Wer glaubt, nur Schweden beherrschten die Kunst des elegant schwebenden, schwerelosen Kammerpop, der wird sich bei diesen Finnen die Augen reiben. Burning Hearts, das Duo bestehend aus der fabelhaften Chanteuse Jessika Rapo und dem Schlagzeuger Henry Ojala, bewegt sich geschmeidig durch fein ausgeformte Sehnsuchtswelten, die den entscheidenden Schritt vom gefällig-pastelligen Anorakpop entfernt sind, weil sie Tiefe haben. So einfach sind die Dinge mitunter. Burning Hearts werden von sanft flackernden Flammen umhüllt. Aber verbrennen tun sie nicht.
Manchmal sind Brüche gut, um sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren. Henry Ojala hat den Smiths-Epigonen Cats on Fire den Rücken gekehrt, um einen viel versprechenden Seitenpfad zu seinem Hauptprojekt zu machen. Burning Hearts haben mit »ABOA SLEEPING« bereits vor Jahren ein Debüt mit Substanz vorgelegt, damals noch sehr dem schüchtern-tastenden Folkpop verpflichtet. Heute lassen Burning Hearts das sorgsame Tappsen entschieden hinter sich, treten mit ganzer Sohle auf und sagen: Hier sind wir! Selbstbewusst. Kraftvoll. Temperamentvoll. Offen. Lassen eine leise Traurigkeit mitschwingen. Die Dinge und die Songstrukturen sind komplex. Und das ist gut so. Anfang Februar bringt das Turkuer Label Solina Records den Burning-Hearts-Zweitling »EXTINCTIONS« heraus, und die erste Kostpobe »Burn Burn Burn« läuft bereits das siebte Mal in Folge, ohne irgendwelche Abnutzungserscheinungen zu zeigen.
Wie jedes Jahr kommen wir bei Nordische Musik mit unseren besten Alben des Jahres nicht zu zeitnah zu Potte. Na und? Muss jeder seine Liste schon am 1. Dezember fertig ausformuliert haben? Pfui Blödsinn! Also sinne ich eben am ersten Tag des neuen Jahres über die besten skandinavischen Gigs von 2011 nach, lächle, sortiere, wäge ab und entscheide frei nach dem feinen Ratschlag der Berliner Bloggerkollegin Dörte Heilewelt, dass es genau die Konzerte sein werden, die sich so anfühlen, als seien sie gestern gewesen.
10. Raised Among Wolves beim Iceland Airwaves Festival, Reykjavik. Es gibt sie trotz aller Stereotypen, die Liebe auf den ersten Blick. Eine Handvoll junger Dänen, in Wo-Die-Wilden-Kerle-Wohnen-Kostüme gehüllt, die ihre eigene, sehr liebevolle Variante des Alice-Im-Wunderland-Pop spielen. Romantisch, hingebungsvoll, euphorisch, großäugig, geradezu feierlich. Mit der triumphierenden Trompete von Daniel Bonde. Hach, das könnte etwas werden!
9. Magenta Skycode beim Flow Festival in Helsinki. Die Band um Mastermind und Sänger Jori Sjöroos liebt das gepflegte Pathos und die große Geste. Funktioniert das am hellichten Nachmittag auf der Hauptbühne? Und wie! Große Herzschmerz-Hymnen brauchen keine nächtliche Schwärze, um zu glitzern wie dick aufgetragener Sternenstaub. Außerdem ist es großartig, die finnischen Freunde fast allesamt rundum versammelt zu haben und sich gemeinsam zu freuen. Man genießt und lächelt und fragt sich, wann Resteuropa endlich von dieser großartigen Band Notiz nehmen wird.
8. Minä Ja Ville Ahonen auf dem Flow Festival in Helsinki. Das schrullige Debütalbum der merkwürdigen Finnen hatte sich unauffällig in mein Herz geschlichen wie eine Katze auf Mäusepirsch. Um so gespannter darauf, die Band endlich einmal live zu erleben und holla! Was für eine leidenschaftliche Orchestrierung großer Gefühle. Als stiller Waldschrat anfangen, als ausflippender Derwisch enden. Man schüttelte sich nach dem Konzert wie ein pitschnasser Hund und fragte sich: Was war das denn? Gut so!
7. Team Me beim Reeperbahnfestival in Hamburg. Einfach wunderbar, wie diese Großgrupppe hochtalentierter norwegischer Jungspunde ein kreatives, sehr tanzbares Chaos aus sämtlichen Versatzstückchen der Popgeschichte veranstaltet! Euphorisierend und überraschend, blubbernd und steppend, fröhlich und übermütig. Sängerin Synne hüpft über die Bühne wie eine Hummel, die in ein Honigglas eingesperrt wurde. Unwiderstehlich! Im Januar kommt ihr Debütalbum »TO THE TREETOPS!« in Deutschland heraus, schon ein Grund, sich aufs neue Jahr zu freuen!
Eigentlich sind alle Geschenke bereits ausgepackt und das Weihnachtspapier brav in der blauen Tonne entsorgt, da gibt es kurz vor Neujahr noch späte Präsente aus dem Norden, aus Finnland und Island, um genauer zu sein. Fangen wir mit Suomi an. Dort hat Nick Triani, der umtriebigste Brite im Land der vielen Seen, in diesem Jahr sein neues Label Soliti aus der Taufe gehoben und bekanntere Acts wie Cats On Fire und Astrid Swan, aber auch einige der interessantesten Newcomer wie The New Tigers, Big Wave Riders und Black Twig unter seiner Flagge versammelt. Zur Feier des erfolgreichen Starts beschenkt Mr. Triani die Welt jetzt mit »THE SOLITI ZIP« und damit der ersten Compilation des Labels. Kostenlose herunterladen kann man neue Songs, erprobte Songs und Remixes, unter anderem von Frickel-Meister Jori Hulkkonen und von den schändlicherweise hierzulande immer noch weitgehend unbekannten, schlauen Folkpop-Träumern Burning Hearts mit der wunderbaren Jessika Rapo an den Vocals. Spaß macht die Jahresendpost aus Helsinki auch deshalb, weil alle Beteiligten nicht ganz alltägliche Best-Of 2011-Listen angelegt haben. So erfährt man also, dass Ober-Cat-On-Fire Mattias Björkas Fussballfan ist und Teemu Pukki für den besten im Ausland kickenden finnischen Ballartisten hält (der schlechteste ist Mikael Forsell von Leeds United!), dass Astrid Swan die Biographie von Diane Keaton mit Gewinn gelesen hat und Aki von den Black Twigs den dunklen, schneelosen Dezember in Finnland für das schlimmste Ereignis des Jahres hält.
Das nehme ich doch gleich zum Anlass, Black Twig im Ton vorzustellen. Das Debüt der Vier aus Helsinki mit dem schönen Titel »PAPER TREES« erscheint am 11. Januar bei Soliti und pflegt eine fuzzige, coole Form des klassischen (britischen) Indierocks mit deutliche psychedelischer Grundströmung und ist von angenehm unaufgeregter Dringlichkeit.
Das zweite verspätete Weihnachtsgeschenk kommt vom empfindsamen Elektronik-Shoegazer 70i, aus Island, der in einer Geste der Großzügigkeit alle seine bislang erschienen vier Alben eine Woche lang zum kostenlosen Download zur Verfügung stellt. Jóhann Friðgeir Jóhannsson, alias Jói, treibt sich mit Vorliebe in pastellfarben blaugrünen, angenehm verschwurbelten Gegenwelten herum, durch die die Dinge nur auf Zehenspitzen tänzeln und die Gewissheiten allmählich schwinden. Eine schöne Entdeckung auf dem Weg, einen der Neujahrsvorsätze für 2012 umzusetzen: Entschleunigung!
Natürlich wollen sie Weihnachten zuhause sein. In Espoo und Järvenpää. Aber vorher spielen sie mit viel Gusto ihr letztes Konzert des Jahres fern der Heimat in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden, im Zentrum mit den vielen Edelgeschäften, in Spuckweite von Spielbank, Kurpark und Kaiser-Friedrich-Therme. Der gerne als Rentnermetropole verspotteten Kurstadt tut ein frischer, ungestümer Windstoß gut, und deshalb ist es wunderbar, dass die unbekümmerten finnischen Jungspunde French Films kurz vorm Fest im Kulturpalast aufspielen und die Jugend der Stadt mächtig ins Schwitzen und Tänzeln bringen.
Das fast noch minderjährig daherkommende Quintett ist angenehm uneitel und ungemein sympathisch. Und so voller Leben, dass sie fast platzen wie prallgefüllte Luftballons. Nein, es geht hier nicht um korrektes Schönspiel, sondern vorrangig ums Spaßhaben, Ausprobieren und Abtanzen. French Films zeigen, dass einfache Songs mit leicht wiedererkennbaren Refrains (vulgo: Gassenhauer) mit einem rotzfrechen Charme daherkommen können wie der kaugummikauende Dennis die Nervensäge mit seiner Schleuder und dem Unschuldsblick. Die Finnen bringen Surfgitarre, Rabauken-Vocals und wavige Coolness auf einen Nenner, der einfach schreit: Party! Party! Die großen coolen Brüder von den Vaccines und den Drums sind nicht wirklich fern, aber French Films spielen mit einem Was-kostet-die-Welt-Straßenköter-Enthusiasmus auf, dass es eine Freude ist und sich die Beine automatisch in Bewegung setzen. Energie, Energie und lächelnder Anarchismus sind es, die an diesem verregneten Abend alle Widerstände hinwegputzen wie Plustemperaturen den Schnee.
Die Songs sind eingängig und unwiderstehlich, die Frisuren sämtlicher Akteure auf der Bühne würden jeden Dorffriseur in tiefe Depressionen stürzen, aber das ist so nebensächlich, weil die Jungs es auf wundersame Weise fertigbringen, dass am Ende fast alle lächeln. French Films machen artige Zwischenansagen auf deutsch (brav gelernt!), müssen aber letztendlich über sich selbst lachen, verhaspeln sich und reden Unsinn, stolpern fast über ihre eigenen Füße und sind doch die ganze Zeit über ungemein in ihrem Element. Am Schluss übernimmt plötzlich der Basser die Vocals, und er tut das gut, und irgendwie entsteht aus all dieser Unperfektheit doch ein stimmiges, knallfroschfanfarenartiges Ganzes von großer Lebendigkeit. Und wer jetzt sagt, das ist doch alles nichts Neues, der hat grundlegende Dinge über das Wesen der Popmusik nicht verstanden.
French Films sind im Januar nochmals auf Deutschland-Tour unterwegs. Wer einfach nur Spaß haben will: Hingehen!
Spätabendmusik. Ein paar verstreute Lichter oder Kerzen an, sonst nichts. Der Himmel draußen schwarz und sternenlos. Das sind vielleicht die besten Voraussetzungen, um Swaying Wires aus Turku zu lauschen. Das Trio sinniert über Vergänglichkeit, verpasste Chancen und den Wunsch, doch vielleicht einmal einen Ort zu finden, den man Zuhause nennen könnte. Während man in traurig-traumverlorenen Zwischenwelten wandelt und die Dinge sich immer weiter verlangsamen. Enttäuscht, aber noch lange nicht resigniert. Angefolkte Americana-Töne, die aus dem tiefsten Nebraska stammen könnten. Die Stimme von Tina Kärkinen schwebt wie blaugrauer Rauch über mitunter hallenden Gitarren und erinnert mit ihrer sanften Stärke ganz entfernt an die unvergessene Harriet Wheeler von der lange verblichenen britischen 80er-Indiepopband The Sundays. Was war deren »READING, WRITING AND ARITHMETIC« doch für ein großartiges Album!
Wer einen Brotjob, eine Hauptband und noch tausend andere Dinge zu tun hat, der kommt meistens erst spätabends dazu, seine eigenen Songs zu schreiben. Genau so ergeht es Rami, dem Gitarristen und Sänger von Delay Trees. Wie die Mär es will (danke an das feine finnische Pop-Blog Glue für den Tipp!), hat Sami spät am Abend beim Fitzeln an seinen eigenen Songs auf die Uhr geschaut, und stets zeigte diese genau 23:23 Uhr an. Der junge Musiker beschloss, sein Soloprojekt nach dieser Uhrzeit zu nennen und die Schönheit in Alltagsdingen zu suchen. In zurückgenommen suchenden Songs, die man am besten hört, wenn die Müdigkeit schon in allen Gliedern hängt, die Sinne aber auf eine besondere Weise geschärft sind. Eine Gitarre, die gemächlich wie ein alter Gaul über die Prärie trabt, darüber Samis sanfte Stimme und eine unbestimmte Sehnsucht nach irgendeinem Ort, an dem das Herz endlich Ruhe findet – darum geht es in »Safe«, einer der ersten Kostproben aus der geplanten EP von 23:23. Schön nicht nur für dunkle Winterabende.
Neues gibt es auch von sehr alten Bekannten, um die es seit geraumer Zeit still geworden ist. Schuld am Schweigen der einzig wahren Erben der Smiths, nämlich Cats On Fire aus Turku, waren wohl auch der Ausstieg des Drummers und der Wechsel zum neuen Soliti-Label von Nick Triani. Mit dem umtriebigsten Briten Finnlands waren die Cats kürzlich im Studio und haben eifrig an ihren neuen Album gearbeitet, das voraussichtlich im Frühjahr 2012 erscheinen soll. Mit »My Sense Of Pride« gibt es jetzt den ersten Song als Vorgeschmack, in dem sich die blassen Nerds wieder als die stolzen Verlierer zeigen, die aus dem Verarbeiten von Enttäuschung eine eigene Kunstform machen. Ach, alles ist schon so lange hoffnungslos. »I´ve been an idiot for years«. Achja.
Eine frische Prise Fröhlichkeit tut nach so viel Nabelschau und Innerlichkeit Not, also, Bühne frei für die putzmunteren Nordlichter Satellite Stories aus Oulu. Mit einer Purzelbäume schlagenden, gummibärchenfrechen Gitarre und den lakonisch-coolen Vocals von Sänger Esa. Ganz entfernt erinnert das Quartett an die seligen Proclaimers, mit dieser Mischung aus Nerdtum und unwiderstehlicher Energie. Unvergessliche Momente wie den ersten feuchten Schmatz in der Grundschule dienen dem fröhlichen Quartett als Ansporn für ihr Treiben. Ungeniert machen sich die Provinzler über die hochnäsige Helsinkier Kunstszene lustig, und wenn irgendetwas schief geht, dann ist halt farbensprühende Feuerwerk schuld. Machen Laune, die unbekümmerten Jungspunde!