert. Der der CD beiliegende Pressetext beginnt mit folgenden Worten: »Tromsø liegt nördlich des Polarkreises. Also etwa auf einer Höhe mit Nord-Alaska und Sibirien. Hier ist es kalt, bitterkalt. Und pro Jahr etwa sieben Monate lang stockduster. Doch wo es am dunkelsten ist, strahlen die Sterne am hellsten. Aufgang Washington.«

Kompletten Beitrag lesen …

01. Juni 2006

Die Schnittchen-Taktik

 Die Goldgräberzeiten sind vorbei. Dauertrunkene Champagnerschürfer, verprasste Marketingmillionen und hoch dotierte Verträge – die Musikindustrie war noch vor wenigen Jahren das wahre Wirtschaftswunder. So schien es wenigstens, denn hinter der schillernden, penetrant fröhlichen und jederzeit gut frisierten Fassade wollten viele den siechenden Untergang des Großprofits nicht wahr haben. Erst fünf nach zwölf donnerten die Glocken und ließen die oberen Etagen den Prosecco fallen: tiefrot gefärbte Zahlen und ein Publikum, dass immer mehr Download und Nero Burning Rom für sich entdeckte, trieb den Angstschweiß auf die Stirn. 65% aller Labelangestellten in Deutschland verloren ihren Job. Fusionen und Insolvenzen standen an der Tagesordnung. Das späte Erwachen hatte seinen Preis.

Aber ganz komplett ist die Dekadenz nicht von der Bildfläche verschwunden. Und so wurde am Mittwoch Abend das neue Folkpop-Signing der EMI ihm Rahmen eines Showcases vorgestellt. Daniel Cirera heißt der lausbübige Typ mit Glatze und Gitarre, der an anderer Stelle schon ausführlicher vorgestellt wurde. Die schwedische Antwort auf Jack Johnson (meint das Label), mit mehr Biss und ironiegetränkten Texten. Das Augenzwinkern ist allgegenwärtig. Auch in dem Edelrestaurant direkt am Kölner Rheinufer. »I play some songs and you get drunk, that´s the deal«, warf Daniel vor seinem Auftritt in die Runde. Es wurde sich zugeprostet – die Rechnung geht aufs Label. Und es freuten sich eingeflogene Redakteure aus ganz Deutschland über flüssige Nahrung und permanenten Nachschub, den die allzeit flinken Kellner unter die Nase hielten: Scampi an Guacamole-Relish, Kalbspieße mit Peperonischoten, raffiniert gefüllte Champignons und Gazpacho. Wer sagt da schon nein? Und so erntete der Schwede auch ordentlich Applaus – bis während seiner 10-Song-Performance der Geräuschpegel der weiterdiskutierenden 200 geladenen Gäste (Sonnenschein, Handshake, Sonnenschein, Lächeln) wieder unangenehm in die Höhe schnellte. Ein gelungener Abend resümierte das Label und der Künstler – beim vierten Showcase in Folge lernt man auch solche Situationen mit einem durchaus ernstgemeinten Lächeln zu überstehen.

Daniel Cirera also demnächst auch in Ihrem Radio. Und vielleicht sogar wegen der soliden Soloperformance, die etwas mehr eigenständige Gitarrenarbeit und schlicht bessere Songs im Stile von »Roadtrippin« (hoffentlich die nächste Single) aufgewertet hätte. Mit Band und Bongo sieht die Sache hoffentlich demnächst noch sonnenscheiniger aus. Auch ohne Bestechung, pardon, Dank ans Medienvolk.

31. Mai 2006

Die Crux mit der Werbung

WerbungIn Zeiten, wo das Internet einen zweiten Boom erlebt und Werbung auf Websites wieder richtig Geld in die Kasse bringen kann, findet man nun selbst auf den ödesten Prtivat-Websites, deren einziger Inhalt aus zweimal jährlich ergänzten, unscharf-unterbelichteten Urlaubs-Fotos besteht, haufenweise Goodle-Ads und Banner-Geflicker. Was dabei jedoch von den Betreibern übersehen wird: Die aus der Online-Werbung erwirtschafteten Moneten werden mit einem Verlust an Wertigkeit und – wenn das Angebot aus journalistisch unabhängigem Inhalt besteht – einer Einbuße an Glaubwürdigkeit erkauft. Ist es das wert?

Man muss sich diese Frage ernsthaft stellen in einer Zeit, in der TV-Moderatoren wie Beckmann, Gottschalk, Johannes B. Kerner (Wer brachte eigentlich den dämlichen Boom auf mit dem Kürzel des zweiten Vornamens? Wirkt nicht Peter F. Bickel ebenso tumb wie George W. Bush?) Summen jenseits von Gut und Böse kassieren durch ihre Werbeverträge und so den Journalismus tief in Misskredit bringen. Denn man darf nicht vergessen, dass sich Beckmann, Kerner und Co. tatsächlich als »Journalisten« sehen, wenn man sie nach ihrer Berufsbezeichnung fragt. Nur: Dürfen Journalisten für ein Produkt werben, über das sie selbst berichten (z.B. Fussball), bzw. deren Vertreter sie in ihre Talkshow einladen? Ich bin tatsächlich erschüttert, und ich scheine einer der Wenigen zu sein. Dürfen Journalisten als meinungsbildende Personen überhaupt werben? Ich meine: nein.

Kompletten Beitrag lesen …

25. Mai 2006

Verspätet trifft ein: Der Cabezas-Express aus Stockholm

 Man könnte meinen, dass in Zeiten globaler Vernetzung und multimedialer Vertriebswege Musik in Windeseile hier in Deutschland aufschlägt. Quasi wie der Billigflieger von Stockholm nach Stuttgart in zwei Stunden. Aber die Realität hat ihren eigenen Dickkopf. Denn selbst bei arrivierten Bands mit besten Kontaktgeflechten dauert es meist eine kleine Ewigkeit, bis Musik, die in Skandiland schon unlängst veröffentlicht wurde, auch in Deutschland die Plattenregale erobert.

 20 Monate ist es her, da hat das Team von Nordische Musik über den sommerfrischen Latino-Pop von Cabezas einstimmig Lobeshymnen gesungen. Der Bassist von Eskobar, Patricio Cabezas, und sein Partner Daniel Gidlund kehren die Schwermut scheinbar mühelos aus den schwedischen Heimstätten und pflanzen feurige Grooves und heischende Rhythmen gleich neben die bewährte nordische Melancholie. Dass dies eine reizvolle Kombination ist, beweist »Vivir Sin Aire«. Es gelingt ihnen eine sehr eigene Mischung aus Ausgelassenheit und Tiefgrund zu kreieren, die nun bald auch in Deutschland mit leicht veränderter Tracklist als »Legend« erhältlich sein wird. Endlich! Denn aus den zwei Stunden sind ganze zwei Jahre geworden.

Das Album »Legend« des Stockholmer Duos Cabezas  erscheint über Dustbowl Sounds genau wie die Single “Te Quiero” am 04. August.

www.cabezas.nu

 
Seite 5 von 6123456