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Foto nordische Landschaft

24. September 2007

Popkomm 2007: Finnland langweilt, Belgien begeistert

Wer trifft eigentlich die Entscheidungen, welche Bands auf der Berliner Popkomm spielen dürfen? Die Veranstalter, sicherlich. Die Labels, klar. Und ein gewisses Wort mitzureden hat bei den finnischen Bands wohl auch die Umsatzankurbelhilfsorganistation Music Export Finland. Im Prinzip ist nichts dagegen zu sagen, dass sich die Vertreter von Staat und Musikverbänden darum bemühen, die heimischen Bands im Ausland bekannter zu machen. Bei der Auswahl aber sollte ein gewisser Sachverstand und Qualitätsanspruch walten. Schön wärs.

Warum muss man das Klischee von den langhaarigen Rockrabauken unbedingt jedes Mal bedienen? Und sich konventionell für Sicherheit, Vorhersehbarkeit und gepflegte Langeweile entscheiden? Präsentiert wurden an diesem Abend in der Berliner Kulturbrauerei fünf Bands, die mit Ausnahme von Lapko alle von bestürzender Durchschnittlichkeit waren. Spätestens nach drei Songs fing man an zu gähnen. Bei den Von Hertzen Brothers etwa: Brave Jungs mit einer wenig originellen Mischung aus traditionellem Rock- und Popelementen. Mit der Ausstrahlung von karierten Küchenhandtüchern.

Oder Feiled (Foto):  Die Augen mit Kajalstift fett umrandet, nett tätowiert, heftigst auf ihre Gitarren eindreschend und eine Prise gepflegten Goth einfließen lassen. Von dieser Sorte muss es weltweit etwa 328.503 Bands geben, die alle ähnlich klingen und gleich grimmig schauen. Die nächste Generation der HIM-Klone lässt grüßen und wir schlafen gleich ein. Es kommt kaum Besseres nach: Crumbland überschreiten mit ihrem altmodischen Macker-Mitsing-Rock die Grenze zur Körperverletzung. Wir ergreifen reichlich ernüchtert endlich die Flucht. Wie ein nicht unbeträchtlicher Teil des Berliner Publikums, das mit den Füßen abstimmt und einfach geht. Anderswo auf dem Riesen-Gelände der Kulturbrauerei gibt es sicherlich aufregendere Bands zu entdecken. Etwas Besseres als den künstlerischen Stillstand finden wir überall.

Irgendwie geraten wir zu den Belgiern im Maschinenhaus. Jawohl, zur grandiosen Pop- und Rocknation Belgien. Und lassen uns völlig überwältigen von Charme, Talent und Temperament von Sioen (Foto),  der für einen Singer-Songwriter ordentlich Lärm macht, seinem Piano die unglauhlichsten Töne entlockt und den eindeutig besten Violinisten dabei hat. Ein seliges Grinsenauf allen Gesichtern. Das Publikum will den kleinen Mann mit den kurzen braunen Haaren, den Knopfaugen und dem nettesten Lächeln des Abends kaum von der Bühne lassen. Und auch die uns zuvor völlig unbekannten Absynth Minded aus Gent reißen mit purer Verrücktheit, mutigem Grenzgängertum und hingebungsvoller Spielfreude mit. Danke, merci, Belgien. Douze points!

Eine letzte Chance geben wir den Finnen noch. Lapko spielen zum Schluss. Und die können zumindest was und wagen was und denen geht ab und zu ein origineller musikalischer Gedanke durch den Kopf. Obwohl meine Freundin Sabine mäkelig meint, dass Sänger Malja definitiv zu viel auf die Bühne spuckt beim Singen. Naja. Kleinigkeiten. Hier stimmen die Grundkoordinaten zumindest.

Den finnischen Verantwortlichen dieses Abends wünscht man ein wenig mehr Offenheit und Mut. Denn es gibt sie in Finnland, die aufregenden Bands. Die rätselhaften Paavoharju , die sich in kein Raster zwängen lassen. Die fröhlichen Pop-Nekrophilisten Sister Flo. Die verhuscht-eigenwillige Singer-Songwriterin Islaja. Die herzallerliebsten Popträumer Ultrasport (Foto).  Die Elektro-Romantiker Viola. Die leidenschaftlichen Rubik, die zeigen, dass Rock Tiefgang haben kann. Und nicht zuletzt die wundervoll zerbrechlichen Sternenfänger Wojciech.

04. Juni 2007

Was bleibt vom Stapel? Rubik, ganz klar!

Der Stapel mit den für »Nordische Musik« zu besprechenden CDs auf meiner Anlage wird irgendwie nie richtig kleiner. Der aktuelle Stapel liegt rechts, die Dauerbrenner an älteren Alben links. Auf dem »Altstapel« sammelt sich bisweilen der Staub. Schöne Ordnung. Aber Spaß machts! Sind die Scheiben besprochen, wandern sie ziemlich häufig in die Ablage unten im Regal, knapp über den alten Joggingschuhen. Nur einige wenige schaffen es jeden Monat an den exklusiven Platz, wo die überlebensnotwendigen Aufnahmen stehen.

Es gibt jede Menge mediokre Musik. Es gibt peinliche, selbstverliebte, langweilige und einfach schlechte Aufnahmen. Aber, hurra! Es gibt natürlich auch die guten. Und im idealen Fall ist es schon beim Reinhören der Beginn einer kleinen Liebesaffäre. Das kommt aber nicht zu häufig vor.  Und damit komme ich endlich zum Punkt: Unter die fünf, sechs, acht bisherigen Lieblingsplatten dieses Jahres haben sich die finnischen Indierocker Rubik mit ihrem Debütalbum »BAD CONSCIENCE PATROL« gespielt: Ungestüm, leidenschaftlich, mit dem Potenzial, unwiderstehliche Mitsing-Klassiker zu schreiben. Es sind zwei, drei RICHTIG grandiose Songs auf dieser Platte, die souverän mit allem spielt, was zwischen Rock und Prog und Glam und keybardverliebter Experimentierlust angesiedelt ist. Eine echte Entdeckung!

Rubik – und dabei komme ich endgültig zum entscheidenden Detail! – sind in dieser Woche zum ersten Mal überhaupt auf Deutschland-Tour. Live soll die Band sehr, sehr überzeugend sein, sagen meine finnischen Freunde unisono. Und die müssen es ja wissen.

Damit es den Jungs aus Helsinki nicht so ergeht wie letztens den famosen Synthierockern 120 Days aus Norwegen, die ihr erstes Konzert in Deutschland vor zwöf bis 15 Leutchen in Köln spielten, versteige ich mich hier erstmals zu einem Veranstaltungstipp:

Rubik spielen  am 5. Juni im Magnet in Berlin, am 6. Juni im Blue Shell in Köln, am 7. Juni im Elfer in Frankfurt, am 8. Juni im NATO in Leipzig und am 10. Juni im Haus 73 in Hamburg. Bisschen mehr als zwölf Besucher pro Abend wäre den Jungs zu gönnen.  

08. Januar 2007

Neue Botschafter – Skandinavische Bands mit Staatsknete im Ausland

Der Kritiker von der New York Times wundert sich sehr. Da schickt das dänische Ministerium für Kulturelle Angelegenheiten die Rockband Figurines auf den CMJ Music Marathon nach New York – und unterstützt seine musikalischen Botschafter mit 18.000 Dollar auf ihrer Promo-Tour durch die Neue Welt.  Der Amerikaner schüttelt verwundert den Kopf. Keine US-Verwaltung würde auf die abstruse Idee verfallen, Garagenbands aus Boston oder Austin auf ihren Reisen ins Alte Europa zu unterstützen. Auch eine Form von kulturellen transatlantischen Missverständnissen.

Music Export Denmark sieht die Sache naturgemäß etwas anders. Ähnlich wie die Kollegen in Norwegen, Schweden und Finnland. Die Skandinavier haben Musik als interessantes Exportgut erkannt und fördern ihre musikalischen Flaggenträger mit einigen Euros und noch ein paar Cents. Es handelt sich dabei nicht um die Riesensummen, die so manche Plattenfirma in das Bewerben ihrer Umsatzträger steckt. Aber der Staat bietet seinen musizierenden Landeskindern eine Möglichkeit, sich vor einem internationalen Publikum zu präsentieren.

Meist geschieht dies zu den wichtigsten Musikmessen wie der in wenigen Tagen startenden Eurosonic in Groningen. Nur ein kleiner Auszug:  Finnland sendet Lapko, Rubik, Islaja und Bloodpit auf die holländischen Bühnen. Norwegen versucht sein Glück mit 120 Days (unsere CD des Monats Dezember 2006!), The Cheaters und Stonegard. Dänemark hat mit seinen Indie-Lieblingen Broken Beats und den außerhalb Hamlet-Lands weitgehend unbekannten Oh No Ono, Duné und The Psyke Project gleich vier Bands am Start. Von den Schweden ganz zu schweigen: Hello Saferide, Anna Ternheim, The Je Ne Sais Quoi, Johnossi … Wer in Grenznähe zu unseren liebsten Fussballfeinden lebt: Rüberfahren! So viel geballte skandinavische Präsenz auf einem Fleck ist in den nächste Monaten hierzulande nicht in Sicht.

Bleibt die Frage des Skeptikers von der New York Times: Lohnt sich der Aufwand? Sind internationale Superstars mit Hilfe von Staatsknete aufgebaut worden? Lässt sich der Erfolg von Auftritten auf wichtigen Branchen-Treffs ganz exakt in Tantiemen umrechnen? Ein weites Feld, würde der alte Briest sagen. Sicher, es gibt kleine Erfolge:  So haben etwa die finnischen Kitschpopper The Crash im vergangenen Jahr nach ihrem Auftritt auf der französischen Musikmesse MIDEM in Cannes einen Publishing-Vertrag mit der deutschen EMI ergattert, meldet Music Export Finland stolz Vollzug. Finnland stand im letzten Jahr im musikalischen Fokus dsr weltgrößten Branchenmeetings. Dass das skandinavische Land inzwischen auf Augenhöht mit Großbritannien oder dem aufregend-exotischen Island genannt wird: Davon ist allerdings bislang nichts zu spüren.

Auch die Figurines bringen ihr aktuelles Album »SKELETON« demnächst in den USA und in Kanada heraus. Grund zum Optimismus oder nur ein Strohfeuer? Von den dutzenden Bands, die an diesem Wochenende in Groningen spielen, werden nur sehr wenige internationale Beachtung finden. Und ohne die finanzielle Unterstützung ihrer Kulturfonds hätten es einige unter ihnen mit Sicherheit nicht vor ein breiteres Publikum geschafft. Auch wenn es nur für ein paar Stunden ist.

 
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