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Foto nordische Landschaft

10. Februar 2017

Schöner verlorengehen mit MALMØ

MALMØ treiben ein kleines Verwirrspiel mit uns. Denn die Dreampopster um Sängerin Maria Malmø kommen keineswegs aus der schwedischen Hafenstad, sondern aus dem dänischen Århus, einer der beiden europäischen Kulturhauptstädte 2017. Dänemark also! Das Sextett zelebriert eine sanfte Nachdenklichkeit in einer überdrehten Welt. Zur Ruhe kommen, schlendernd unterwegs sein und vielleicht ein wenig verlorengehen: Das schaffen MALMØ im schwerelos schwebenden Song »You«., der nur scheinbar reduziert daherkommt und sich auf das Wesentliche konzentriert: Wundersame kleine Geschichten zu erzählen. Und kleine, aber feine Spannungsbögen aufzubauen: Girl meets boy: Mit der maunzigen, feenhaften Stimme von Maria Malmø klingt diese uralte Geschichte überaus anmutig und sehr frisch! Die Dänen nehmen sich alle Zeit der Welt, um diese minimalistische Geschichte zu erzählen. Weniger ist hier definitiv mehr. Folkpop und Dreampop kuscheln hier einträchtig miteinander. Wer eine Referenzband sucht, wird vielleicht ein wenig an die unvergessenen Sundays und deren großartige Sängerin Harriet Wheeler denken, obwohl die Briten definitiv poppiger sind. MALMØ werkeln im Moment an ihrem Debütabum »WE COME FROM THE STARS« (was man ihnen unbesehen abnimmt!). Der Erstling soll im Herbst herauskommen. Darauf können wir und schon mal im Februar freuen!

31. Januar 2017

Wir tanzen barfuß mit Irah: Eurosonic 2017

Manchmal hat man fast ein wenig Angst vor dem ersten Mal: Wenn eine Band auf der Bühne steht, deren Album man über alle Maßen liebt und deren Songs im Laufe vieler Wochen treue Begleiter geworden sind. Und so sind meine Erwartungen himmelhoch, als Irah auf dem Eurosonic Festival in Groningen auf der Bühne stehen. Denn das Trio aus Kopenhagen hat mit dem Mini-Debütalbum »INTO DIMENSIONS« einen meiner musikalischen Höhepunkte des Jahres 2016 vorgelegt, die es in meinen persönlichen Jahrescharts weit nach vorne geschafft haben. Und was für eine wunderbare Überraschung in der stimmungsvollen Stadsschouwbourg an der Gracht: Überaus sympathisch, angenehm bescheiden und mit offensichtlicher Freude am gemeinsamen Musizieren präsentieren sich die Dänen im eisigen Groningen. Im Mittelpunkt steht, ohne sich vorzudrängen, die zierliche Sängerin Stine Grøn, die unbedingt die lange verschollene Kusine von Beth Gibbons sein muss. Aber lebensfroher daherkommt als die Portishead-Chanteuse! Auch live sind die Songs von schwebender Fragilität und großer Schönheit. Besitzen eine meditative, fast schon sakrale Qualität. Und über allem schwebt die Stimme von Stine Grøn, die sich in eine sanfte Ekstase hereinsteigert, ihre Schuhe von sich schleudert und entrückt barfuß tanzt. Von naiver Betulichkeit kann aber erfreulicherweise keine Rede sein: Die Kopenhagener experimentieren mit tribal treibendenden Beats. Zu diesen Feenklängen und dem mantrahaften Wiederholen ihres Credos »It is on the inside, it is on the oustide, let´s travel on there!« vom zauberigen Track »Fast Travelling« kann man euphorisch in taubenblaue Gegenwelten abtauchen. Bitte bald mal auf Deutschland-Tour kommen!

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27. Januar 2017

Schmerzensmänner im Schneesturm: Eurosonic 2017

Das Eurosonic Festival im holländischen Groningen bildet bei mir und vielen anderen Musikfans im Januar traditionell den Jahresauftakt. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist: Das Wetter in der Universitätsstadt im Norden des Landes ist um diese Jahreszeit häufig grauselig, und der Januar 2017 macht keine Ausnahme. Wie gut, dass man sich am warmsouligen Weltschmerz von Albin Lee Meldau wärmen kann, bevor es wieder heraus aufs Fahrrad und in den Schneesturm geht! Der junge schwedische Schmerzensmann tritt passenderweise in einer Kirche auf: Die bildet den perfekten Rahmen dafür, über das eigene Schicksal nachzusinnen! Zwar hängen dunkle Wolken über dem musikalischen Universum des tiefdunkel gekleideten Troubadours, der mit souligen Tracks wie dem schwarzsamtigen »Let Me Go« auch mal den Himmel um Unterstützung anfleht. Mit diesem wärmenden Whiskey aus Klängen im Herzen trotzt nachts um eins auf dem Fahrrad entlang der Grachten den fiesesten Schneeflocken!

Leider nicht im Gotteshaus findet die Rückkehr von Mikko Joensuu nach Groningen statt. Vor sechs Jahren ist der finnische Musiker hier mit seiner Band Joensuu 1685 aufgetreten. Lange ist es her! Der Mann mit dem strähnigen Blondhaar hat sich seitdem mehrmals gehäutet. Unvergessen sein großartiger Auftritt beim Flow Festival in Helsinki vor einigen Jahren, als er als Mischung zwischen Waldschrat und wiedergeborenem Christen auftrat und seine gequälte Seele scheunentorbreit öffnete. Inzwischen hat Mikko die beiden sehr wundervollen EPs »AMEN 1« (Songwriting!) und »AMEN 2« (Elektrokrautrock)! vorgelegt, in denen es immer noch viel um Finsternis und Erlösung geht. Aber irgendwie fällt inzwischen warmes Licht in seine dunklen inneren Kammern. Bei Mikko Joensuus Auftritt in einen wunderbar altmodischen Theater gleich um die Ecke bei der Kathedrale kommt der Finne sehr bescheiden daher. Konzentriert sich auf seine americana-affinen, melancholischen, sanft taubengrauen Balladen von »AMEN 1«. Mit dem üblichen wehleidige Genöle der meisten Singer-Songwriter heutzutage haben diese Tracks voller Tiefgang nichts zu tun. Näher, mein Gott zu Dir: Mit Mikko Joensuu kann man sich mit diesem Gedanken peinlichkeitsfrei anfreunden. Und auf dem persönlichen Wunschzettel für dieses Jahr vermerken, dass die krautrockige Variante von »AMEN 2« live sehr wunderbar klingen würde! Dass Mikko Joensuu in all den Jahren auch außerhalb Finnlands nachhaltig Eindruck hinterlassen hat, beweist eine kleine Episode beim diesjährigen Eurosonic: Am Vorabend stehe ich in der Schlange an, um die wunderbare Anna Meredith zu hören und komme mit einer netten Österreicherin ins Gespräch. Erzähle ihr, dass ich am kommenden Abend Mikko Joensuu sehen werde. Die Augen der jungen Frau strahlen plötzlich auf wie Leuchtraketen. »Mikko Joensuu! Genau! Und dieser wunderbare Song von Joensuu 1685!« Ja, genauso ist es!

08. Januar 2017

Untergangs-Glam mit den Lowlife Philosophers

Wie konnte ich nur all die Jahre ohne die Stimme von Noora Tommila leben? Frage ich mich, als ich beim überfälligen Ausmisten des Plattenschrankes unverhofft auf »VIOLENT CALM« stoße, dass eindrucksvolle Debüt der finnischen Experimentalrockster Lowlife Philosophers? Hereinhören via Bandcamp unbedingt empfohlen, allen voran der wunderbare Siebenminüter »Sunbeams«!

Noora Tommila ist sowieso unvergessen als Sängerin der Weltende-Ästheten Eleanoora Rosenholm, die ebenfalls exzellente und in Resteuropa unbeachtet gebliebene Meisterwerke vorgelegt haben. Wer ein paar Minuten Zeit hat, sollte sich das subtil verstörende Video zu »Maailmanloppu« anschauen, in dem aus dem Männermord von Frauenhand eine Kunstform wird. Die Lowlife Philosophers und Eleanoora Rosenholm und viele andere experimentelle Bands wie Circle oder Magyar Posse stammen alle aus Pori, einem finnischen Küstenstädtchen, das ein wahrerer Tummelplatz experimentierfreudiger Exzentriker ist.

Von den Lowlife Philosophers hatte ich lange nichts mehr gehört und wähnte die Band eigentlich dahingeschieden, wie so viele andere auch. Von den mausgrauen Realitäten des Erwachsenenlebens eingeholt vielleicht? Stimmt nicht, wie eine kleine Recherche ergibt! Zwar gab es personelle Umbesetzungen, aber die Kernmitglieder sind immer noch dabei. Haben vor nicht allzu langer Zeit ihr drittes Album »SAME REVOLUTION TWICE« vorgelegt. Und hurra: Die Philosophers pflegen weiterhin leicht jazzige Untertöne, sind aber dem Progressive Rock in seiner wilden, eigentümlichen Pori-Ausprägung ebenso zugeneigt. Und zelebrieren einen düsteren Glam! Und über allem schwebt die verwunschene Stimme von Noora Tommila! Der feine Track »Doomed« ist übrigens von erstaunlicher Leichtigkeit!

(Foto: Lauri Hannus)

27. Dezember 2016

Fliegen lernen mit Rest in Beats

Brrrr! Kalt, nass, dunkel! Und Weihnnachten ist auch noch vorbei! Es ist unbedingt Zeit für ungewöhnliche Töne und die Entdeckung der dänischen Sprache als Idiom südlich flirrender Gegenwelten! Wer´s nicht glaubt, soll sich »Fugle Kan Dø« (Vögel können sterben heißt das übersetzt!) anhören, die neue Single der dänischen Pop-Grenzgänger Rest In Beats. Eine melancholische Totenklage auf leblose Federwesen ist das nicht, sondern eine quicklebendige Mischung aus Weirdpop, Hip Hop und unberechenbaren Elektronica. Rest In Beats sind ein Duo aus Kopenhagen, bestehend aus der Sängerin Rezwan Farmi und dem Produzenten Sebastian Roende Thielke. Der Track ist eine eigenwillige Neuinterpretation eines Gedichtes der verstorbenen iranischen Dichterin und Filmemacherin Forough Farrokhzad. In dem Gedicht geht es darum, alle Chancen im Leben mutig anzupacken und nicht auf falsche, faule Sicherheit zu setzen. »Ein toter Vogel erinnert mich daran, dass Vögel sterben. Und erinnert mich daran, zu fliegen«, heißt es im Refrain. Organisch wollen die beiden klingen,mitten in einer künstlichen Soundlandschaft. Das ist ihnen unbedingt gelungen! Vor allem, wenn man der Sirenenstimme von Rezwan Farmi lauscht! Der Exotik-Faktor, der hier dezent Einzug hält, verleiht dem Track eine feine orientalische Note. Fliegen lernen könnte auf die Liste der Neujahrsvorsätze kommen!

 
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