Home
Foto nordische Landschaft

03. Juli 2011

Mirel Wagner: My heart has no home

Große Freude beim Öffenen des Briefkastens: Ein Päckchen von Quintus von Hamburger Label Bone Voyage/BB*Island! In Zeiten, in denen die großen Plattenfirmen aus Gründen kurzfristiger Kostenersparnis in zunehmenden Maße nur noch digitale Rezensionslinks verschicken, sind es die kleinen Labels, die Wert darauf legen, noch mit dem realen Produkt zu bemustern. So dass man ausführlich im Booklet schmökern kann und sich nicht mit der schnöden Presseerklärung abspeisen lassen muss. Welche von beiden Parteien wird wohl die Musik mehr lieben?, fragt die Polarbloggerin provokant. Blöde, kleinliche Pfennigfuchser! Die paar gesparten Cents werden euer Business nicht retten.

Mirel Wagner also im Päckchen. Eine 23jährige Singer-Songwriterin aus Finnland. Geboren in Äthipien, aufgewachsen in der Nähe von Helsinki, die Eltern mit dem deutschen Nachnamen. Nachtmahrmusik ist ihre Welt, in der sie sich mit katzengleicher Sicherheit bewegt. Nur beim allerersten Reinhören zutieftst dunkelschwarz pessimistisch. Eine Stimme wie ein irrlichternder Sumpfgeist, brüchig, trotzdem stark genug, um dich in die Tiefe zu ziehen, wenn du dich zu nahe heranwagst. Die Gitarre, die Stimme, sonst nichts. Und trotzdem eine ganze Welt. Eine Gegenwelt, schaurig manchmal. In der man verloren gehen kann. In der man das Fürchten lernen mag, ein wenig. So wie in den Märchen der Brüder Grimm, in denen zwar oft das Gute siegt und die Bösen bestraft werden, aber auf fürchterliche Weise. Was ist wirklich mit Aschenputtels hochnäsigen Stiefschwestern passiert? Oder mit Schneewittchens Stiefmutter? Das wollen wir lieber nicht so genau wissen.

Mirel Wagner – No Death by Bone Voyage

Die junge Künstlerin erzählt Geschichten vom Fallen, lakonisch, ohne falsche Larmoyanz. Und fängt die Poetik des Strauchelns ein. Ist in diesem Sinne die Enkelin von Leonard Cohen, die finnische Kusine von Mazzy Star, die schwerblütige Seelenschwester von Kimya Dawson. Und dann ist da noch diese bluesige Südstaatentraurigkeit als starke Unterströmung, die immer in der Schwebe verharrt und in die Schönheit des Schrecklichen einfängt. Poe´sche Schauergeschichten erzählt, von Tod und Teufel. Aber eine ziehende Sehnsucht erzeugt. Da sind so viele merkwürdige Dinge jenseits des Kanals, wo man sich noch nie hingetraut hat. Und was wäre, wenn man in diese flackernde, hexenhafte Welt hineingezogen würde? Aber diese ruhigen Miniatur-Melodramen haben eine Herzklopfen machende Faszination.

BB Island bringt das Debüt von Mirel Wagner dankenswerterweise im Herbst heraus. Mirel ist beim Reeperbahnfestival erstmals in Deutschland unterwegs und wird danach noch eine Tourdates mit 22 Pistepirkko absolvieren. Ich werd da sein, Quintus!

Foto: Aki Roukala

27. Juni 2011

Soliti, ein neues finnisches Label

Ein Label zu gründen ist vielleicht nicht die viel versprechendste Geschäftsidee, aber Nick Triani hat es trotzdem getan. Der in Helsinki lebende Brite hat dieser Tage Soliti aus der Taufe gehoben und einige der interessantesten und viel versprechendsten finnischen Popbands unter seinen Fittichen versammelt. Der Mann ist sowieso bestens vernetzt: Seit Jahren hat er als Produzent und Musiker bei zahlreichen finnischen Produktionen seine Hände mit im Spiel. Seit Menschengedenken hat er jeden Donnerstag Abend seine feste Hörergemeinde auf Radio Helsinki mit seiner Indiepopsendung Achteinhalb. Reinhören per Webradio lohnt sich übrigens! Der Fama nach spricht Triani auch nach einem Dutzend Jahren in Finland nur drei Worte in der Landessprache, und die gehen so: »Moi, moi, moi!« Was drei Mal hallo und tschüss heißt.

Bislang war Triani beim renommierten Label Johanna Kustannus aktiv, aber nachdem dieses vom Giganten Warner übernommen wurde, war für den Querkopf offenkundig kein Platz mehr an Bord. Geht er eben seinen eigenen Weg. Die wohl bekannteste Soliti-Band sind die wunderbaren Cats On Fire, die wahren Erben der Smiths aus Turku, die derzeit fleißig an neuen Material basteln. Das erste Soliti-Veröffentlichung kommt in Bälde von der eigenwilligen Chanteuse Astrid Swan, die ein Album mit Pavement-Covern aus weiblichem Blickwinkel vorlegen wird. »PAVEMENT FOR GIRLS« heißt das Werk, das Astrid komplett solo eingespielt hat. Einen ersten Vorgeschmack gibt es mit mit der Single »Box Elders«.

Astrid Swan- Box Elder by Soliti

Freuen kann man sich auf die erste Veröffentlichung der Turkuer Jungspunde The New Tigers, die aus dem Umfeld der unvergessenen Anarcho-Träumer Goodnight Monsters kommen und respektlos-naiven Indiepop zelebrieren. Perfekt sein ist langweilig, Hakenschlagen wie ein Hase viel vergnüglicher! Lächelnder Pseudo-Dilettantismus siegt, und pure Unbeschwertheit sowieso!

Latest tracks by thenewtigers

Ebenfalls sicher im Soliti-Stall eingeparkt haben die Britpop-inspierierten Big Wave Riders aus Helsinki, die mit einer sommerlich-rhythmischen Schwere daherkommen und ein paar Grad zulegen, was die Schweißabsonderung positiv beeinflusst. Weniger zugänglich als die Labelkollegen, dafür aber verstärkt in den Bauch gehend. Auch nicht schlecht, diese leicht psychedelisch angehauchte, erdige Abenteuerfahrt.

Skate Or Die by Big Wave Riders

Noch weitgehend unbekannt sind Black Twig, die ein lverdüstertes Weltbild pflegen, mit halligen Gitarren, einem großen Schß psychedelischer Nachdenklichkeit und hellwacher Gitarren. Bringt die Welt nicht zum Einsturz, das, aber man kann sich gleichwohl verhalten an diesen Tönen reiben. Auf bescheidene Weise auf Abwege geraten. Auf ins Abenteuer!

Latest tracks by blacktwigmusic

Nein, und Labels sind kein Auslaufmodell. Erfahrung, Kontake und Können haben ihren Wert. Ein viel versprechendes, zukunftsweisenden Geschäftsmodell haben die großen Label nicht. Was den Kleinen ihre Nischen eröffnet.

19. Juni 2011

Ungdomskulen: Gimme Ten!

In Bergen gibt es einige Konstanten: Die eine ist der Regen, die andere die Musik. Man gibt es hier auf, an die Illusion trockener Füße zu glauben, und belastet das Reisekonto mit dem Kauf durchaus eleganter roter, knöchelhoher Gummistiefel. Wenn die Sonne scheint, füllt sich die Stadt mit Musik, die zwischen den sieben Bergen widerhallt. Man steht oben auf einem der zahlreichen Aussichtspunkte und wundert sich doch sehr über das plötzlich einsetzende Trommelgewirbel, das sich Stadtteil für Stadtteil fortsetzt. Praktiziert wird es von halbwüchsigen Burschen, die zum guten Dutzend aufgereiht rhyhtmisch ihre vor den Bauch geschnallte Trommeln bearbeiten, in durchaus militärischer Tradition. Wie die Einheimischen glaubhaft versichern, ist die jugendliche Trommelei geschichtsträchtig und hatte vor Jahr und Tag die Funktion, vor dem Annähern des Feindes zu warnen. Heute geht es eher um Rhythmus, Lebenslust und Wettstreit zwischen rivalisierenden Quartieren. An guten Drummern dürfte in Bergen kein Mangel herrschen! Musik ist hier überall präsent: Wie sich herausstellt, spielt Kristian, Betreiber des netten Bed & Breakfast, in der Band Kong Klang. Elektronische Musik, zu der man gut einschlafen kann, beschreibt er das Projekt selbstironisch.

Aber nun denn: In einer Stadt, in der jede vierte Einwohner Student ist, passiert Mitte Juni in den Semesterferien nicht viel, was Konzerte in Clubs betrifft. Mit einer Ausnahme: Im stylishen Café des Kunstmuseums stellen die drei eigenwilligen Stilpiraten-Rocker von Ungdomskulen ihr Projekt GIMME TEN vor. Das experimentierfreudige Trio hat zehn Stücke eingespielt, die allesamt nur eine Minute dauern, und zu jedem dieser Track ein Video gedreht. Für die künstlerische Umsetzung war Carlos Vasquez zuständig. Der Videodreh fand in Berlin statt, der offenkundigen Sehnsuchtsstadt aller skandinavischen Indiebands, die es zu Hauf in die deutsche Hauptstadt zieht. Zehn Songs. Zehn Minuten. Es ist eine Achterbahnfahrt im Schnelldurchgang absolviert, ein wilder Ritt durch die Stile.

GIMME TEN by UNGDOMSKULEN

An diesem Abend, an dem es nicht dunkel wird, werden im Kunstmuseum selbstredend erst die zehn Videos gezeigt, und dann erst kommen die Maestros selbst. Sänger Kristian hat schon die kurze Bermudas an, denn am nächsten Morgen geht es in aller Frühe los in die Türkei. Ins Schwitzen kommen die Grenzüberschreiter auch so: Sie machen irritierenden Lärm, eine krude, aber sehr tanzbare Mischung aus Art Rock und Prog Rock, aus Albernheit und Anarchie, aus Rotzwave und Jazzigem und Hip Hop und viel, viel Rocklust. Lassen sich nicht fassen, sind hochenergetisch und sehr schweißtreibend. Dem Publikum steht der Mund offen. Oder es tanzt. Und es jubelt. Puuuh! Ungdomskulen beweisen hier, dass schlau sein und Spaß haben keine Widersprüche sind. Warum auch?

Ungdomskulen – Elle from Blank Blank on Vimeo.

Da Bergen eine kleine, aber feine Musikszene hat, trifft man auf Konzerten Musiker, die es bereits über die Stadtgrenzen hinausgeschafft haben. An diesem Abend gesichtet: Pål von den in Deutschland derzeit sehr angesagten Anarcho-Poppern Kakkmaddafakka und Omar von den wunderbaren Elekronikwunderkindern Casiokids. Die Bergener Welt ist eben klein.

Und noch eine kleine modische Nachbemerkung sei erlaubt: Das Bergener Indiepopmädel kleidet sich eher bescheiden. Jeans, T-Shirt, Turnschuhe. Nichts vom stylishen Aufgemotze ihrer schwedischen Nachbarinnen zu sehen, aber auch nichts vom frechen und buntvogeligem Auftreten ihrer isländischen Schwestern. Ins finnische Nachtleben würden die Grazien dagegen bestens passen.

05. Juni 2011

Verfassungstag plus Vinnie Who: Glückliches Dänemark

Der fünfte Juni ist ein Sonntag und in Dänemark ganz abgesehen davon ein Feiertag: Unsere nördlichen Nachbarn begehen zum Erstaunen der Polarbloggerin einen nur auf den ersten Blick drögen Festtag: Gefeiert wird die Verfassung. Nach kurzem Nachdenken nicht unschlau, der Gedanke: Sich daran zu erinnern, dass ein Grundgesetz nicht immer selbstverständlich gewesen ist. Dass es Zeiten gegeben hat, die keine Ewigkeiten zurückliegen, in denen man sich eine funktionierende Verfassung sehnlicht gewünscht hätte. Warum haben wir so etwas nicht? Nun, wir haben den Tag des Grundgesetzes, aber haben wir den jemals ordentlich gefeiert?

Die Dänen jedenfalls feiern den Tag mit viel Kultur. Am Leuchtturm von Bovbjerg gibt es ein charmant wackelndes Trompetensolo-Programm eines jungen Nachwuchsmusikers und eine Ausstellungseröffnung mit Rotwein und Crackern, was zur Mittagsstunde dem klar zielorientierten Gang am Strand nicht unbedingt zuträglich ist. Im Küstendörfchen Fjaltring, das seit vielen Jahren mitten in der Provinz ein eigenständiges Kulturhaus betreibt, gibt es eine Lesung mit zwei jungen Dichtern, die so genau so aussehen, wie Lisa Meier sich die Dichter so vorstellt. Plus Liedgut einer marokkanischen Sängerin, dänischen Klezmer und ein schön selbstironisches Soloprogramm der Schauspielerin und Regisseurin Iben Nagel Rasmussen. Hut ab, Dänemark!

Zum Verfassungstag muss es natürlich auch niveauvolle Popmusik geben, und weil er ein Feiertag ist, darf man auch mal dick auftragen. Wenn es der guten Laune dient? Mit wem ginge das besser als mit den temperamantvollen Disco-Schwülstlingen von Vinnie Who? Die als fröhliche Großgruppe dick auftragen und die Disco-Kugel nur so glitzern lassen. Dabei von unbändiger Lebensfreude sind und den Kitsch innig an ihre Brust drücken.Und tanzbar sind, unbedingt tanzbar! Bei ihren Live-Konzerten sollte es eigentlich jedesmal Konfetti regnen, so euphorisch kommen die dänischen Jungspunde daher. Und weil sie gern so theatraliasch sind, sollte man auch das frisch gebügelte weiße Stofftaschentuch in Griffweite haben, damit man sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel wischen kann, wenn es gefühlig wird. Hach, Dänemark!

VINNIE WHO – ACCIDENT OR WILL from JEPPE KOLSTRUP on Vimeo.

Foto: Kenneth Nguyen

29. Mai 2011

Der talentierte Mr. Jones

Unangenehme Dinge wie Fensterputzen, den Kühlschrank abtauen oder endlich auf den letzten Drücker die Steuererklärung ausfüllen, die erledige ich diese Tage nur mit tätiger musikalischer Unterstützung der Lieblingsfrühlingsplatte, und zwar von »HEST» von den putzmunteren Spaßpoppern Kakkmaddafakka aus Bergen. Lauthals mitsingen und dabei den Essigreiniger großflächig über die Küche verteilen. Soll man ja sowieso verstärkt tun in Zeiten von EHEC, sagt ein Professor, der es genau wissen muss, heute in der FAS.

Dass die »Kakks» keine schrammelnden Dilettanten sind, sondern klassisch ausgebildete Könner an ihren Instrumenenten, das verstecken sie gerne hinter viel Albernheit. Der Begabteste in der ganzen bunten Truppe ist eindeutig der anarchische Pianist Jonas »Mr. Jones« Nielsen, der ein Entertainer von hohen Gnaden ist. Der sich auf Konzerten gerne auszieht und halbnackig auf dem Klavierstuhl herumhampelt und dabei auch nach dem dreizehnten Bier mit untrüglicher Sicherheit die richtigen Tasten trifft. Beim wunderbaren Konzert in Heidelberg letztens kam Jones zur letzten Zugabe ganz allein heraus (der Rest der Truppe konnte wohl nicht mehr). Spielte ein funkelndes improvisiertes Feuerwerk am Klavier ab, bis einem die Ohren glühten und die Füße endlich müdegetanzt waren. Respekt! Singen kann der junge Herr übrigens auch noch.

Ein bisschen Recherche ergibt, dass Jones auch mit eigenen Songs aktiv ist, und die blubbern! Und sitzen! Voller Melodramen, großer Gefühle, reichlich Selbstironie und irgendwo angesiedelt im Niemandsland zwischen Jerry Lee Lewis, Elton John und Liberace. Irgendwie auf sehr konkrete Weise handfest dekadent. Im Berlin der späten 1920er hätten ihm die Charleston-Girls aus der Hand gefressen!

Also Jones, auch wenn deine letzten Solo-Aktivitäten auf Youtube aus dem Jahr 2009 stammen, du kannst gerne auch solo auf Tour zurückkommen. Es wäre jammerschade, wenn ein rotzfreches Naturtalent wie du nur noch als Teil des Kollektivs aktiv wäre. Ganz allein spielst du ein Dutzend Schlaffi-Bands an die Wand!

 
Seite 12 von 101« Erste...910111213141516...Letzte »