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Foto nordische Landschaft

21. Juni 2006

Fünf Köstlichkeiten

Bandkarrieren zu prophezeien ist manchmal ein bisschen wie auf WM-Spiele tippen. Tschechien – Ghana? Klare Sache, oder? Nur zu blöd, dass die Gefahr des Unterschätzens immer irgendwo lauert. Tschechien: 0, Ghana: 2. Sicher ist eben nichts. Na klar, wenn man The Next Big Thing ausrufen möchte, dann tut man es nicht mit einer Gruppe, die gerade auf einem viertklassigen Label mit null Marketingbudget ihre Debüt-EP veröffentlicht. Aber nichtsdestotrotz ist es spannend, im Untergrund zu buddeln – auch ganz ohne Prognosen auf die Zukunft. Fünf skandinavische Länder, fünf Künstler, fünf kleine oder große Entdeckungen!

Island geht mit Jakobínarína ins Rennen. Eine Band, die im Deutschunterricht richtig gut aufgepasst hat (man höre den Track auf der Myspace-Seite) und ausnahmsweise mal nicht aus der Hauptstadt Reykjavik stammt, sondern aus Hafnarfjörður. Infos abseits der ersten krachigen, aber melodiösen Hörproben ihres Rocksounds sind über die sechs Jungspunde noch spärlich gesät und ohne Kenntnisse der Sprache mit den vielen ð, í, æ, þ noch deutlich spärlicher. Call them »Jako« and keep an eye on them! Geben wir ihnen aber vorher noch die Chance, kurz erwachsen zu werden.

Crunchy Frog, das knusprige dänische Label vermeldet mit Wolfkin (Christian Wolf und Lars Vognstrup) einen Neuzugang. Im pornomäßigen 60er-Soundsalat lässt sich so einiges entdecken: Drumbeilagen aus Programmierern, gepitchter Synthiekäse und psychedelische Soßen. Als Backing-Gitarrist von Junior Senior und bei Money Your Love hat sich Lars das Popmelodieschreiben schon mal abgeguckt. Zumindest die erste Single »A Vacant Heart« versprüht schon genügend Wärme und Tiefe.

Joaquin aus Norwegen hat zwar spanische Wurzeln, macht aber nur halb so heißblütige Popmusik. Neben einer emphatischen und recht sehnsuchtvollen Stimme gibt es immer den Panoramablick gen Mainstream. Aber immerhin kümmert sich der überaus freundliche Nordmann trotz Sony-Deal (in Norwegen schon bei MTV, in Dänemark bereits Radiostar) höchst eigenständig um seine deutsche Promo. Das gibt Fleißpünktchen! Trotzdem steht das Trendbarometer aber tendentiell auf ZDF-Fernsehgarten.

»Please Wait!« bitten die Consequences und bieten genug Platz für Liebhaber von gefühlsechtem Schwedenpop. Gerade wird mit den Produzenten von Mando Diao und den Shout Out Louds (manchmal denkt man, die haben da nur einen Produzenten in ganz Schweden) noch am Debüt-Album gefeilt, aber ein bisschen mehr Eigenheit würde man sich schon wünschen. Die Luft wird in diesem Genre immer dünner, zumal sich an dieser und dieser Stelle genug landeseigene Konkurrenz befindet, die noch die Nasen vorn hat. Von Finnland gar nicht erst zu sprechen.

Bleibt für heute noch eine nette Band aus eben jenem Finnland zu suchen und zu finden. Früher solo unterwegs – jetzt mit Verstärkung – raschelt Vuk mit ihrer Avantgarde-Mischung aus LoFi-Singsang und folkloristischem Unterbau auf ganz bezaubernd eigenen Pfaden. Das erinnert nicht nur zufällig zwischendurch von der Sprechgestik an Björk oder PJ Harvey, denn die Einflüsse von Vuk sind weit gestreut. Hauptsache: atmosphärische Musik, die schon beim ersten Hören Aufmerksamkeit verlangt. In richtige Wege kanalisiert, darf man weiteren Veröffentlichungen dieser Dame schon mal entgegenfiebern!

18. Juni 2006

Warmwerden mit den Envelopes

 Sommer. Schäfchenwattewolken überfahren einen, während nebenan der Schmetterlingslandeanflugbeobachter im satten, duftenden Gras mit den Marienkäfern flirtet. Die Sonne belacht, die karamellgebräunten Beine im sanft umspülenden Meerwasser gedippt, unermüdlich die Sandburg vor der Flut beschützt, sich einbuddeln lassen aber dann doch lieber ein Buddelschiff gekauft. Sich von den Grashalmen unter den Füßen kitzeln lassen und abends unter freiem Himmel mit Lagerfeuer-Westerngitarrenklassikern den glutroten Feuerball hinter den Horizont verabschiedet. Abends, wenn die Luft schon etwas kühler ist, was sie noch viel reiner und erfrischender schmecken lässt. Das Ganze wahlweise in selbstvergessener Abgeschiedenheit in nordischen Wäldern oder mit den besten Freunden in entspannter Urlaubs-Atmosphäre direkt am Fjord.

Und wenn die geschätzte Kollegin unter mir schon wieder die ebenfalls extrem sommerliche Finnland-Keule schwingt, dann gibt´s hier noch ein bisschen Konkurrenz aus Schweden – der perfekte Urlaubs-Soundtrack! Die Envelopes aus Stockholm / Malmö mit französischer Sängerin machen Bungee-Pop. Ein bisschen die Haare angerockt, ordentlich mit C86-Beats beschmiert, College-Parties gestürmt und über Blumenwiesen gequengelt. Halt genau das, was man im Sommer so braucht. Die aktuelle Single »Sister In Love« schützt natürlich auch nicht vor Wurmbefall in den Ohren. Pop, das schon, aber mit eben mit High Voltage und Pixies-Attitüde. Dass das neue Album »Demon« eigentlich nur Demoaufnahmen (Demon ist schwedisch und heißt nichts anderes als Demos) aus dem heimischen Ferienhaus sind? Umso besser! Wir sind gerüstet. This Is The Law!

Die Debüt-Tapes  sind gerade über Brille / Labels / EMI erschienen und noch in diesem Jahr gibt´s das erste richtige Studioalbum. Hoffentlich können sie sich ihre Krallen bewahren.

16. Juni 2006

Auf der Suche nach dem Sommerhit

Sommer, Sonne, kurzes Röckchen, Eiswaffel mit drei Kugeln balancierend und dabei noch mit dem Fahrrad um die Ecke kommen…jetzt fehlt nur noch der mir passende Sommerhit dazu. Also bitte kein balkanesisches Gejammer, kein südamerikanischer Temperamentsausbruch und kein dummer dänischer Reggae. Etwas Poppiges, Leichtes, Verträumtes.

Fündig werde ich in Finnland (Überraschung!). Beim Soloprojekt von Janne Laurila, ehemals Herz und Hirn von Office Building. Der hat den wunderbaren Song »Endless Summer« auf seine Myspace-Site gestellt. Der Song schwebt so schwerelos wie die bösen Pollen durch die Luft und ist gerade diesen Tick traurig, um richtig glücklich zu machen. Laurila schreibt hier so wunderbare Reime wie »and even heartache is fun, when you are bathing in the sun«. Und die Orgel schmeichelt dazu. Seit Tagen spielt die innere Jukebox wenig anderes. So lass ich mir den Sommer gefallen.

14. Juni 2006

Grönland-Jazz

Tobias Sjögren & Per JørgensenTobias Sjögrens neue CD im Player gehabt: »UNSPOKEN SONGS«, eine Duo-CD zusammen mit dem Sänger und Trompeter Per Jørgensen, ist eine feine, leise, lyrische Jazz-Platte, die an Pat Methenys Zusammenspiel mit Nana Vasconcelos, bzw. in jüngerer Zeit mit Cuong Vu erinnert.

Beim Recherchieren auf Tobias’ Website informierte ich mich über weitere Aufnahmen, erinnerte mich daran, dass er ja auch das Projekt Northern Voices betreibt, lauschte einigen Songs und dachte mir: Dieser Mann ist eine nähere Beschäftigung wert.

Tobias Sjögren in Fell gehülltAlso mailte ich ihm mein Anliegen: Ob er mir wohl die bei uns noch nicht besprochenen CDs seiner Discografie für eine Rezension zur Verfügung stellen könne? Klar könne er mir sie schicken, mailte er freundlich zurück.

Und so erreichten mich nun also »ORD PÅ GOLVET« (eine Vertonung von Gunnar Ekelöfs Gedichten) und »THULE SPIRIT« von Northern Spirit (der Däne Christian Vuust und der Schwede Sjögren musizierten auf Grönland mit einigen der besten Trommelsängern der Arktis; sie reisten dazu in den Nordwesten des Landes nach Qaanaaq, die nördlichste Siedlung der Erde, nur 1000 Kilometer vom Nordpol entfernt).

Bleibt noch sein Debüt »HYMN«, auf dem er seine Vision von elegant-wattiertem Jazz erstmalig zu Gehört brachte. »Leider habe ich jedoch von dieser CD nur noch mein eigenes Exemplar«, schrieb Tobias Sjögren. »Kann ich Dir ein Disc-Image als Toast-File auf Deinen Server laden?« Also flugs einen FTP-Zugang eingerichtet, und … go ahead, Tobias.

So einfach geht das, wenn Musiker und Journalisten zusammen arbeiten und keine Plattenfirma zwischengeschaltet ist …

10. Juni 2006

Provinzjuwel

Ab und zu wird der Glaube an die Gerechtigkeit doch wieder hergestellt. Dass Musiker, die es verdienen,  ein ganz kleines bisschen Anerkennung bekommen. Und sogar nach langen Jahren des Suchens einen Plattenvertrag erkämpfen. Wäre ja auch zu schade, wenn der wunderbare Verlierer-Pop der Cats On Fire nur wenige Eingeweihte an Finnlands Südküste erreichen würde.

Letzten Sommer, unterwegs in Finnland, Station in Turku am Rande des Ruisrock-Festivals. Sehr spät noch ins Dynamo, einen der nettesten Clubs der Stadt, entspannte Atmosphäre im Holzhaus, und draußen geht um halb zwei schon fast die Sonne wieder auf. Víer linkische Jungs auf der Bühne. Die diese Ausstrahlung einer ernsthafter Brillenträgercombo haben, ohne Brillen zu tragen. Aber sie sind gut! Mit einem Sinn für Melodien und Timing beim Gitarrenpop, eine gewissen Unschuld und einem Frontmann mit Ausstrahlung und dem Mut der Verzweiflung.

Seit den Smiths habe ich junge Männer selten so schön am Leben leiden hören wie diese Band mit dem unmöglichen Namen Cats On Fire. Irgendwann fällt ihnen das Keyboard theatralisch von der Bühne, aber selbst ihr Scheitern hat etwas Poetisches. Unmöglich, sich an diesem Abend nicht in die Band zu verlieben. Mit geröteten Wangen und einem Lächeln im Gesicht frage ich nach Platten. Gibts nicht. Keiner scheint sich weiter für dieses Provinzjuwel zu interessieren.

Seitdem habe ich regelmäßig mit einem Auge verfolgt, wie es den Cats ergeht. Mit großem Vergnügen das Blog von Sänger Mattias Björkas gelesen, der so wunderbar wehleidig ist. Und mich immer wieder gewundert, warum keiner diese talentierte Band unter Vertrag nehmen will. Aber jetzt tut sich endlich etwas! Das schwedische Label Fraction Discs bringt ihre EP heraus. Und das deutsche Label Marsh-Marigold Records das Debütalbum der Cats On Fire. Vielleicht sehen wir sie auch mal außerhalb Finnland. Würde mich freuen.