Was wäre das publizistische Leben ohne Klischees? Und so wird wohl munter weiter der Unsinn verzapft werden, dass es in Skandinavien im Winter stockdunkel ist, alle Schweden blonde Haare haben und dieses Land nur Folkgruppen oder ruppigen Gitarrenrock à la Hellacopters und The Hives hervorbringt. Gegen diese Klischees anzukämpfen wäre dringend nötig, doch es ist ein aussichtsloser Kampf.
Nennen wir einige der kursierenden Mythen beim Namen:
Mythos 17: In Skandinavien regnet es ununterbrochen.
Bevorzugt wird dieses Statement über Bergen (siehe Foto rechts) – in der Tat die norwegische Stadt mit den meisten Regentagen – losgelassen, aber auch auf fast alle anderen norwegischen Orte wird es gern angewandt.
Beschäftigt man sich jedoch näher mit dem skandinavischen Klima, so stellt man fest, dass es in etwa dem norddeutschen Sommerklima ähnelt. Und über Hamburger Bands würde doch auch niemand sagen, dass sie vor lauter Wetter-Frust nur depressiv-melancholische Musik machen, oder?
Mythos 38: Alle Skandinavier wohnen in roten Holzhäuschen.
Jaja, das Pippi-Langstrumpf-Land. Blonde Jungen und noch blondere Mädels, wettergegerbte Bauern, die immer Zeit haben und freundlich sind; Elche, die auf der Wiese grasen und beim Frühstück ans Küchenfenster kommen. Willkommen im Ikea-Prospekt.
Einer der beliebtesten und wohl nie auszurottenden Klischees ist jedoch der
Mythos 1: In Skandinavien ist es ein halbes Jahr lang dunkel.
Beginnen wir mit zwei wahllos herausgegriffenen Beispielen bewusst geschürter Volksverdummung, obwohl es die Autoren hätten besser wissen müssen:
1.
Ein Schulbuchverlag bittet mich, Nordlicht- und winterliche Nachtfotos zur Verfügung zu stellen für ein Sachbuch zur Nacht. Wir werden uns schnell über das Honorar einig, und ich schicke einige Dias von winterlichen Nachtaufnahmen – nicht ohne in einem Begleitschreiben ausführlich darauf hinzuweisen, dass diese Bilder zwar während der sogenannten »Mørketid« (Dunkelzeit) entstanden sind, jedoch zur Nachtzeit. Und dass es in Nordskandinavien im Dezember und Januar trotzdem von etwa 10 bis 15 Uhr taghell ist, auch wenn die Sonne nicht über den Horizont steigt.
Als ich dann einige Monate später mein Belegexemplar von »Geheimnisse der Nacht« (Velber Verlag) in den Händen halte, trifft mich schier der Schlag. Eines meiner Nachtbilder ist folgendermaßen untertitelt: »14 Uhr ist es auf diesem Bild, also zwei Uhr nachmittags. Und doch scheint es finstere Nacht zu sein. Mond und Sterne sind am Himmel zu sehen. Es ist Polarnacht, die dunkelste Zeit im Norden.«
Der Bildtitel zu einem anderen Nachtbild von der kleinen Vesterålen-Siedlung Nyksund (siehe Foto oben) lautet: »Alle Häuser werden hell erleuchtet. Und der Schnee strahlt das Licht zurück. Ganz dunkel ist es also nicht in den Polarnächten.« Hat man da noch Worte? Die wichtigste Aufgabe eines Schulbuchverlags sollte es doch sein, Kinder und Jungendliche aufzuklären und nicht anzuschwindeln!
2.
Die Tromsøer Band Washington veröffentlicht ihr Album »A NEW ORDER RISING«; es erscheint in Deutschland bei Glitterhouse: melancholische Musik, die an Midnight Choir und ähnliche Pop-Grübler erinnert. Der der CD beiliegende Pressetext beginnt mit folgenden Worten: »Tromsø liegt nördlich des Polarkreises. Also etwa auf einer Höhe mit Nord-Alaska und Sibirien. Hier ist es kalt, bitterkalt. Und pro Jahr etwa sieben Monate lang stockduster. Doch wo es am dunkelsten ist, strahlen die Sterne am hellsten. Aufgang Washington.«
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