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Foto nordische Landschaft

13. März 2017

Wenn Engel singen: Helene Blum und Harald Haugaard verzaubern

Eine Stimme zum Niederknien, das wird schon nach wenigen Momenten klar: Nur mit Gesang und Violine beginnen Helene Blum und Harald Haugaard das Konzert in der Ravensburger Zehntscheuer, die Band steigt in der Mitte des ersten Songs ein. »En Lille Dråbe Blod«, ein kleiner Tropfen Blut, und schon bekommt man die erste Gänsehaut: Hier steht eine Sängerin auf der Bühne mit einer Stimme, wie es nur ganz wenige gibt. Die passenden Songs hat sie sich selbst geschrieben, das gleich folgende »Friheden Station« ist ein Liebeslied mit geradezu unfassbar schöner Melodie, ergreifend und völlig kitschfrei – das schaffen nur die wirklich Großen.

Helene Blum präsentiert Songs aus ihrer grandiosen aktuellen CD »DRÅBER AF TID«, von der sie aber gar keine mehr dabei hat, so viele hat sie auf dieser Tour schon verkauft. Ihre Sopranstimme fliegt wie ein Vogel über bewegende Songs, klar und rein wie ihr weißes Minikleid. Als »dänischer Folk-Engel« wurde sie schon bezeichnet, das ist auch keineswegs falsch. Zwar lassen ihre Songs das Folk-Erbe erkennen, bewegen sich aber doch eher irgendwo zwischen Pop und Singer-Songwriter-Musik.

Für den Folk-Anteil ist hauptsächlich ihr Ehemann Harald Haugaard zuständig, der profilierteste Violinist seines Landes – er hebt die dänische Folk-Musik auf ein neues Level, seine letzte CD »Lys Og Forfald« (dt.: »Licht und Zerfall«) bekam reihenweise Bestnoten. So ist denn auch die Band ohne Sängerin brillant: Die Mitmusiker sind seit einigen Jahren sowohl bei Blum wie auch bei Haugaard auf CDs und Bühne zu hören, die Band ist bestens eingespielt und klingt sehr homogen. Gitarrist Mikkel Grue und Schlagzeuger Sune Rahbek begleiten gekonnt und geschmackvoll. Grue hat auch kurze Soli, Rahbek brilliert in einer Duo-Sequenz mit Haugaard. Der Kontrabassist Tapani Varis gehört zu den gefragtesten Instrumentalisten der finnischen Folk-Szene und verblüfft das Publikum mit einem langen, virtuosen Maultrommel-Solo.

Zwischendrin erzählen beide Geschichten zu den Songs: Über Frühling und Liebe und Abschied, über den kleinen Sven und den Riesen im Wald, über den Krieg zwischen Dänemark und Preußen – sehr charmant in einer Melange aus Deutsch und Englisch mit unwiderstehlich singendem dänischen Akzent.

Dann greift auch die Sängerin zur Violine, sie spielen Polska und Walzer, traditionelle Tanzmusik mit viel Feuer und treibendem Schlagzeug, schlagen damit wieder die Brücke zu den moderneren Songs. Helene Blum und Harald Haugaard bescheren dem Publikum ein abwechslungsreiches, herrliches Konzert – das allerdings ein volles Haus verdient gehabt hätte. Nicht nur wegen dieser Stimme.

Text und Fotos: Tim Jonathan Kleinecke

09. März 2017

Wir machen Ärger: Strange Hellos

Auf den Wunschzettel fürs nächste Jahr schreibe ich schon mal auf: 2018 geht es endlich zum ersten Mal aufs by:Larm Festival in Oslo! Denn dort präsentieren sich Anfang März die interessantesten Newcomer der skandinavischen Musikszene. Es gibt jede Menge Entdeckungen zu machen. Vor allem, was die umfangreiche norwegische Delegation angeht, die in Oslo den Heimvorteil nutzt. Natürlich habe ich hier und da in die musikalische Wundertüte by:Larm hineingehört, und hängengeblieben ist ein Quartett. Das charmant in eigener Sache für sich wirbt, in dem es Ärger macht. Strange Hellos heißen die Vier aus Bergen, die allesamt keine ganz jungen Hasen mehr sind und schon in Bands wie The Megaphonic Thrift und bei Aurora gespielt haben. Die putzmuntere Truppe spielt einen schön verwaschen hallenden, shoegazig verpeilten Über-Power-Pop. Verträumte Passagen inklusive, wenn man der warmen und sehnsüchtigen Stimme von Sängerin Birgitta Alida Hole lauscht. Strange Hellos sind übermütig und auf Schmuddelkinderart euphorisch. Und klingen unangestrengt kraftvoll. Mit dieser Truppe möchte man durch Osloer Großstadtnächte ziehen, diesen und jenen Unsinn anstellen und dabei einen Riesenspaß haben! Und das Schöne ist: Ironie können die Vier auch! Die Pubertät haben sie schon ein Weilchen hinter sich gelassen. Es fällt ihnen aber überhaupt nicht schwer, sich in unverklärter Nostalgie an die Schmerzen eines zum ersten Mal gebrochenen Herzens zurückerinnern. Der Track »Broken Teenage Heart« glänzt mit lärmenden Gitarren und einem schlunzig postromantischem Refrain mit hohem Wiedererkennungswert. Ganz neu ist der ansteckend lebendige Song »We Are Trouble«, der atemlos das Lebendigsein und die Unvernunft feiert. In knapp drei Minuten die Stärke von drei Espressos gepackt und noch fröhlich und erfrischend unperfekt dabei: Das soll demn Strange Hellos erstmal einer nachmachen! Debütalbum ist in Arbeit, ich freu mich drauf!

Foto: Øystein Grutle Haara

21. Februar 2017

Das Mädchen in den Signalfarben: Sigrid Raabe

Harmlos genug geht es hier los mit mädchenhafter Stimme. Aber Sigrid Raabe hat Größeres im Sinn: Einen eingängigen Popsong schreiben, der ungemein tanzbar ist, selbstbewusst und naseweis dazu! Und unbedingt radiotauglich, ohne sich zu sehr an den Massengeschmack anzubiedern. Stimmlich zieht die 20-Jährige, die inzwischen als Sängerin nur noch unter ihrem Vornamen antritt, alle Register. Changiert mühelos zwischen Unschuld und Powerfrau und sendet eine implizite Botschaft aus: Den Thron der skandinavischen Dancepop-Prinzessin werde ich bald besteigen! Übertriebenen Respekt vor den schwedischen Chanteusen von Robyn bis Zara Larsso hat die Nachwuchskraft aus dem norwegischen Ålesund offenkundig keinen. Sie ist recht fix bei einem Major Label untergekommen und macht mit dem Track »Don’t Kill My Vibe« eine unmissverständliche Ansage: Hallo Welt, hier komme ich! Die Musikerin, die bislang vor allem als Background-Sängerin ihres Bruders Tellef Raabe aufgefallen ist, tritt selbstbewusst ins Rampenlicht. Das Mädchen in den Signalfarben hat keinerlei Problem damit, im Sekundentakt zwischen reduzierter Piano-Empfindsamkeit und himmelhohen Synthiesounds zu wechseln. Und verfügt trotz junger Jahre über eine erwachsene Rauchigkeit in der Stimme. Dass sie sich in Liebesdingen von keinem Jungmann unnötigen Herzschmerz verursachen lassen will, macht Sigrid in ihrer Debütsingle unmissverständlich klar: »You’re acting like you hurt me but I’m not even listening«: Das glauben wir ihr unbenommen. Gut möglich, dass wir noch vor dem Sommer sehr viel mehr von Sigrid hören werden!

10. Februar 2017

Schöner verlorengehen mit MALMØ

MALMØ treiben ein kleines Verwirrspiel mit uns. Denn die Dreampopster um Sängerin Maria Malmø kommen keineswegs aus der schwedischen Hafenstad, sondern aus dem dänischen Århus, einer der beiden europäischen Kulturhauptstädte 2017. Dänemark also! Das Sextett zelebriert eine sanfte Nachdenklichkeit in einer überdrehten Welt. Zur Ruhe kommen, schlendernd unterwegs sein und vielleicht ein wenig verlorengehen: Das schaffen MALMØ im schwerelos schwebenden Song »You«., der nur scheinbar reduziert daherkommt und sich auf das Wesentliche konzentriert: Wundersame kleine Geschichten zu erzählen. Und kleine, aber feine Spannungsbögen aufzubauen: Girl meets boy: Mit der maunzigen, feenhaften Stimme von Maria Malmø klingt diese uralte Geschichte überaus anmutig und sehr frisch! Die Dänen nehmen sich alle Zeit der Welt, um diese minimalistische Geschichte zu erzählen. Weniger ist hier definitiv mehr. Folkpop und Dreampop kuscheln hier einträchtig miteinander. Wer eine Referenzband sucht, wird vielleicht ein wenig an die unvergessenen Sundays und deren großartige Sängerin Harriet Wheeler denken, obwohl die Briten definitiv poppiger sind. MALMØ werkeln im Moment an ihrem Debütabum »WE COME FROM THE STARS« (was man ihnen unbesehen abnimmt!). Der Erstling soll im Herbst herauskommen. Darauf können wir und schon mal im Februar freuen!

31. Januar 2017

Wir tanzen barfuß mit Irah: Eurosonic 2017

Manchmal hat man fast ein wenig Angst vor dem ersten Mal: Wenn eine Band auf der Bühne steht, deren Album man über alle Maßen liebt und deren Songs im Laufe vieler Wochen treue Begleiter geworden sind. Und so sind meine Erwartungen himmelhoch, als Irah auf dem Eurosonic Festival in Groningen auf der Bühne stehen. Denn das Trio aus Kopenhagen hat mit dem Mini-Debütalbum »INTO DIMENSIONS« einen meiner musikalischen Höhepunkte des Jahres 2016 vorgelegt, die es in meinen persönlichen Jahrescharts weit nach vorne geschafft haben. Und was für eine wunderbare Überraschung in der stimmungsvollen Stadsschouwbourg an der Gracht: Überaus sympathisch, angenehm bescheiden und mit offensichtlicher Freude am gemeinsamen Musizieren präsentieren sich die Dänen im eisigen Groningen. Im Mittelpunkt steht, ohne sich vorzudrängen, die zierliche Sängerin Stine Grøn, die unbedingt die lange verschollene Kusine von Beth Gibbons sein muss. Aber lebensfroher daherkommt als die Portishead-Chanteuse! Auch live sind die Songs von schwebender Fragilität und großer Schönheit. Besitzen eine meditative, fast schon sakrale Qualität. Und über allem schwebt die Stimme von Stine Grøn, die sich in eine sanfte Ekstase hereinsteigert, ihre Schuhe von sich schleudert und entrückt barfuß tanzt. Von naiver Betulichkeit kann aber erfreulicherweise keine Rede sein: Die Kopenhagener experimentieren mit tribal treibendenden Beats. Zu diesen Feenklängen und dem mantrahaften Wiederholen ihres Credos »It is on the inside, it is on the oustide, let´s travel on there!« vom zauberigen Track »Fast Travelling« kann man euphorisch in taubenblaue Gegenwelten abtauchen. Bitte bald mal auf Deutschland-Tour kommen!

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