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Foto nordische Landschaft

13. Dezember 2017

Schwarzromantische Töne für die dunkelsten Nächte: Ellis May

Wir nähern uns den dunkelsten Tagen des Jahres. Die Schwärze kriecht mit gierigen Fingern heran und will uns fest umschlingen. Dagegen taugt kein weihnachtlicher Lichterglanz etwas! Als Soundtrack zu diesen stillen, nicht enden wollenden Nächten passt die Musik von Ellis May bestens. Das ist der Nom de Plume der dänischen Produzentin und Sängerin Sophia Maj.

Die Kopenhagenerin ist dem Unheimlichen, das unverhofft im Alltag auftaucht, in respektvoller Bewunderung verbunden. Die Schauerballade, ein irrlichterndes Piano und rauchige Vocals: Damit führt uns Ellis May im geisterhaften Track »Father« gekonnt auf Abwege. Dass es in dieser düsteren Mär um sehr persönliche Dinge geht, um Verlust und den Umgang damit, das glauben wir ihr unbenommen. Schwarzromantisch sind die Pfade, die May hier beschreitet, unerschrocken und mit offenen Sinnen. Sie maunzt und flüstert und mäandert stimmlich, als wolle sie selbstbewusst das Erbe von Lydia Lunch antreten, nur in zartere Form. Bei diesem subtil ausufernden Fünfminüter sollte man Geduld mitbringen, um perfekt goutieren zu können, wie hier subtile Spannungsbögen aufgebaut werden. Mitunter kommt die finnische Kollegin Mirel Wagner in den Sinn, um die es in letzter Zeit leider sehr still geworden ist. Ein großes Oeuvre hat Ellis May noch nicht aufzuweisen, aber wer neugierig geworden ist: Auf ihrer Soundcloud-Seite enthüllt sie auch ihre elektronikbetontere Seite, ohne an geisterhafter Intensität einzubüßen.

Beim ersten Festival des Jahres, dem Eurosonic im niederländischen Groningen, gibt es 2018 erfreulicherweise einen Länderschwerpunkt Dänemark. Ganz klar, dass der Auftritt von Ellis May ganz oben auf meiner provisorischen Liste der »unbedingt zu sehenden« Acts steht!

Foto: Frederik Maj

02. Dezember 2017

Es muss nicht immer Island sein: Leeuwarden ist auch fein!

In diesem Jahr habe ich zum ersten Mal seit 2009 das bislang sehr geliebte Iceland Airwaves Festival in Reykavík ausgelassen. Denn die isländische Hauptstadt ist inzwischen für normale Menschen unerschwinglich geworden. Wie sagte es ein Freund so schön, der dann doch dort war: »Alles ist nochmal teurer geworden«. Wohlgemerkt waren die Preise schon beim Airwaves 2016 an der Schmerzgrenze. Der Tourismusboom zeigt hier seine dunkle Seite. Wie hinterher zu hören ist, waren die Besucherzahlen auf dem Airwaves rückläufig. Vor allem die Briten, traditionell im nördlichen Nachbarland beim Festival mit einer starken Fraktion vertreten, fehlten auffällig: Ein Resultat des schwachen Pfundes und somit auch des Brexit. So, genug gejammert, denn es ist nun nicht so, dass die Isländer die einzigen auf der Welt sind, die im November ein Festival veranstalten. Per Zufall stieß ich auf das Explore The North Festival in Leeuwarden, dessen Programm mir ausgesprochen gut gefiel. Sehr viele skandinavische Musiker! Der Laie fragt sich nun: Wo liegt bloß Leeuwarden? Ehrlich gesagt musste ich auch nachgucken. Also! Leeuwarden liegt im friesischen Teil der Niederlande, nicht weit von Groningen entfernt. Und vor allem, so stellt sich heraus, sind Leeuwarden und die Region Friesland europäische Kulturhauptstadt 2018! Überall hängen Plakate und Poster der legendären Spionin und Tänzerin Mata Hari. Kein Wunder, sie ist die berühmteste Tochter der Stadt und wurde vor genau 100 Jahren in Frankreich hingerichtet. Die unbekannte Provinzhaupstadt entpuppt sich als echte Entdeckung und das kleine Festival ebenso!

Das fängt schon mal mit den Veranstaltungsorten an: In Kirchen, der ehemaligen Synagoge und einem angenehm übersichtlichen Kulturzentrum. Alles fußläufig zu erreichen, Grachten und Kirchen dienen als Wegweiser, die Leeuwardener sind ein ausgesprochen freundliches Völkchen (von wegen maulfaule Friesen) und das Bier ist lecker und bezahlbar. Des Abends schaukeln bunte Kerzenlicher wie die Seerosen auf den dunklen Wassern der Gracht. Die Stimmung ist entspannt. Das Festival ist gut besucht, aber nicht überfüllt, man kommt ohne Probleme in die einzelnen Konzerte, ohne Schlange stehen zu müssen. Und noch was: Was am Explore The North Festival ausgesprochen gut gefallen hat, ist das gemischte Publikum: Jung und Älter, Studenten und Kulturbeflissene, Männlein und Weiblein und sogar ein paar Kinder.

Ich will jetzt keinen »mein schönstes Ferienerlebnis in Leeuwarden«-Aufsatz schreiben, sondern einige Impressionen hinwerfen. Endlich, zum ersten Mal die dänischen Pop-Schwärmer Mew live gesehen: Großes Gefühlskino, die himmlischen Falsett-Vocals von Jonas Bjerre und ein beeindruckendes Licht- und Video-Spektakel. Schön reduzierte Singer-Songwriterklänge mit der ernsten norwegischen Sängerin Siv Jakobsen, die bestens in die betont nüchterne Lutherse Kerk passt. Angenehm überkandidelter Schrillpop mit viel Elektronik-Klingklang mit der eigenwilligen norwegischen Chanteuse Hanne Hukkelberg. Kosmische Klänge auf Spuren von Ólafur Arnalds mit den Rotterdamer Newcomern Winterdagen. Supertanzbarer türkischer Psychedelikpop mit Derya Yildirim & Grup Simsek und der mit weiten Abstand coolsten Schlagzeugerin des Festivals. Anspruchsvolle experimentelle Klänge irgendwo zwischen Jazz, Folk, indischer Musik und Klassik von den britischen Querköpfen Mammal Hands. Der junge belgische Troubadour Tamino riss das Publikum in der Westerkerk zu Standing Ovations hin (ich habe darüber bereits in meinem Zweitblog zur belgischen Popmusik geschrieben). Von Thüringer Klavierträumer Martin Kohlstedt ganz zu schweigen, der hier sein einziges Holland-Konzert gab. Aber meine persönliche Favoritin war vielleicht die schwedische Sängerin Sumie mit ihrem tiefgründigen, puristischen, klassischen Singer-Songwriter-Sounds. Allein ihretwegen hat sich die Reise nach Leeuwarden schon gelohnt.

20. November 2017

Kein blöder Nöler: Nicky William

Klampfende Singer-Songwriter gibt es zuhauf. Mitunter beschleicht einem das Gefühl, dass jeder blasse, bärtige junge Mann, der drei Akkorde klampfen kann, wehleidig den Mond anheult und die Welt an seinem persönlichen Elend teilnehmen lässt. Das klingt im Ergebnis häufig sehr belanglos, im schlimmsten Falle peinlich und noch öfters grauenvoll langweilig. Ich muss gestehen, dass ich in den vergangen Jahren eine gewisse Singer-Songwriter-Allergie entwickelt habe und mit zunehmender Ungeduld auf schüchterne Nöler reagiere, die das Publikum mit ihrem emotionalen Klein-Klein quälen und sich heimlich alle für den jungen Bob Dylan halten. Hinweg mit Euch, ihr Zeitdiebe! Nölt zuhause rum, da stört ihr keinen! Wer noch genauer wissen will, was ich meine, wird mit diesem ausführlichen Post zum Thema bestens bedient!

Umso erfreulicher ist es, wenn auch einmal ein Liedermacher daherkommt, der nicht über eine sehr spezielle Stimme verfügt, sondern auch ein Händchen für gute Melodien, und, noch viel wichtiger, einen Sinn für Selbstironie hat! Nicky William heißt der Nachwuchstroubadour aus dem schwedischen Städtchen Oxelösund, der auf Beschaulichkeit im wahrsten Sinne des Wortes pfeift und im zarten Alter von 19 Jahren bereits über eine Stimme verfügt, die allen Ernstes an den jungen Johnny Cash erinnert. Natürlich geht es auch im musikalischen Kosmos von Nicky William um verkorkstes Liebesleben und andere Fallstricke des modernen U-20-Lebens. Aber der Jungbarde verfügt zur Entlastung über einen gewissen Glamour-Faktor, der vielen Singer-Songwritern bestens zu Gesichte stehen würde. Merke: Auch Liedermacher dürfen einen schicken Haarschnitt haben, darunter leidet die Glaubwürdigkeit keineswegs! Und noch was: Während viele Nöle-Klampfer meinen, dick auftragen zu müssen und ihren tiefempfundenen Seelenschmerz mit einer Verve herausheulen, als lägen sie in den Presswehen, so hat dieser junge Mann bereits verstanden, dass Zurückhaltung durchaus ein hehrer Wert ist. »Hurricane«, die neue Single von Nicky William, ist angenehm entspannt, leicht verschmitzt und auf angenehme Weise melodieverliebt. Das Debütalbum »SET YOUR LOVED ONES FREE, WE HAVE YOU SURROUNDED« ist in Mache und hält hoffentlich das bisherige Niveau!

13. November 2017

Death Pop passt in den November, Agent Blå!

Eigentlich müssten Agent Blå den perfekten Soundtrack für den November liefern: Die Schweden bezeichnen den eigenen musikalischen Stil als »Deathpop«. Hört sich so weit so düster an, aber völlig dunkelschwarz kommen diese fünf dekorativen Jungmenschen aus Göteborg erfreulicherweise nicht daher. Es ist eher dunkel treibender Wave-Rock, der sehr an die großen britischen 80er-Verzweiflungs-Kapellen wie Echo & The Bunnymen erinnert, was nicht die schlechteste Referenz ist. Erfreulicherweise fällt die Stimmungseintrübung sehr verhalten aus. Denn irgendwie platzen diese Sounds vor emotionaler Dringlichkeit und dunklem Überschwang aus allen Nähten. Insgesamt sind es aber doch sehr leichtfüßige, melodische Klänge, welche das Quintett auf seinem Debütalbum »AGENT BLUE« volller Energie zelebriert, trotz der nervösen Teenage Angst, die man hier versprüht. Merke: Dunkelblau ist das neue Schwarz!

Shoegazige Gitarren stechen wie die Wespen, und darüber liegt die helle Stimme von Sängerin Emelie Alatalo, der man Empfindsamkeit und Leidenschaft gleichermaßen abkauft. Thematisch geht es hier um das unerschöpfliche Sujet der »giftigen Freundschaften und der jungen Liebe«. Bei den Schweden klingt der sattsam bekannte Vorgang um Liebe und Verrat sehr frisch, sehr direkt. An der Liebe verweifeln tun diese Nachwuchskräfte jedenfalls nicht! Die Redakteure von Bandcamp haben Agent Blå schon mal vorsorglich zur Zukunft des schwedischen Indiepop ausgerufen. Der Saga nach haben sich die fünf Bandmitglieder ihre Instrumente erst selbst beigebracht, nachdem man beschlossen hatte, eine Bandprojekt aus der Taufe zu heben. Dafür klingen die Jungspunde aber schon ganz schön professionell! Das atemlose »Derogatory Embrace« ist jedenfalls schon mal eine sehr anständige Visitenkarte, die ihr hier abliefert, Agent Blå!

(Foto: Hilda Randulv)

31. Oktober 2017

Eine Achterbahn der Gefühle mit Billie Van

Immer was los mit Billie Van: Die junge Frau aus Oslo nimmt uns auf ihrem zweiten Album »PURE EMOTIONS» mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle und hat keinerlei Scheu davor, dick aufzutragen, wenn es um Herzensdinge geht. Was soll ein Mädchen denn tun, wenn der Angebetete sie sitzen lässt? Etwa als Trauerkloß in der Ecke sitzen? Nein, sich lieber in Disco-Signalfarben kleiden und sich im Melodrama-Schlagermodus um Frustbewältigung bemühen! Das wäre doch mal ein gehaltvoller Beitrag für den Eurovision Song Contest! Zumal Billie Van ein großer Fan von 70er-und 80er-Pop der knallbunten Art ist. Den Schmerz in einer Selbsthilfegruppe voller blasser Seelenpeinler in einen sterilen Gemeindesaal bekämpfen – auf diese Idee für ein Musikvideo muss man erst mal kommen. In »I´m Totally Fine With It» gelingt es Billie Van, dieser drögen Umgebung sogar dunkelgrauen Glamour zu verleihen. Chapeau, junge Frau. Vom frechen Rockabilly des ersten Albums hat sich Billie Van verabschiedet. Die trashige Diva ist eine Rolle, die ihr fast besser zu Gesichte steht als die Göre im College-Jäckchen.

Im wahren Leben ist Billie Van dagegen eine junge Frau, die mit guten Freunden und einem ebenso talentierten wie sympathischen Freund gesegnet ist. Gemeinsam mit ihrem Verlobten Jonas Alaska und dem besten Buddy Mikhael Paskalev (man kennt sich aus gemeinsamen Studienzeiten an der Musikhochschule unter Schirmherrschaft von Paul McCartney in Liverpool) hat sie kürzlich das Label Braveheart Records gegründet, wo man erstmal die eigenen Scheiben herausgebracht hat, aber sich in Zukunft auch um andere viel versprechende Künstler kümmern will. Sozusagen eine Art Reality Bites nach Abschluss des Studiums und die hoffentlich geniale Lösung des Problems: Die Dinge in die eigene Hand nehmen! Jedenfalls: Der selbstbewusste Retropop von Billie Van zischt auf der Zunge wie Waldmeisterbrause, die überkandidelten Balladen sind von schriller Schönheit, aber die echten Gefühle schimmern immer durch. Das ist vielleicht die wahre Souveränität!

 
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