Home
Foto nordische Landschaft

04. Juni 2010

Tourismuswerbung, musikalisch: Inspiriert durch Island

Danke Griechenland! Danke Spanien! Danke Portugal! War Island im vergangenen Jahr noch das abschreckende Beispiel unter den Staatsbankrottkandidaten, so ist der Inselstaat mit seinen knapp über 300.000 Einwohnern (entspricht so ungefähr der Einwohnerschaft von Mannheim) inzwischen in die zweite Reihe gerückt. Verglichen mit dem griechischen Defizit sieht der isländische Haushalt heute geradezu stabil aus. Und die braven Isländer zahlen zumindest ihre Steuern und treiben es nicht so doll mit der Bestechung.

Island im Rampenlicht. Island als die erste schwache Stelle im Kartenhaus, die in Folge riskanter und unverantwortlicher Finanzspekulationen zusammenbricht. Aber auch: Die Isländer, die ihre abgewirtschaftet Regierung mittels Schlagen auf Kochtöpfe zum Rückzug zwingen. Die gerade die neu gegründete Partei eines bekannten Fernsehkomikers zur stärksten Fraktion bei den Bürgermeisterwahlen von von Reykjavik gewählt haben.

Warum nicht die Gunst der Stunde nutzen, wenn das kleine Land plötzlich internationale Schlagzeilen macht? Haben sich, nicht dumm, die Menschen gedacht, die für die Tourismusförderung Islands verantwortlich sind. Und haben die Site Inspired By Iceland aus der Taufe gehoben, in der es bewusst eben nicht um lahme Lobhudeldei, sondern um sympathische Präsentation geht. Und ums Mitmachen!

Die kleine Insel bittet die Besucher aus aller Welt zu berichten, warum sie Island-Fans sind. Ihre Geschichte mit und über Island zu erzählen. Die Isländer selbst sollen übrigens das Gleiche tun. Virales Marketing nennt sich diese Aktion in der Fachsprache der Werber.

Um Musik soll es natürlich hier auch gehen. Denn merke! Mit drei Klicks lässt sich ein Musikplayer öffnen, wo man aktuell ins isländische Musikgeschehen hereinhören kann. Von FM Belfast über Bloodgroup bis zu Borko und Kimono. Nicht schlecht, das!

Dass ein Werbevideo des isländischen Tourismusverbandes tatsächlich Spaß machen kann, ist eine neue Erkenntnis: Zu den Klängen von Emiliana Torrinis Gute-Laune-Hit »Jungle Drum« präsentiert sich die Atlantikinsel als schrullig-fröhliches Paradies entspannter Gutmenschen jeden Alters. Nicht schlecht gemacht, Island! Ob der griechische Tourismusverband derzeit zu solch subtil-selbstironscher Leichtigkeit in der Lage wäre?

Inspired by Iceland Video from Inspired By Iceland on Vimeo.

30. Mai 2010

Wir machen uns dann mal frei: FM Belfast

Man muss sie einfach gernhaben, diese unschuldigen Exhibitionisten. FM Belfast aus Reykjavik sind Elektropopnerds, die mit aller Macht nicht erwachsen werden wollen. Nein, nein, diese späten atlantischen Erben von Pippi Langstrumpf wollen lieber weiter spielen, auch wenn die Sonne schon lange untergegangen ist und sie eigentlich schon längst zuhause sein sollten. Ätsch, sie müssen nicht, da ist kein großer Bruder mehr, der sie mit Gewalt von der Schaukel zerrt und sie an den Abendbrottisch bugsiert.

Das Quartett lässt die Discokugel mit anarchischer Tanzlust rotieren und dreht die Synthies bis zum Anschlag auf. Tanzt und hüpft bis zur Erschöpfung. Cool sein sollen andere, wir brauchen das nicht. Wir sind lieber superlebendig und lustvoll peinlich. Wenn wir einen Song darüber schreiben, dass wir gerne in der Unterwäsche auf der Straße herumtanzen würden, dann machen wir uns eben live beim Song »Underwear« frei und hoppsen in unserer nicht sonderlich modischen Unterkleidung wie die Tischtennisbälle auf der Bühne herum. Auch wenn wir vorher korrekt Hemd und Fliege getragen haben.

Albernheit ist eine Tugend, haben die vier Umtriebigen aus der isländischen Hauptstadt erkannt. Es ist unglaublich befreiend, auf naiv-intelligente Art völlig bescheuert zu sein. Ungehemmt irgendwelchem Blödsinn nachzusinnen, 365 Tage im Jahr Karneval zu machen und immer schön dick auftragen. Van Halens bekannteste Tonfolge aus »Jump« zitieren und trotzdem etwas eigenes daraus zu machen. Und je mehr Leute auf der Bühne sind, desto besser. Beim Auftritt auf dem Eurosonic-Festival Anfang des Jahres im holländischen Groningen konnte man die Hauptakteure vor lauter Gewusel kaum mehr erkennen.

Ein ganz kleines bisschen Mäkeln muss doch sein. Auf dem Debütalbum »HOW TO MAKE FRIENDS« ist nur ein echter Hit dabei. Und der heißt »Par Avion« und handelt von einen traditionellen isländischen Wintertraum: Ein Häuschen in der Karibik zu besitzen. Aber dieser Song ist allen Schlechtgelaunten aller Welt zur Besserung empfohlen: Wer hier nicht mittanzt, der ist selber schuld. Unwiderstehlich! Bleibt zu hoffen, dass FM Belfast sich mit dem Erwachsenwerden noch viele Jahre Zeit lassen. Und, fast noch wichtiger. Kein One-Hit-Wonder bleiben.

FM Belfast: Par Avion from Torfi Frans Olafsson on Vimeo.

24. Mai 2010

Fallulah: Wir sind dann mal oben auf dem Dach

Wenn man alle Erdenschwere hinter sich lassen will, dann empfiehlt es sich, aufs Dach zu klettern und einen weiten Blick über Stadt und Land zu werfen. Das Dach ist ein Ort des Freiraums. Der neuen Blickwinkel. Und dann sind sie dort oben über den Dächern von Kopenhagen, die 24jährige dänische Sängerin Fallulah alias Maria Apteri und ihre musikalischen Mitstreiter. Mit Banjo und Violine und jeder Menge verhaltener Traurigkeit. Diese Dämmerung wird sich endlos hinziehen, und wir werden noch lange lange hier oben bleiben und unsere Balkan-inspirierte Melancholien zelebrieren. Und lächelnd registrieren, dass die Sirenen der Polizeiautos sich wie selbstverständlich an den Song »Use It For Good« anschmiegen.

Fallulah – Use It For Good – Live from Jasper Spanning on Vimeo.

Die Perspektive vom Dach ist nur einer der Blickwinkel, den die dänische Sängerin mit Wurzeln in Rumänien einnimmt. Tanzen und übermütig und schwer zu greifen sein kann sie auch. Mit »THE BLACK CAT NEIGHBOURHOOD« hat sie jetzt ein Debütalbum vorgelegt, das auf eigentümliche Weise Eigensinn und Tanzbarkeit vereint. Da oben auf dem Dach ist nicht der schlechteste Ort.

20. Mai 2010

Eläkeläiset im Substage: Fotogalerie online

Die finnischen Rentner alias Eläkeläiset, reisten extra zur Substage-Abschiedsparty nach Karlsruhe. Dieses Mal gab es zwar kein »butt team of Germany«, aber (sehr) feuchtfröhlich wurde der Abend des 14. Mai 2010 trotzdem, seht selbst.

19. Mai 2010

Miss Li oder Minor Majority? Ist das Pärchenmusik?

Der Regen will einfach nicht aufhören, die Heizung läuft, der heiße Tee dampft und die Mails der finnischen und estnischen Freunde über aktuelle Temperaturen von 28 Grad und strahlenden Sonnenschein heben die Laune auch nicht gerade. Das perfekte Wetter, um über abstruse Fragen nachzudenken. Wie zum Beispiel die, warum manche Bands bei ihren Live-Auftritten eine überdurchschnittliche Anzahl an Pärchen anziehen. Das Argument, dass sich zu sanfter Popmusik am besten kuscheln lässt, greift sicherlich zu kurz. Wie ist es denn sonst zu erklären, dass männliche Rauhröhrensänger bei vielen innig Zweisamkeitdemonstrierenden besonders angesagt sind, wie etwa zuletzt bei den einsamen norwegischen Wölfen von Minor Majority? Am goldenen Herzen von Sänger Pål Angelskår allein kann das nicht liegen. Denn die komplizierten Liebesgeschichten, die Minor Majority erzählen, gehen seltenst gut aus. Ein Paradox also?

Noch erstaunlicher war der Jung- und Altliebesvögelchenanteil vergangenes Wochenende beim Konzert von Miss Li in der Frankfurter Brotfabrik. Also nun! Die quirlige Schwedin und ihre famosen Mitstreiter machen nun sicherlich keine brave Händchenhaltemusik. Und Miss Li ist eine ganze Menge, aber sicherlich kein liebes Mädchen, das bewundernd mit großen Augen zu seinem Partner aufblickt. Nein, diese Miss ist ein kleiner Satansbraten, der schwupps! der besten Freundin den Boyfriend ausspannt, weil der sowieso besser zu ihr passt als zur langweiligen Trutschenvertrauten. Und zu Miss Li muss man ausgelassen tanzen bitte, und nicht langweilig aneinanderkleben!

Rätsel über Rätsel. Vielleicht liegt eine mögliche Antwort am Veranstaltungsort Brotfabrik. Vielleicht leben im Frankfurter Norden besonders viele glücklich verpaarte Menschen. Wir wissen es nicht und werden dieses interessante Phänomen weiter verfolgen.

Zu Miss Li bleibt noch zu sagen, dass es immer wieder eine Freude ist, die superlebendige Musikerin mit den Kulleraugen live zu erleben. Und sich darüber zu freuen, dass sie nicht stehenbleibt. Die Schwedin möchte nicht nur die fröhliche Popderwischin sein, sondern viele verschiedene Facetten zeigen. Die schwierigen Seiten nicht ausblenden, wie etwa im Song »I Heard Of A Girl«, in dem es zwar viele Lalala-Gesänge gibt, aber in dem es um den Selbstmord eines jungen Mädchens geht. Auch musikalisch wird die Bandbreite eher noch größer: Bestens unterstützt von ihren spielwütigen Mitstreitern geht die Reise mit wehenden Bannern in Richtung Jazziges, Kabarettiges, geradezu Operettenhaftes. Großäugig-poppig war gestern.

Foto Minor Majority: Benoit Derrier.

 
Seite 3 von 7612345678...Letzte »