09. September 2007
Sie kommen, sie kommen: Dänische Nacht auf der Popkomm
Was ist nur in diesem Jahr mit den Dänen los? Alle Naslang gibt es interessante neue Bands zu entdecken. Gerade sind wieder zwei völlig unterschiedliche, aber großartige Alben bei mir zur Rezension auf dem Schreibtisch gelandet: Die anarchischen, anspruchsvollen Rockgrenzgänger Slaraffenland und die wunderbar wütenden und hochpräzisen
Noisepopper Death By Kite (Foto), bei denen das Herz einfach schneller schlägt. Ach, und bei Slaraffenland spielen eineiige Zwillingsbrüder mit, wenn man einmal damit anfängt, sieht man plötzlich überall Zwillinge. :)
In anderthalb Wochen werden die Berliner Clubs im Rahmen der Popkomm wieder Schaufenster für aufstrebende Nachwuchsbands – und wer hat schon wie im vergangenen Jahr den Postbahnhof für einen Abend völlig in Beschlag genommen? Die Dänen natürlich! Die »Danish Music Night« findet gleich am ersten Popkommtag am 19. September statt. Es spielen alte Bekannte wie die Broken Beats um den abgedrehten Oberkreativler Kim Munk und das hochgehypte Nachwuchskrawallmacher-Kollektiv Dúné. Ebenfalls mit dabei: Dänemarks Indierockhoffnung Figurines mit der neuen Platte »WHEN THE DEER WORE BLUE« im Gepäck. Kollege Markus und ich mochten The Kissaway Trail letztens so sehr, dass deren aktuelle Scheibe als Kandidat für unsere CD des Monats auf »Nordische Musik« ins Rennen ging. Trotz heftigster Unterstützung von uns beiden unterlagen die Dänen beim internen Abstimnungsprozess knapp, und zu meinem Trost gibt es die Band jetzt live auf der Popkomm. Die vergleichsweise alten Recken von Saybia gehen als Headliner in die dänische Musiknacht, aber mehr gespannt bin ich auf die abgedrehten Electronicrocker Veto.
Am 20. September gibt es Nachschlag aus Hamlet-Land mit den vom der dänischen Presse als »Next Big Thing« bejubelten Synthiepopper Oh No Ono (naja!) und die Progrock-Haudegen The River Phoenix. Diese beiden Bands sind im Magnet Club zu hören.
Blicken wir noch ein bisschen in die Zukunft und blicken wir in Richtung der Weltstadt Hildesheim. Dort sitzt ein sehr aktiver Mensch namens Peter, der nicht nur bei Radio Tonkuhle Platten auflegt, sondern auch das immer wieder anregende Musikblog Schallgrenzen betreibt und ein ausgesprochener Fan dänischer Musik ist. Peter traut sich was und veranstaltet am 15. Dezember, also kurz vor Weihnachten, das erste Schallgrenzen-Festival.
Mit dabei sind drei in Deutschland noch relativ unbekannte dänische Indiepop-Bands wie düsteren und lebenshungrigen Late Night Venture, die elegischen Elektronik-Pathosjünger Volvoe und die wunderbaren Shoegaze-Herzschmerzer Windermere (Foto). Hildesheim ist seiner Zeit eben voraus, was Trends angeht.



Und neben ihren bewährten Begleitern – Keyboarder Bengt Hanssen und Drummer Helge Norrbakken – sind auch Gitarrist Hallgrim Bratberg und Bassist Sondre Meisfjord mit von der Partie – ihre volle Band also, mit der sie (aus Kostengründen?) meist nur in Norwegen tourt. Fein, denn die beiden Saiteninstrumente addieren zum Teil noch wilde Dramatik und sorgen einfach für mehr Druck. Auch wenn viele Songs den Besitzern der Studio-Alben keine neuen Interpretationen liefern: Kari Bremnes zieht den Hörer mit einer emotionalen Performance und ausgezeichnetem Sound in ihren Bann.
Die Zwillinge besetzen beide die Parts Vocals und Gitarre und sehen sich wirklich zum Verwechseln ähnlich! Deutschen Konzertgängern dürfte zumindest Claes Strängberg bekannt vorkommen: Der blonde Schlacks spielt Gitarre bei den Göteborger Postrockern
Es hebt die Popwelt nicht aus den Angeln, aber dieser unbeschwerte Powerpop, dieses ironische Understatement, diese Melodienverliebtheit machen einfach Laune. Elegant fügt die Band um das Gebrüderpaar Miko und Tuomas Valo (nein, wirklich nicht verwandt mit Ville Valo!) kauzig-verschrobene Elemente ein, was den Spaß noch steigert. Warum kennt bloß kein Mensch außerhalb Finnlands diese Band, die auch live sehr gut sein soll, wie Freunde glaubhaft versichern?
Wir machen alle zwei, drei Jahre eine Platte, und das machen wir mit Gusto und viel Liebe und ob wir dabei reich und berühmt werden, ist uns doch weitgehend egal. Wir machen das, weil uns das Spaß macht. Und das gibt uns eine ungeahnte Freiheit. Vielleicht klingen Rollstons-Alben wie das wunderbare »OUR GRAIN COULD FILL YOU STADIUM« genau aus diesem Grund so entspannt und souverän.
