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Foto nordische Landschaft

17. Mai 2010

Oh, abenteuerlich: Auf Entdeckungstour mit Gogoyoko

Ob das hehre Ziel »Fair Play In Music« wirklich erreicht wird, das wollen wir hoffen und wünschen. Zumindest sind die isländischen Initiatoren von Gogoyoko angetreten, um Musiker und Fans auf faire und direkte Weise zusammenzubringen. Das Portal ist ein Zwitterwesen zwischen Online-Musikstore und sozialem Netzwerk. Praktisch funktioniert das so: Musiker, aber auch kleine Labels stellen ihre Alben per Stream zur Gänze zur Verfügung. Die Fans können dem Werk in Ruhe lauschen, bei Bedarf mit der Band in Kontakt treten (oder ganz profan zu Followern werden), und, bei Gefallen, einzelne Songs oder das gesamte Album erwerben. Den Preis legen die Musiker selbst fest. Zahlungen an ein Großlabel entfallen hier. Das heißt im Klartext: Die Künstler verdienen mehr, weil die Zwischenstation Label entfällt. Ein Sargnagel der etablierten Musikindustrie könnte so aussehen. Wer braucht hier noch große Plattenkonzerne?

Und noch etwas: Gogoyoko hat sich von seinen Grundstatuten her verpflichtet, einen Teil der Gewinne an gemeinnützige Projekte zu spenden. Als integraler Bestandteil des Ganzen. 10 Prozent der Werbeerlöse fließen automatisch an vertrauenswürdige Partnerorganisationen wie Unicef oder Ärzte Ohne Grenzen.

Bislang war Gogoyoko nur Interessierten auf Island und in den skandinavischen Ländern offen, aber seit kurzem haben auch deutsche Nutzer Zugang. (Danke an Egill, den ab- und an FM-Belfast-Mitmusiker, für die Information! Nächtliche Irrfahrten mit der Deutschen Bahn bringen doch als kleine Kompensation die unerwartetsten Begegnungen mit netten Leuten mit sich!). Einfach auf die Gogoyoko-Seite gehen und den Zugang beantragen. Code zugemailt bekommen, Profil anlegen, loslegen. Klappte gestern problemlos. Den größten Spaß bereiteten bisher die Entdeckungen und das ausführliche Hineinhören in neue Alben. Oh, die verträumten Indiefolk-Teenagermädchen von Pascal Pinon, eine meiner liebsten Bands auf dem letztjährigen Iceland Airwaves Festival, haben ihr erstes Album vorgelegt. Mit 15! Wunderbar schwerelos naiv. Die Blockflöte und das Glockenspiel, sie leben hoch!

Weiter forschen. Playlisten ansehen, Unterkategorien und Zwischenverweisen folgen. Sóley entdecken und ihr erstes Album »THEATER ISLAND« ein verzwurbelt-verschachteltes, sehr elfisches, pianogeprägtes Werk, das aufhorchen lässt. Zu den endlosen Verquickungen isländischer Musiker untereinander eine hinzufügen: Sóley ist natürlich auch anderweitig musikalisch aktiv, als reguläres Mitglied von Seabear. Merke: Nicht jeder Isländer spielt in einer Band. Es ist nur so, dass jedes Hauptprojekt unweigerlich sein Nebenprojekt nach sich zieht.

Ein kurzer Zwischeneinwurf. Weder Pascal Pinon noch Sóley haben ein klassisches Label im Rücken. Diese Künstlerinnen veröffentlichen selbst.

Sich weiter in das Land der ungeahnten Möglichkeiten bei Gogoyoko aufmachen. Entdecken, dass Stafrænn Hákonein neues Album mit dem schönen Namen »VERITAS« herausgebracht hat. Wusste ich garnicht! Und dass Nóra, ebenfalls eine der positiven Überraschungen des Festivals, zumindest einen Track online gestellt haben.

Bislang eine rundum positive Überraschung, die Sache mit Gogoyoko. Ohne aufdringliche Werbung, dumme Banner und andere Ärgernisse. Klar strukturiert. Auf zu neuen Klangabenteuern morgen und die Tage. Und noch was: Man findet nicht nur rein isländische Bands hier. Der Rest der nordischen Länder ist hier prominent vertreten. Einfach schauen.

13. Mai 2010

Feiert mit Eläkeläiset die Substage-Abschiedsparty in Karlsruhe


Das Karlsruher Substage zieht um, auf das Schlachthofareal im Karlsruher Osten. Doch zuvor feiern Crew und Freunde des Unterführungsclubs eine mehrtägige Abschiedsparty, bei denen auch die irren Finnen von Eläkeläiset nicht fehlen dürfen: Schließlich zählen ihre launigen Humppa-Partys seit Jahren zu den Highlights im Substage.

Wer also zu finnischen Polka-Rhythmen Polonaisen oder/und Alkohol frönen möchte, der sollte am Freitag, 14. Mai 2010, ins Substage kommen, wenn das Motto lautet »Humppa ’til you die!«

Foto © natte

05. Mai 2010

The Blue Van im Stuttgarter Schocken: Rocken bis die die Orgel in Trümmern liegt


Die dänischen The Blue Van dürften einigen dank der Apple iPAD-Werbung bekannt sein: In dieser erklingt ihr Song »There Goes My Love« vom aktuellen Album »MAN UP«. Dennoch findet das Konzert am 27. März 2010 nur im kleinen Club Schocken in Stuttgart statt – und der Eintrittspreis ist mit fünf Euro äußerst human.

Um 21 Uhr stolpert also der bunte Haufen Retrorocker um Sänger/Gitarrist Steffen Westmark auf die Bühne – und präsentiert seine Herkunft musikalisch: Mit dem Opener »Product of DK« vom 2005er Album »THE ART OF ROLLING«. Das verdächtig nach »Ü30-Party«-Besuchern aussehende Publikum scheint der Band zu unmotiviert, also brüllt Stefan ins Mikro: »Come on, it’s Saturday Night – we’re not on a funeral!«

Entweder zeigt die Ansprache Wirkung, oder der näxte (Titel)Song »Man Up«. Die Menge fängt an zu tanzen und hüpfen – und die Band macht es den Zuschauern leicht bis zum Ende mitzufeiern. Die CD groovt schon ordentlich, doch ist das kein Vergleich zu einer Liveshow The Blue Vans: Laut und wild geht es zu, Bassist Allan Villadsen springt mehrmals auf die Orgel Søren Oakes Christensens.

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03. Mai 2010

Lieber schweigen? Holmes & die Sache mit den Zwischenansagen

Es ist eine Gretchenfrage für Bands: Wie hältst Du es bei Konzerten mit der Ansage? Die Extreme reichen von unqualifiziertem Dauergeblubber bis hin zu gänzlichem Schweigen. Es muss doch je nach Naturell einen vernünftigen, unpeinlichen Zwischenweg geben!

Über die Dauerplauderer auf der Bühne wollen wir an dieser Stelle einmal keine großen Worte verlieren. Die reden schon selbst in ausreichendem Maße. Wenden wir uns lieber den Stillen zu. Man kann auf sehr viele unterschiedliche Arten schweigen. Vielleicht sagt man ja auch sonst nicht viel. Vielleicht hält man aus Vorsicht lieber den Mund. Vielleicht denkt man aber auch, dass Schweigen die ultimative Form von Coolness und Poserei ist (ein jüngstes Paradebeispiel dafür: die britischen Folksong-Dandies von Erland And the Carnival).

Vielleicht aber sind fünf bis sieben Musiker, von denen sich einer hinter dem anderen auf der Bühne zu verstecken scheint, einfach nur auf altmodische Weise schüchtern. Dies scheint bei den schwedischen Countrypop-Träumern Holmes der Fall zu sein. Sänger Kristoffer Bolander traut sich kaum, ins Publikum zu schauen. Lieber blickt er auf seine Gitarre oder seine Mitmusiker, die sich an diesem Abend im Offenbacher Hafen2 wie ein Haufen Schäfchen eng um ihn gedrängt versammelt haben. Kaum, dass er die Dankesworte auf den freundlichen Applaus des Publikums hin herausbekommt. Mit leiser Stimme sagt er ab und zu mal einen Song an. Anekdotenerzählen ist seine Sache nicht. Der Rest der Band blickt ernst und konzentriert.

Da die Zwischenansagen so spärlich, aber eben nicht unsympathisch ausfallen, kann man sich um so besser auf die Musik konzentriereren, die eine bescheidene Gemütlichkeit ausstrahlt, aber auch eine große Wärme. Holmes erfinden mit ihrem melancholisch-bedächtigem Countrypop das Rad nicht neu, aber schaffen es, ein wunderbar behaglich knisterndes Lagerfeuer zu entfachen, in das man lange blicken möchte. Bescheidenheit ist das neue Lautsein, vielleicht.

(Foto: David Fransson)

21. April 2010

Der Vulkan und die Musiker: Dann eben auf dem Landweg!

Wenn uns die letzten Tage des etwas gelehrt haben, dann einen gesunden Respekt vor Entfernungen. Kein Billigflieger, der uns in zwei Stunden von Deutschland nach Finnland bringt, wenn Vulkanaschewolken unsichtbar in der Luft schweben. Dass die Entfernung zwischen Darmstadt und Tampere rein von der Luftlinie her 1.540 km beträgt, musste jetzt  der finnische Popmusiker Janne Laurila erfahren, der am vergangenen Wochenende eine kleine Hessentour absolvierte, organisiert von seinen deutschen Musikerfreunden Woog Riots. Nach dem abschließenden Auftritt in der Darmstädter Guten Stube standen dem dunkelschopfigen Finnen einige Sorgenfalten auf der Stirn. Wie bis Mittwoch ins heimatliche Tampere gelangen, wo für den Mittwoch abend ein Konzert angesetzt ist? Die einfache Antwort: Dann eben auf dem Land- und Seeweg! 44 Stunden in Bussen und auf Fähren. Mit etwas Glück sind Janne und seine Gitarre inzwischen wohlbehalten in Mittelfinnland angekommen, wobei die Reisekasse arg geschröpft wurde.  Da der Luftraum über Finnland immer noch gesperrt ist, dürfte es auf der Stockholm-Turku-Fähre eng geworden sein.

Schleunigst umdenken mussten auch die Anarcho-Rocker Eläkeläiset, die für ihre jetzt beginnende Deutschlandtour im Schnelldurchlauf einen Bus organisierten, die Bandmitglieder hektisch einzeln rund um Helsinki einsammelten, ab auf die Fähre eilten und im Schweinsgalopp durch Schweden Richtung Süden düsten. Zum geplanten Konzert am vergangenen Freitag in Hamburg haben sie es aber trotz durchgedrücktem Gaspedal nicht mehr geschafft.

Die schwedischen Mary Onettes mussten jetzt ihre geplante US-Tour absagen. Kein Flug von Stockholm Richtung Staaten möglich. Ihre Landsfrau Lykke Li (Foto) hängt in Paris fest, alle Züge Richtung Norden sind hoffnungslos ausgebucht. Die Chanteuse vertreibt sich inzwischen auf angenehme Art die Zeit, in dem sie über den Friedhof Père Lachaise spaziert und das Grab von Edith Piaf besucht. Keine schlechte Alternative in Zeiten der Entschleuningung.

Ein praktischer Rat zum Schluss: Wer in diesen Tagen auf Konzerte geht, sollte vorher genau schauen, aus welcher Entfernung die Bands anreisen. 44 Stunden Fahrtzeit für ein Konzert sind nicht immer mit einer Punktlandung zu schaffen.

(Foto Lykke Li: Patricia Reyes)

 
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