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Foto nordische Landschaft

04. Januar 2018

Ein sanfter Sturm zieht auf mit Daniela Reyes

Daniela Reyes könnte fast als Wunderkind durchgehen: Knapp 15 Jahre ist sie alt, hat aber schon ihren ersten Plattenvertrag beim norwegischen Qualitätslabel Toothfairy ergattert (wo übrigens auch Durchstarterin Ary zu finden ist!) und bereits auf mehreren renommierten Festivals in ihrer Heimat gespielt. Und da sie sich im arg überfischten Becken der Singer-Songwriter bewegt, ist diese kleine Karriere in jungen Jahren als noch erstaunlicher zu bewerten.

Aus dem großen Meer der Klampfenliesen hervorzustechen, dazu gehört schon was! Vielleicht liegt es daran, dass Daniela Reyes diese sehr ausdrucksstarke, leicht belegte Stimme hat und mit wunderbarer Großäugigkeit für ihr Alter ganz schön lebensweise Geschichten erzählt. Und außer Gitarre auch noch Ukulele, Akkordeon, Bass und die Loopstation zu bedienen weiß! Mit ihrer scheinbaren Naivität erinnert die Musikerin durchaus an die unvergessene Melanie. Der nicht sehr norwegische Name der jungen Sängerin ist kein Zufall: Daniela Reyes stammt ursprünglich aus Kolumbien und wurde schon in sehr frühen Jahren von einer norwegischen Familie adoptiert. Das Akkordeonspiel hat sie von ihrem norwegischen Adoptiv-Großvater gelernt. Ein großes Repertoire vorzuweisen hat die Nachwuchskraft naturgemäß noch nicht, aber im fein zurückgenommen »Station Z« lässt die junge Frau mit der großen Präsenz einen sanften Sturm aufziehen und alle Sterne am Himmel leuchten! Wir merken uns für das Jahr 2018: Unschuld ist das neue Cool!

20. Dezember 2017

Zeit zum Geschichtenerzählen: Erki Pärnoja

In Zeiten von Spotify ist die Skip-Taste zum entscheidenden Faktor dafür geworden, ob ein Musikstück erfolgreich wird oder nicht. Mehr als zehn Sekunden Aufmerksamkeitsspanne sind nicht drin. Danach wird ungeduldig die Skip-Taste betätigt. Und wehe, in diesen ersten zehn Sekunden taucht keine griffige Tonfolge, Refrain oder Hookline auf, dann habe ich das Spotify-Spiel schon verloren. Das hörte ich gestern in einem Beitrag des Zündfunk, einem der wenigen noch ernst zu nehmenden Radiosendern hierzulande. Und mir gruselte angesichts dieser mitleidlosen Oberflächlichkeit.

In Zeiten von Spotify hat einer wie Erki Pärnoja eigentlich keine Chance. Denn der Sänger und Gitarrist der estnischen Indiepopband Ewert And The Two Dragons lädt uns auf seinem Solodebüt »EFTERGLOW« zum aufmerksamen Zuhören ein. Und lehrt uns, Geduld zu haben. Denn im Video zum Titelstück müssen wir erstmal einer persönlichen Geschichte lauschen, die deutlich länger dauert als zehn Sekunden. Auf Estnisch, das sich als wunderbar melodiöse Sprache entpuppt. Einer Geschichte, die vom Niedergang der Textilindustrie in Estland handelt.

Erki Pärnojas Musik setzt erst mit einer Verzögerung von drei Minuten ein. Der Blick streift durch ein abbruchreifes Fabrikgebäude irgendwo an den Rändern der Stadt, das auch als bauliches Skelett noch erhaben aussieht. Eine Ruine stolzer Industriekultur inmitten karger Schneelandschaft. Man spürt fast das Vordringen des estnische Waldes. Das sind anspruchsvolle Töne zwischen Filmmusik, experimentellen Klängen und sanftem 70er-Gitarrenrock. Keineswegs depressive Sounds, sondern fein nachdenkliche. Pärnoja nimmt sich alle Zeit der Welt, um über die Vergänglichkeit nachzudenken. Kommt ohne Text aus. Den benötigt er auch nicht, um Eindruck zu hinterlassen. Via Soundcloud kann man dem gesamten Album lauschen. Sehr empfohlen, um zur Ruhe zu kommen. Erki Pärnoja ist vielleicht einer der Musiker, auf die ich mich beim Eurosonic Festival im Januar am meisten freue.

13. Dezember 2017

Schwarzromantische Töne für die dunkelsten Nächte: Ellis May

Wir nähern uns den dunkelsten Tagen des Jahres. Die Schwärze kriecht mit gierigen Fingern heran und will uns fest umschlingen. Dagegen taugt kein weihnachtlicher Lichterglanz etwas! Als Soundtrack zu diesen stillen, nicht enden wollenden Nächten passt die Musik von Ellis May bestens. Das ist der Nom de Plume der dänischen Produzentin und Sängerin Sophia Maj.

Die Kopenhagenerin ist dem Unheimlichen, das unverhofft im Alltag auftaucht, in respektvoller Bewunderung verbunden. Die Schauerballade, ein irrlichterndes Piano und rauchige Vocals: Damit führt uns Ellis May im geisterhaften Track »Father« gekonnt auf Abwege. Dass es in dieser düsteren Mär um sehr persönliche Dinge geht, um Verlust und den Umgang damit, das glauben wir ihr unbenommen. Schwarzromantisch sind die Pfade, die May hier beschreitet, unerschrocken und mit offenen Sinnen. Sie maunzt und flüstert und mäandert stimmlich, als wolle sie selbstbewusst das Erbe von Lydia Lunch antreten, nur in zartere Form. Bei diesem subtil ausufernden Fünfminüter sollte man Geduld mitbringen, um perfekt goutieren zu können, wie hier subtile Spannungsbögen aufgebaut werden. Mitunter kommt die finnische Kollegin Mirel Wagner in den Sinn, um die es in letzter Zeit leider sehr still geworden ist. Ein großes Oeuvre hat Ellis May noch nicht aufzuweisen, aber wer neugierig geworden ist: Auf ihrer Soundcloud-Seite enthüllt sie auch ihre elektronikbetontere Seite, ohne an geisterhafter Intensität einzubüßen.

Beim ersten Festival des Jahres, dem Eurosonic im niederländischen Groningen, gibt es 2018 erfreulicherweise einen Länderschwerpunkt Dänemark. Ganz klar, dass der Auftritt von Ellis May ganz oben auf meiner provisorischen Liste der »unbedingt zu sehenden« Acts steht!

Foto: Frederik Maj

02. Dezember 2017

Es muss nicht immer Island sein: Leeuwarden ist auch fein!

In diesem Jahr habe ich zum ersten Mal seit 2009 das bislang sehr geliebte Iceland Airwaves Festival in Reykavík ausgelassen. Denn die isländische Hauptstadt ist inzwischen für normale Menschen unerschwinglich geworden. Wie sagte es ein Freund so schön, der dann doch dort war: »Alles ist nochmal teurer geworden«. Wohlgemerkt waren die Preise schon beim Airwaves 2016 an der Schmerzgrenze. Der Tourismusboom zeigt hier seine dunkle Seite. Wie hinterher zu hören ist, waren die Besucherzahlen auf dem Airwaves rückläufig. Vor allem die Briten, traditionell im nördlichen Nachbarland beim Festival mit einer starken Fraktion vertreten, fehlten auffällig: Ein Resultat des schwachen Pfundes und somit auch des Brexit. So, genug gejammert, denn es ist nun nicht so, dass die Isländer die einzigen auf der Welt sind, die im November ein Festival veranstalten. Per Zufall stieß ich auf das Explore The North Festival in Leeuwarden, dessen Programm mir ausgesprochen gut gefiel. Sehr viele skandinavische Musiker! Der Laie fragt sich nun: Wo liegt bloß Leeuwarden? Ehrlich gesagt musste ich auch nachgucken. Also! Leeuwarden liegt im friesischen Teil der Niederlande, nicht weit von Groningen entfernt. Und vor allem, so stellt sich heraus, sind Leeuwarden und die Region Friesland europäische Kulturhauptstadt 2018! Überall hängen Plakate und Poster der legendären Spionin und Tänzerin Mata Hari. Kein Wunder, sie ist die berühmteste Tochter der Stadt und wurde vor genau 100 Jahren in Frankreich hingerichtet. Die unbekannte Provinzhaupstadt entpuppt sich als echte Entdeckung und das kleine Festival ebenso!

Das fängt schon mal mit den Veranstaltungsorten an: In Kirchen, der ehemaligen Synagoge und einem angenehm übersichtlichen Kulturzentrum. Alles fußläufig zu erreichen, Grachten und Kirchen dienen als Wegweiser, die Leeuwardener sind ein ausgesprochen freundliches Völkchen (von wegen maulfaule Friesen) und das Bier ist lecker und bezahlbar. Des Abends schaukeln bunte Kerzenlicher wie die Seerosen auf den dunklen Wassern der Gracht. Die Stimmung ist entspannt. Das Festival ist gut besucht, aber nicht überfüllt, man kommt ohne Probleme in die einzelnen Konzerte, ohne Schlange stehen zu müssen. Und noch was: Was am Explore The North Festival ausgesprochen gut gefallen hat, ist das gemischte Publikum: Jung und Älter, Studenten und Kulturbeflissene, Männlein und Weiblein und sogar ein paar Kinder.

Ich will jetzt keinen »mein schönstes Ferienerlebnis in Leeuwarden«-Aufsatz schreiben, sondern einige Impressionen hinwerfen. Endlich, zum ersten Mal die dänischen Pop-Schwärmer Mew live gesehen: Großes Gefühlskino, die himmlischen Falsett-Vocals von Jonas Bjerre und ein beeindruckendes Licht- und Video-Spektakel. Schön reduzierte Singer-Songwriterklänge mit der ernsten norwegischen Sängerin Siv Jakobsen, die bestens in die betont nüchterne Lutherse Kerk passt. Angenehm überkandidelter Schrillpop mit viel Elektronik-Klingklang mit der eigenwilligen norwegischen Chanteuse Hanne Hukkelberg. Kosmische Klänge auf Spuren von Ólafur Arnalds mit den Rotterdamer Newcomern Winterdagen. Supertanzbarer türkischer Psychedelikpop mit Derya Yildirim & Grup Simsek und der mit weiten Abstand coolsten Schlagzeugerin des Festivals. Anspruchsvolle experimentelle Klänge irgendwo zwischen Jazz, Folk, indischer Musik und Klassik von den britischen Querköpfen Mammal Hands. Der junge belgische Troubadour Tamino riss das Publikum in der Westerkerk zu Standing Ovations hin (ich habe darüber bereits in meinem Zweitblog zur belgischen Popmusik geschrieben). Von Thüringer Klavierträumer Martin Kohlstedt ganz zu schweigen, der hier sein einziges Holland-Konzert gab. Aber meine persönliche Favoritin war vielleicht die schwedische Sängerin Sumie mit ihrem tiefgründigen, puristischen, klassischen Singer-Songwriter-Sounds. Allein ihretwegen hat sich die Reise nach Leeuwarden schon gelohnt.

20. November 2017

Kein blöder Nöler: Nicky William

Klampfende Singer-Songwriter gibt es zuhauf. Mitunter beschleicht einem das Gefühl, dass jeder blasse, bärtige junge Mann, der drei Akkorde klampfen kann, wehleidig den Mond anheult und die Welt an seinem persönlichen Elend teilnehmen lässt. Das klingt im Ergebnis häufig sehr belanglos, im schlimmsten Falle peinlich und noch öfters grauenvoll langweilig. Ich muss gestehen, dass ich in den vergangen Jahren eine gewisse Singer-Songwriter-Allergie entwickelt habe und mit zunehmender Ungeduld auf schüchterne Nöler reagiere, die das Publikum mit ihrem emotionalen Klein-Klein quälen und sich heimlich alle für den jungen Bob Dylan halten. Hinweg mit Euch, ihr Zeitdiebe! Nölt zuhause rum, da stört ihr keinen! Wer noch genauer wissen will, was ich meine, wird mit diesem ausführlichen Post zum Thema bestens bedient!

Umso erfreulicher ist es, wenn auch einmal ein Liedermacher daherkommt, der nicht über eine sehr spezielle Stimme verfügt, sondern auch ein Händchen für gute Melodien, und, noch viel wichtiger, einen Sinn für Selbstironie hat! Nicky William heißt der Nachwuchstroubadour aus dem schwedischen Städtchen Oxelösund, der auf Beschaulichkeit im wahrsten Sinne des Wortes pfeift und im zarten Alter von 19 Jahren bereits über eine Stimme verfügt, die allen Ernstes an den jungen Johnny Cash erinnert. Natürlich geht es auch im musikalischen Kosmos von Nicky William um verkorkstes Liebesleben und andere Fallstricke des modernen U-20-Lebens. Aber der Jungbarde verfügt zur Entlastung über einen gewissen Glamour-Faktor, der vielen Singer-Songwritern bestens zu Gesichte stehen würde. Merke: Auch Liedermacher dürfen einen schicken Haarschnitt haben, darunter leidet die Glaubwürdigkeit keineswegs! Und noch was: Während viele Nöle-Klampfer meinen, dick auftragen zu müssen und ihren tiefempfundenen Seelenschmerz mit einer Verve herausheulen, als lägen sie in den Presswehen, so hat dieser junge Mann bereits verstanden, dass Zurückhaltung durchaus ein hehrer Wert ist. »Hurricane«, die neue Single von Nicky William, ist angenehm entspannt, leicht verschmitzt und auf angenehme Weise melodieverliebt. Das Debütalbum »SET YOUR LOVED ONES FREE, WE HAVE YOU SURROUNDED« ist in Mache und hält hoffentlich das bisherige Niveau!

 
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