Home
Foto nordische Landschaft

16. Juni 2006

Auf der Suche nach dem Sommerhit

Sommer, Sonne, kurzes Röckchen, Eiswaffel mit drei Kugeln balancierend und dabei noch mit dem Fahrrad um die Ecke kommen…jetzt fehlt nur noch der mir passende Sommerhit dazu. Also bitte kein balkanesisches Gejammer, kein südamerikanischer Temperamentsausbruch und kein dummer dänischer Reggae. Etwas Poppiges, Leichtes, Verträumtes.

Fündig werde ich in Finnland (Überraschung!). Beim Soloprojekt von Janne Laurila, ehemals Herz und Hirn von Office Building. Der hat den wunderbaren Song »Endless Summer« auf seine Myspace-Site gestellt. Der Song schwebt so schwerelos wie die bösen Pollen durch die Luft und ist gerade diesen Tick traurig, um richtig glücklich zu machen. Laurila schreibt hier so wunderbare Reime wie »and even heartache is fun, when you are bathing in the sun«. Und die Orgel schmeichelt dazu. Seit Tagen spielt die innere Jukebox wenig anderes. So lass ich mir den Sommer gefallen.

14. Juni 2006

Grönland-Jazz

Tobias Sjögren & Per JørgensenTobias Sjögrens neue CD im Player gehabt: »UNSPOKEN SONGS«, eine Duo-CD zusammen mit dem Sänger und Trompeter Per Jørgensen, ist eine feine, leise, lyrische Jazz-Platte, die an Pat Methenys Zusammenspiel mit Nana Vasconcelos, bzw. in jüngerer Zeit mit Cuong Vu erinnert.

Beim Recherchieren auf Tobias’ Website informierte ich mich über weitere Aufnahmen, erinnerte mich daran, dass er ja auch das Projekt Northern Voices betreibt, lauschte einigen Songs und dachte mir: Dieser Mann ist eine nähere Beschäftigung wert.

Tobias Sjögren in Fell gehülltAlso mailte ich ihm mein Anliegen: Ob er mir wohl die bei uns noch nicht besprochenen CDs seiner Discografie für eine Rezension zur Verfügung stellen könne? Klar könne er mir sie schicken, mailte er freundlich zurück.

Und so erreichten mich nun also »ORD PÅ GOLVET« (eine Vertonung von Gunnar Ekelöfs Gedichten) und »THULE SPIRIT« von Northern Spirit (der Däne Christian Vuust und der Schwede Sjögren musizierten auf Grönland mit einigen der besten Trommelsängern der Arktis; sie reisten dazu in den Nordwesten des Landes nach Qaanaaq, die nördlichste Siedlung der Erde, nur 1000 Kilometer vom Nordpol entfernt).

Bleibt noch sein Debüt »HYMN«, auf dem er seine Vision von elegant-wattiertem Jazz erstmalig zu Gehört brachte. »Leider habe ich jedoch von dieser CD nur noch mein eigenes Exemplar«, schrieb Tobias Sjögren. »Kann ich Dir ein Disc-Image als Toast-File auf Deinen Server laden?« Also flugs einen FTP-Zugang eingerichtet, und … go ahead, Tobias.

So einfach geht das, wenn Musiker und Journalisten zusammen arbeiten und keine Plattenfirma zwischengeschaltet ist …

10. Juni 2006

Provinzjuwel

Ab und zu wird der Glaube an die Gerechtigkeit doch wieder hergestellt. Dass Musiker, die es verdienen,  ein ganz kleines bisschen Anerkennung bekommen. Und sogar nach langen Jahren des Suchens einen Plattenvertrag erkämpfen. Wäre ja auch zu schade, wenn der wunderbare Verlierer-Pop der Cats On Fire nur wenige Eingeweihte an Finnlands Südküste erreichen würde.

Letzten Sommer, unterwegs in Finnland, Station in Turku am Rande des Ruisrock-Festivals. Sehr spät noch ins Dynamo, einen der nettesten Clubs der Stadt, entspannte Atmosphäre im Holzhaus, und draußen geht um halb zwei schon fast die Sonne wieder auf. Víer linkische Jungs auf der Bühne. Die diese Ausstrahlung einer ernsthafter Brillenträgercombo haben, ohne Brillen zu tragen. Aber sie sind gut! Mit einem Sinn für Melodien und Timing beim Gitarrenpop, eine gewissen Unschuld und einem Frontmann mit Ausstrahlung und dem Mut der Verzweiflung.

Seit den Smiths habe ich junge Männer selten so schön am Leben leiden hören wie diese Band mit dem unmöglichen Namen Cats On Fire. Irgendwann fällt ihnen das Keyboard theatralisch von der Bühne, aber selbst ihr Scheitern hat etwas Poetisches. Unmöglich, sich an diesem Abend nicht in die Band zu verlieben. Mit geröteten Wangen und einem Lächeln im Gesicht frage ich nach Platten. Gibts nicht. Keiner scheint sich weiter für dieses Provinzjuwel zu interessieren.

Seitdem habe ich regelmäßig mit einem Auge verfolgt, wie es den Cats ergeht. Mit großem Vergnügen das Blog von Sänger Mattias Björkas gelesen, der so wunderbar wehleidig ist. Und mich immer wieder gewundert, warum keiner diese talentierte Band unter Vertrag nehmen will. Aber jetzt tut sich endlich etwas! Das schwedische Label Fraction Discs bringt ihre EP heraus. Und das deutsche Label Marsh-Marigold Records das Debütalbum der Cats On Fire. Vielleicht sehen wir sie auch mal außerhalb Finnland. Würde mich freuen.

10. Juni 2006

Oh, oh, oh…

Man könnte das Spiel als eines der besten 0:0 der WM-Geschichte schönreden, aber ich meine 0:0 gegen Trinidad/Tobago in Überzahl? Geht´s noch??? Sverige-Chancentod schreit nicht unbedingt nach einer Fortsetzung, wenn wir Gelb-Blau im Achtelfinale sehen wollen. Also, Tre Kronors, auf geht´s! Kantersieg gegen Paraguay und England. Bin mir fast sicher!

09. Juni 2006

Die Mär von der ewigen Dunkelheit

Was wäre das publizistische Leben ohne Klischees? Und so wird wohl munter weiter der Unsinn verzapft werden, dass es in Skandinavien im Winter stockdunkel ist, alle Schweden blonde Haare haben und dieses Land nur Folkgruppen oder ruppigen Gitarrenrock à la Hellacopters und The Hives hervorbringt. Gegen diese Klischees anzukämpfen wäre dringend nötig, doch es ist ein aussichtsloser Kampf.

Nennen wir einige der kursierenden Mythen beim Namen:

Mythos 17: In Skandinavien regnet es ununterbrochen.

Schönes Wetter in BergenBevorzugt wird dieses Statement über Bergen (siehe Foto rechts) – in der Tat die norwegische Stadt mit den meisten Regentagen – losgelassen, aber auch auf fast alle anderen norwegischen Orte wird es gern angewandt.

Beschäftigt man sich jedoch näher mit dem skandinavischen Klima, so stellt man fest, dass es in etwa dem norddeutschen Sommerklima ähnelt. Und über Hamburger Bands würde doch auch niemand sagen, dass sie vor lauter Wetter-Frust nur depressiv-melancholische Musik machen, oder?

Mythos 38: Alle Skandinavier wohnen in roten Holzhäuschen.

Jaja, das Pippi-Langstrumpf-Land. Blonde Jungen und noch blondere Mädels, wettergegerbte Bauern, die immer Zeit haben und freundlich sind; Elche, die auf der Wiese grasen und beim Frühstück ans Küchenfenster kommen. Willkommen im Ikea-Prospekt.

Einer der beliebtesten und wohl nie auszurottenden Klischees ist jedoch der

Mythos 1: In Skandinavien ist es ein halbes Jahr lang dunkel.

Beginnen wir mit zwei wahllos herausgegriffenen Beispielen bewusst geschürter Volksverdummung, obwohl es die Autoren hätten besser wissen müssen:

1.
Ein Schulbuchverlag bittet mich, Nordlicht- und winterliche Nachtfotos zur Verfügung zu stellen für ein Sachbuch zur Nacht. Wir werden uns schnell über das Honorar einig, und ich schicke einige Dias von winterlichen Nachtaufnahmen – nicht ohne in einem Begleitschreiben ausführlich darauf hinzuweisen, dass diese Bilder zwar während der sogenannten »Mørketid« (Dunkelzeit) entstanden sind, jedoch zur Nachtzeit. Und dass es in Nordskandinavien im Dezember und Januar trotzdem von etwa 10 bis 15 Uhr taghell ist, auch wenn die Sonne nicht über den Horizont steigt.

Als ich dann einige Monate später mein Belegexemplar von »Geheimnisse der Nacht« (Velber Verlag) in den Händen halte, trifft mich schier der Schlag. Eines meiner Nachtbilder ist folgendermaßen untertitelt: »14 Uhr ist es auf diesem Bild, also zwei Uhr nachmittags. Und doch scheint es finstere Nacht zu sein. Mond und Sterne sind am Himmel zu sehen. Es ist Polarnacht, die dunkelste Zeit im Norden.«

Nyksund bei NachDer Bildtitel zu einem anderen Nachtbild von der kleinen Vesterålen-Siedlung Nyksund (siehe Foto oben) lautet: »Alle Häuser werden hell erleuchtet. Und der Schnee strahlt das Licht zurück. Ganz dunkel ist es also nicht in den Polarnächten.« Hat man da noch Worte? Die wichtigste Aufgabe eines Schulbuchverlags sollte es doch sein, Kinder und Jungendliche aufzuklären und nicht anzuschwindeln!

2.
Die Tromsøer Band Washington veröffentlicht ihr Album »A NEW ORDER RISING«; es erscheint in Deutschland bei Glitterhouse: melancholische Musik, die an Midnight Choir und ähnliche Pop-Grübler erinnert. Der der CD beiliegende Pressetext beginnt mit folgenden Worten: »Tromsø liegt nördlich des Polarkreises. Also etwa auf einer Höhe mit Nord-Alaska und Sibirien. Hier ist es kalt, bitterkalt. Und pro Jahr etwa sieben Monate lang stockduster. Doch wo es am dunkelsten ist, strahlen die Sterne am hellsten. Aufgang Washington.«

Kompletten Beitrag lesen …