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Foto nordische Landschaft

05. August 2010

Flannelmouth, oder: Wir tun es trotzdem

Mit Musik reich und berühmt werden heutzutage? Träumt weiter, Nachwuchskünstler! So dekadent wie David Lee Roth werdet ihr nie mehr leben. Der Niedergang des Bezahlmodells in der Branche aber »reduziert den Arschlochfaktor im Business doch sehr deutlich«, wie der deutsche Indiepopmusiker Dirk Darmstädter es treffend ausdrückte. Mit Musik ist kein Geld mehr zu verdienen. Ergo: die rein kommerzfixierten Oberflächler werden entweder mit Junk Bonds handeln oder sich in Castingshows verlustieren. Gerade wer von den Rändern des auf Karten erfassten Musikbusiness kommt und realistischerweise wenig Gelegenheit hat, jemals außerhalb der Landesgrenzen aufzutreten, der macht Musik wohl nur noch aus einem einzigen Grund: Weil es ihm/ihr Freude bereitet und weil er/sie mit dem ganzen Herzen dabei ist.

Ein Flanieren durch die Plattenläden Turkus letztens. Überschaubar, weil binnen Jahresfrist ein gut sortierter Anbieter spurlos verschwunden ist. 8Raita gleich am Marktplatz ist zumindest noch physisch vorhanden, und hoffentlich noch lange. In den finnischen Neuerscheinungen des laufenden Jahres kramen, und ja! ich kaufe noch Cds!, auf das neue Album von Flannelmouth stoßen. Oh Jungs! Allein euer Name klingt sperrig! Jeder Marketingstratege würde daran verzweifeln. Hip klingt heutzutage anders.

Der letzte Longplayer von Flannelmouth stammt aus dem Jahr 2004 und überzeugte mit dringlichem, ernsthaften Bescheidenheits-Indiepop. Es mussten sechs Jahre ins Land gehen bis zum Nachfolger »THE HEART CANNOT HOLD«. Inklusive einiger erneuter Besetzungswechsel.

Die gute Nachricht ist: Flannelmouth sind sich in der Zwischenzeit musikalisch treu geblieben. Spielen ihren ehrlichen, eigenständigen, beim ersten Reinhören wenig spekatulären Indiepop mit hohem Sehnsuchtsfaktor. Großäugig, ehrlich, schwärmerisch. Große Gefühle, mit einer dezidierten Zurückhaltung eingespielt. An der Liebe werden diese sechs Herren auch in den kommenden sechs Jahren noch verzweifeln. Und trotzdem trotzig aufbegehren. Was nicht heißt, dass hier nicht die unerwarteten Sonnenstrahlen funkeln. Und Tuomo Kuusis Stimme klingt immer noch auf die allerunbeholfenste Weise überzeugend.

Frei von kommerziellen Erwartungen zu sein heißt auch, künstlerisch unabhängig agieren zu können. Musikalische Moden und kalkulierte Strategien interessieren Flannelmouth wenig. Warum auch? Sie werden in Finnland landesweit vielleicht fünfhundert Platten verkaufen, vielleicht weniger, hoffentlich mehr. Die Welt wird nicht anders aussehen nach dem Zweitling, und außerhalb der Landesgrenzen werden ein paar Dutzend Leute jemals von ihnen gehört haben, wenn alles gut läuft. Und dennoch: Ein Song wie »The First Kiss Kills« hätte es verdient, dass einige Hörer mehr auf dieser Welt innehalten und einfach zuhören und danach vielleicht jemanden spontan umarmen, den sie schon immer mal nahe bei sich spüren wollten.

31. Juli 2010

Schleicht euch, Elfen! Mammút

Isländische Bands haben es schwer. Noch bevor sie auch nur einen einzigen Ton gespielt haben, rechnet das erwartungsfrohe Publikum mit hoher Elfen- und Schrulligkeitsdichte und erwartet eigenwillige, bisweilen sphärische Klänge, wie man sie eben von den beiden bekanntesten Aushängeschildern unter Islands Musikschaffenden kennt, nämlich von Björk und Sigur Rós. Diese Erwartungshaltung findet sich häufig auch in Albumkritiken über isländische Künstler wieder: Kaum eine Rezension kommt ohne den Verweis auf diese beiden Größen aus, auch wenn die Musik einer völlig anderen Stilrichtung zuzuordnen ist. Eigentümlich, irgendwie.

Dabei wird völlig ignoriert, dass es auf Island auch eine sehr lebendige Rock- und Punkszene gibt, die so viel Lärm macht, dass auch die letzten Elfen, Trolle, Geister und andere Fabelwesen längst die Flucht landeinwärts angetreten haben, um es sich hinter wabernden Wolkenfetzen und schaurigen Felswänden gemütlich zu machen. Die leider viel zu früh aufgelösten, rotzfrechen Jakobínarína haben es vor Jahren schon vorgemacht, dass nicht jeder isländische Jungspund Gefallen an Sphärenklängen findet. In jüngster Zeit sind die quirligen Who Knew aufgetaucht. Und Mammút. Mammút sowieso.

Drei Mädchen. Zwei Jungs. Reichlich überschüssige postpubertäre Energie, die hier in hektischen, angepunkten Rock mit hohem Dringlichkeitsfaktor umgewandelt wird. Gleichwohl haben sich Mammút eine gewisse Hundebaby-affine Verspieltheit bewahrt, mit ihrem Hang zu gemaltem Kindergeburtstags-Spinnenmustern im Gesicht oder den schwarz-weiß gestreiften Strümpfen von Sängerin Kata, die eher an Pipi Langstrumpf denn an vampartige Frontdamen in der Tradition einer Dolores O´Riordon erinnern. Dazu ist die rotblonde Energetikerin einfach viel zu niedlich, trotz aller beherzten, kraftvollen stimmlichen Hysterie, die einem von hinten anspringt wie ein atlantischer Orkan, der eben mal über den Hafen von Reykjavik fegt und die Fischerboote zum Schlingern bringt. Und dem Pop haben die Fünf trotz aller aufgebauten Gitarrenwälle absolut nicht abgeschworen. Akkordeon spielen kann Kata übrigens auch. Eine kleine Verbeugung vor der isländischen Hausmusik etwa?

Die Mädels müssen Störche lieben. Bassistin Asa kommt stacksig im Miniröckchen und Lederstiefeln daher, Kata stolziert auf Strümpfen über die Bühne, die eben leider nicht rot sind, aber es eigentlich sein müssten. Süß, irgendwie.

Mammút singen konsequent auf isländisch, was das Textverständnis logischerweise erschwert. Beim Konzert im Offenbacher Hafen2 leistet eine quirlige Kata eifrige Übersetzungsarbeit, wenn sie nicht gerade gegen die unerwartet hektischen Ausstöße der erst kürzlich von der Band erworbenen Nebelmaschine kämpfen muss. Merke: Nicht jede Investition ist wirklich sinnvoll! Mammút pflegen textlich gewisse Schrulligkeiten: Einen Song über die negativen Auswirkungen von zu viel Schlaf auf das eigene Wohlbefinden hat die Polarbloggerin zumindest bislang noch nicht gehört. Somit sind die Fünf doch irgendwie wieder zutiefst isländisch.

Und irgendwie kapituliert man am Ende doch wieder ein ganz kleines wenig vor den Klischees: Ein gewisser Teil ganz, ganz junge Björk steckt auch in Kata. Und wenn es nur die Intensität und das selbstverständliche Selbstbewusstsein sind.

Nordrid#2 episode 01: Mammút from 101berlin on Vimeo.

(Foto: Hordur Sveinsson)

30. Juli 2010

Ein Samtpfotenabend – Tord Gustavsen Ensemble bei JazzToday

Ein minimalistischer Abend soll es werden – diese Kombination von Kontrabassist Dieter Ilg aus Deutschland und Pianist Tord Gustavsen aus Norwegen in der ambitionierten Konzertreihe JazzToday. Am 21.04.2010 darf sich Lübeck über dieses Kleinod deutsch-norwegischer Jazzklänge freuen. Die Musik- und Kongresshalle indes erweist sich leider einmal mehr als unpassend für derart intime Töne.

Ungeachtet dessen baut Dieter Ilg mit seinem Trio eine Spannung auf, die bemerkenswert ist angesichts der Größe des Saales. Mit Rainer Böhm (Klavier) und Patrice Héral (Schlagzeug) hat der Kontrabassist zwei Musiker an seiner Seite, die mit ihrem Facettenreichtum eine wunderbar harmonische Melange schaffen. Dieter Ilg stellt in seinem Part des Abends sein Album »OTHELLO« vor, das Motive der gleichnamigen Verdi-Oper aufgreift. Ein spannender Versuch, Altes mit Neuem zu verbinden. So manchem ist ein derartiger Versuch missglückt, doch Ilg gelingt es, das Original so einzubinden und neu zu erfinden, dass es organisch klingt. Glückwunsch!

Rainer Böhm begeistert dabei mit wahrhaften Samtpfoten auf den Tasten. Und Patrice Héral versteht es nicht nur, seinem Schlagzeug meisterhaft sanfte Töne zu entlocken. Auch seine Stimme kommt als Percussioninstrument und grelle Ausdrucksform eines boshaftes Jago zum Einsatz. Dieter Ilg hingegen ist zu Recht Namensgeber dieses Trios, ist sein Bass doch weit mehr als nur tragende Kraft. Selten wurde ein Kontrabass wohl derart zu einem wohlklingenden Melodieinstrument verwandelt.

Nach der Pause spinnt Tord Gustavsen mit seinem Ensemble gekonnt diesen leisen roten Faden weiter. Auch er und seine Mitstreiter bringen es fertig, das Publikum trotz leiser Töne wach zu halten und mit hoher Intensität des Atems zu berauben. Selten gab es wohl ein Konzert mit so wenigen Hustern. Niemand wagt es, die Stille, die sich da in Form von Musik im Saal ausbreitet, zu stören. Beeindruckend!

Tord Gustavsen zeigt an diesem Abend vor allem seine poetische Seite. Im Gepäck hat er »RESTORED, RETURNED« – eine Platte, die sich der Lyrik W. H. Audens widmet. Da gibt es beispielsweise einen »Lullaby To A Last Butterfly, No. 1«. So lyrisch die Titel, so lyrisch die Musik. Mit viel Raum für (Nach)Klang und Stille. Ebenso sanft ist Gustavsens Stimme in den knappen Ansagen. Kaum vorstellbar, dass dieser Mann laut sprechen kann. Und auch Tord Gustavsens brillantes Ensemble fügt sich zu einem äußerst harmonischen Ganzen zusammen mit Tore Brunborg am Saxophon, dessen berückend schöner Klang ein wenig die Spur eines Garbarek verfolgt sowie Mats Eilertsen einfühlsam am Bass und Jarle Vespestad am Schlagzeug. Einzig Kristin Asbjørnsen wird an diesem Abend vermisst, denn sie leiht auf erwähntem Album Audens Worten ihre Stimme.

Ein wundervoller Abend, der beweist, dass leise Töne weder einschläfernd wirken noch einen Mangel an Intensität bedeuten müssen. Leise zerstreut sich das Publikum denn auch in die fortgeschrittene Nacht. Sanfter Schlaf ist garantiert …

22. Juli 2010

Nicht schreien, flüstern: Prince of Assyria

Nach der langen, ferienverbummelten Blogpause zumindest eine kleine, feine Erkenntnis nicht vorenthalten wollen: Die leisen, die zurückgenommenen, die sorgsam akzentuierten Töne hallen manchmal länger nach als laut in den Vordergrund drängendes Bühnengeschrei. Ein feingliedriger, schüchterner junger Sänger bringt es an einem heißen Sommernachmittag fertig, inmitten der wuselnden Festivalstimmung bei der 20. Auflage von Ruisrock in Turku für eine Stunde unter freiem Himmel, am Strand, so etwas wie mitternächtliche Intimität herzustellen und wie selbstverständlich konzentriertes Zuhören einzufordern. Das kommt so unerwartet und ist so anrührend, dass sich die Polarbloggerin ganz unauffällig mit Festivalschmutzhänden eine kleine Träne aus dem linken Augenwinkel wischen muss.

Prince Of Assyria ist Ninos Dhanka. Der mit geradezu altmodischer Beharrlichkeit an die Tradition der sensibel-klugen Songwriter anknüpft. Zu diesen Songs laufen Regentropfen die Fensterscheiben herunter und versinken wir in einer lichten Traurigkeit, ohne jemals ganz zu verzagen. Oder gar aufzugeben. Trotz aller Rückschläge: Für die Liebe würden wir jederzeit in die Schlacht ziehen.

Dhanka, der in dunkle Farben gekleidete Prinz, hat Verlust kennengelernt. Als Kleinkind mit den Eltern aus dem Irak nach Schweden geflohen. Verlorene Wurzeln, verlorene Traditionen, die ein sehnendes Echo in seinen leisen, aber trotzdem leidenschaftlichen Songs hinterlassen. Auf Leonard Cohen beruft er sich, auch auf Nick Cave, aber lässt vielleicht fein aus, dass er den (existenzialistischen) Franzosen genau zugehört hat: Jacques Brel, Georges Moustaki, Charles Aznavour. Übrigens alle Exilanten und Heimatlose im Herzen.

Nicht mal flüstern darf man zu diesen Songs, und das versteht ein bereits reichlich alkoholisiertes Publikum instinktiv. Die wahren Dummnasen hören sich sowieso gerade Bands wie Sonata Arctica an.

Begleitet wird der Prinz ohne Land an diesem Nachmittag von einer famos virtuos zurückhaltenden Band, in der besonders die hässliche-Entlein-Gitarristin auch als Gesangspartnerin des umwölkten Troubadours zu Hochform aufläuft. Auch sie hätten wir gerne noch weiter singen gehört.

Nein, Liebe ist keine Verhandlungssache, wie er in einem seiner schönsten Songs »Tears Of Joy« singt. Als ob wir das je vergessen könnten.

Prince of Assyria – Tears of Joy from Jon Blåhed on Vimeo.

13. Juni 2010

Lovly, oder: Eine Schneise durchs musikalische Dickicht

Wie kann man im lauten Gesumm des musikaffinen Internets die wichtigen Töne heraushören? Das dürfte in echte Arbeit und ständige Onlinepräsenz ausarten, was nicht wirklich wünschenswert ist.

Verschiedene norwegische Musikorganisationen, darunter auch die unabhängigen Labels, haben sich jetzt aufgemacht, diesem Missstand abzuhelfen. Man will ja schließlich, dass die eigenen Landeskinder im den unendlichen Tiefen des Netzes auch gefunden werden!

Das neue Angebot trägt den etwas zu allgemein gehaltenen Namen Lovly. Der neue Dienst soll eine Pfandfinderfunktion für die Nutzer übernehmen, sagen die Initiatoren. Lovly soll Interessierte an die Hand nehmen und zeigen, über welche norwegischen Bands und Künstler in der Onlinewelt gerade am meisten gesprochen wird. Dazu werden eine Vielzahl von Quellen angezapft und jede Menge soziale Netzwerke durchforstet. Mittels »schlauer« Algorhythmen soll einigermaßen wertfrei ermittelt werden, welche Acts gerade am Angesagtesten sind. Da hat man sich aber was vorgenommen!

Im Moment ganz oben finden sich, wenig überraschend, Röyksopp und Kings Of Convenience, aber dann folgen auch schon die außerhalb der Landesgrenzen noch wenig bekannten Donkeyboy und Madcon. Aha.

Mittels lovly kann man beim Klick auf die entsprechende Band sofort herausfinden, welche Blogbeiträge zuletzt veröffentlicht wurden und was aktuell getwittert wird. Zudem kann man in aktuelle Alben hereinhören und diese bei Gefallen auch kaufen. Ganz praktisch, das, aber nicht unbedingt von bahnbrechender Originalität. Nett zu haben und ganz praktisch für musikalische Entdeckungsreisen. Das inhaltlich vergleichbare isländische Portal gogoyoko wirkt da weitaus breiter aufgestellt. Dickes Manko zudem: Lovly gibt es derzeit nur in einer norwegischen Version, an der englischen wird wohl noch gebastelt.

Die wunderbaren Elektro-Weltmusikblubberer Casiokids schaffen es bei lovly derzeit zwar nur auf Platz 14, aber ihr relativ neues Video »En Vill Hest« mach trotzdem Laune!

Casiokids – En Vill Hest from Kristoffer Borgli on Vimeo.

 
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