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Foto nordische Landschaft

17. Oktober 2007

Amiina in meiner Stadt

Normalerweise ist das Westwerk ein Kunstort, wenn es also dort Konzerte gibt, dann passen sie nur bedingt in das Schema leichtgläubiger Pop- oder Rockmusik. Stimmig daher, dass das Frauenquartett Amiina, derzeit unterwegs auf einer kleinen Europatournee, hier Halt machte und nirgendwo anders. Auf der Bühne ein roter, flauschiger Teppich ausgerollt, ansonsten allerlei Instrumentalitäten* all überall verteilt und noch bevor die Ladies sich blicken ließen, strömten gar seltsame Klänge durch den Raum: ein rauschendes Raunen, ein wisperndes Flüstern, ein unmerkliches Pochen und das alles hübsch ineinander gefügt.

So richtig auf der Bühne dann erhob sich ein Spektakel der Langsamkeit und der Eindringlichkeit und auch der wohlgesetzten Pausen und das Publikum durfte lernen, dass wenn es sich so anhört, als sei eine Amiina-Komposition zu Ende, sie noch lange nicht zu Ende sein muss.

Der Musikerinnenfüße steckten in seltsamen Riemchenschühchen, dazu trugen sie nicht weniger fremde und streng geschnittene Kleider in kräftigen Farben und unendlich schüchtern hauchten sie dazu zuweilen ein ‚Welcome’, ein ‚this is our second last song’ und ‚you are a great audience’ ins Publikum, das sie einfach nicht gehen lassen wollte, so benommen es bei den nächsten Klängen auch wieder war.

Was ein Abend, was für eine Chance, doch besser an Elfen zu glauben, was für ein Genuss sowieso und was für ein Beweis auch, dass das Glück sich anhört wie ein Abend mit Amiina.

*ein Glockenspiel, ein vergleichsweise normales Schlagzeug, elektrische Geigen, ein elektrischer Bass, dessen Akkorde auch schon mal auf einen Loop geworfen wurden; dazu Weingläser mit Wasser gefüllt, eine singende Säge, eine handliche Harfe, ein Akkordeon und diverse Tastenapparaturen, aus denen es elektrisch zauberte plus ein Kinderklavier, eine normale E-Gitarre, ein Xylophon und noch eines, ein wenig kleiner sowie den Gesang bitte nicht zu vergessen.

15. Oktober 2007

The School entdecken die Überholspur

Im Erdkunde-Unterricht aufpassen ist nicht völlig verkehrt. Dass wir in der Schule für das Leben lernen, klingt fürchterlich altmodisch, ist aber hin und wieder sehr wahr. Etwa wenn es darum geht, die Entfernung zwischen Berlin und Frankfurt abzuschätzen. »Wir dachten, dass das nur zwei Stunden Fahrt sind, deshalb sind wir nicht so richtig früh losgekommen«, bekennt ein leicht zerknirschter Stig Aarskog beim Konzert der norwegischen Postwavepunkgaragenrocker The School. Dass die Jungs gerade noch so einigermaßen rechtzeitig in der Bankenstadt ankommen, liegt laut Sänger Stig vor allem an einer Entdeckung: Es gibt reichlich Überholspuren auf deutschen Autobahnen!

Die 20 Konzertgänger im Frankfurter Nachtleben lassen sich ebensowenig wie die Band diesen Abend von schnöden Bildungslücken vermiesen. Tanzen, hüpfen und schwitzen sind angesagt! Wie nach dem Debütalbum »ESPIONAGE« zuvermuten ist, kommt diese superlebendige, unwiderstehlich treibende und ziemlich aufmüpfige Mischung zwischen 80er-Wave, ein wenig Two-Tone, viel knochentrockenem Rock und sehr selbstbewussten Keyboards live äußerst gut herüber. Von Coolness erfreulicherweise keine Spur. Aber dafür ein Riesenpotenzial an unverbrauchter Spielfreude, unbändiger Energie plus hohem Spaßfaktor. Zu Mädchenschwärmen taugen die Fünf aus Trondheim eher nicht, und das ist an diesem Abend absolut kein Nachteil. Diesen Part überlassen wir gerne den Mando Diaos dieser Welt.

In ihrer Heimat sind  The School übrigens schon Anfang des Jahres für den renommierten Spellemannpris nominiert worden, wo allerdings die Elektronik-Rocker 120 Days dann die Nase vorne hatten. Macht nichts, denn The School stehen gerade erst am Anfang und haben jede Menge Luft nach oben, wie sie an diesem Abend beweisen. Und das trotz mancher Tourblessuren: Basser Hoddevik trägt einen Verband ums Handgelenk. Das rotgelockte Kind hinter den Drums, das auf den schönen Namen Puppy hört und aussieht wie höchstens 17, das klebt sich nach dem Konzert Pflaster um die Finger. Das Leben als Rocker auf Tour ist eben ein Abenteuer. Bitte bald wiederkommen, Jungs!

09. Oktober 2007

Sara Indrio in meiner Stadt

Montag ist nicht unbedingt ein glücklicher Tag, um ein Konzert auszurichten, selbst in einer Stadt wie der meinigen, die sich neuerdings zur Metrozone aufschwingen will und sich womöglich bald für den Nabel der Welt hält. Auch nützte es nicht viel, dass jede plakattaugliche Wand mit dem Hinweis auf das erste Hamburg-Konzert der hierzulande noch weitgehend unbekannten Sägerin Sara Indrio bedacht worden war: Nur eine kleine Gruppe unerschrockener Konzertgänger fand sich im illustren Knust ein und verteilte sich dort entsprechend großflächig, was wiederum Vorsänger und Songwriter Labrador zu der hübschen Bemerkung inspirierte: Manchmal fragt man sich wirklich, ist das Glas noch halbvoll oder ist es schon halbleer? Er entschied sich dann doch für ersteres und spielte ein paar verlorene, sehr stille Songs, was sehr gut passte, bot Sara Indrio doch hernach das schlichte Gegenteil: richtig bodenständigen Rock.

Das war auch insofern eine schöne Geste wie Überraschung, ist ihre Debüt-CD doch zuweilen etwas zu glatt, zu lieblich, zu brav ausgefallen, auch wenn man hier und da heraus zu hören meint, das weit mehr in ihr steckt. Und da war es dann, das Kraftvolle, das Burschikose und selbst ihre Balladen, die es naturgemäß etwas langsamer mögen, auch sie durften sich ein wenig sputen.

Und sie ackerte und rackerte, wie das ein Profi eben vor wenigen Gästen macht und erzählte, wie sie damals mit der Familie im noch buckeligen Volvo von Kopenhagen nach Italien in den Urlaub düste und das Beste auf der Durchreise wäre stets das german GASTHAUS gewesen, das irgendwo auf der Strecke lag und wo man Halt machte. Und weiter ging’s, sogar eine Zugabe erklatschten sich die Wenigen, die beim nächsten mal zu mehreren sein dürften und es blieb die solide Erkenntnis: Sie ist eine richtig gute Livemusikerin und ihre Bandburschen, die sind es auch.

08. Oktober 2007

Radiohören im Oktober (2007)

Lange muss der radiophone Nordfan diesmal im Programmheft von Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk blättern, will er fündig werden. Gibt es denn so gar keinen Jazz, gar keinen Rock oder Pop aus dem Norden, auf den hinzuweisen wäre? Und noch mal von vorne geschaut, mit aller Aufmerksamkeit: Nein, viel ist es nicht, was anzustreichen ist.

Außer dann doch einem Jazzabend mit Jan Lundgren am Piano, eine Aufnahme vom JazzBaltica Festival in diesem Sommer (Montag, 8.10., 21.05 Uhr, auf Deutschlandfunk). Oder die Aufführung der Sonate für Klavier für Violine und Klavier, Nr. 3, c-moll, op 45 von Edvard Grieg (auch hier im Deutschlandfunk, Donnerstag, 11.10., sehr früh, nämlich 4.00 Uhr.

Einen Tag später ist dann ebenfalls am dortigen Ausstrahlungsplatz das Stück „Dinosaurus“ für Akkordeon und Tape von Arne Nordheim zu hören (Freutag, 12.10., ab 3.00 Uhr). Noch mal früher und langsam Richtung Mitternacht vorrückend: Jean Sibelius’ „Malinconia“ für Violoncello und Klavier, op. 20: Donnerstag, 25.10., 2.05 Uhr, wiederum auf dem Platz des Deutschlandfunks.

Und dann findet sich doch eine kleine Kostbarkeit, eine echte Besonderheit, die eben nicht oft zu hören ist: Die Komposition “Abschiedssymphonie op. 177“ von Henning Christiansen (Donnerstag, 25.10, ab 0.05 Uhr, und diesmal auf Deutschlandradio Kultur).

Christiansen ist einer der führenden Vertreter der Fluxus-Bewegung und so hilft ihm denn Nam June Paik am Klavier aus, während ein gewisser Joseph Beuys per Telefon hinzu geschaltet wird. Das kann sehr heiter und seltsam werden.

03. Oktober 2007

Rotkäppchen, rauchfrei: Ai Phoenix in Darmstadt

Es ist wie im Sommer. Anfang Oktober im Sommerjäckchen vorm  603qm lungern, Bekannte und Unbekannte treffen, leise reden. Warum stehen die Leute draußen? Weil sich das Warten auf die schüchternen Norweger Ai Phoenix unter Nachthimmel abends um viertel nach zehn draußen besser besser ertragen lässt? Nein, es ist ein historischer Tag: Endlich Rauchverbot  in hessischen Kneipen und Konzertsälen, endlich das, was Schweden, Finnland, Spanien, Italien, Irland und sogar Baden-Württemberg bereits geschafft haben. Danke, Roland Koch, Sie Trantüte! Endlich nicht mehr vom Konzert nach Hause kommen und stinken wie eine Packung Marlboro.

»Die sind superaufgeregt«, sagt die Frau an der Kasse auf die ungeduldige Nachfrage, wann es denn endlich losgeht. Ein Mann mit Gitarre schlurft auf die Bühne. Singersongwritert vor sich hin und entpuppt sich später als Mitglied des live-Line-Ups der Norweger. Seinen Namen habe ich leider schon wieder vergessen. Wird seinen Grund haben.

Darmstadt, Wissenschaftsstadt, steht auf den Ortsschildern, ist an diesen Abend Stadt der Kulturbanausen.  Wenn es mal 20 Leute im Publikum sind, dann ist das optimistisch gezählt. Wie schade, denn Rotkäppchen ist uns erschienen: Ai-Phoenix-Sängerin Mona Mørk im roten Folklore-Pulli und wippendem Alien-Haarreif. Sie haucht,  sie flüstert, sie fleht. Sie trinkt Tee aus einer viel zu großen Tasse und liefert sich die zärtlichsten musikalischen Duelle mit dem Gitarristen Patrick Lundberg. Sie schaffen es, an diesem frühlingshaften Oktoberabend eine märchenhafte, intensive Stimmung zu erzeugen. Langsam in Schönheit ersterben. Der Vergleich mit den kanadischen Cowboy Junkies drängt sich auf. Aber Mona Mørk ist auf eine allerliebste Weise viel schüchterner als Margo Timmins!

Wir stehen im Publikum und lächeln Unbekannte an. Wir lassen uns einfangen von den zauberischen Absonderlichkeiten des Pop.  Und der Allerempfindsamste im Raum ist Drummer Bosse Litsheim, der zwar aussieht wie Pierluigi Collina oder wie der Sänger von Midnight Oil für Nicht-Fußballfans, aber der auf eine so zarte und souveräne Art seinem Job nachgeht, dass sein großes Herz die Bühne zum Leuchten bringt. Kitschig? Und wenn schon!

Die 15 im Pubilkum lassem die Norweger nicht ohne Zugabe gehen. »A cover by Roxy Music«, kündigt Mona an. »Now the party is over«, flüstert sie ins Mikro und lässt uns alle rätseln. Welcher Song ist das nochmal? Mona verrät es erst später. »Das war doch Avalon!«. Wir haben es in ihrer verfremdeten Rotkäppchen-Fassung nicht erkannt.

 
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