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Foto nordische Landschaft

23. Oktober 2007

Land unter: Reeperbahnfestival im Regen

Böse Zungen behaupten ja, der Hamburger habe Kiemen.
Die Besucher des diesjährigen Reeperbahnfestivals hätten sie jedenfalls brauchen können: Das »Hamburger Schietwetter« bestätigte seinen Ruf mustergültig.Beschränkte sich der Freitag noch auf eine regnet-Bindfäden-bis-gießt-aus-Kübeln-Mischung, so entluden sich am Samstag sintflutartige Wassermassen.

reeperbahn

Der Ticketverkauf zeigte erstaunlicherweise: 2007 wurden deutlich mehr Tagestickets, mit denen die Besucher von Club zu Club ziehen konnten, abgesetzt. Im vergangenen Jahr lag der Schwerpunkt noch bei den Venuetickets für die einzelnen Clubs. Blieb nicht dennoch der Großteil der Teil der Musikliebhaber ganz einfach in dem jeweiligen Club? Oder folgten die Käufer tatsächlich dem Grundgedanken der Veranstaltung, mehr als 100 Bands in 12 Clubs sehen zu können, zogen trotz Regen rund um die Reeperbahn?

Auf die Frage »Hat sich das Regenwetter negativ ausgewirkt?« antwortete der Projektleiter des Reeperbahnfestivals, Detlef Schwarte mit einem: »Das lässt sich schwer sagen. Generell hatten wir nicht den Eindruck, dass viele abgeschreckt wurden. Sicher hat das hoppen von Club zu Club darunter etwas gelitten«. Und so entsprach die diesjährige Besucherzahl mit 12.000 Besuchern trotzdem den Erwartungen der Betreiber.

»Land unter« hieß es aber für den Spielbudenplatz am Samstag, bitter für die Bands die dort auftraten. Dem Rahmenprogramm, wie der Posterausstellung »Flatstock Europe« hätten ein paar Sonnenstrahlen sicherlich gut getan, ebenso den angebotenen »Beatles-Touren«.

reeperbahn, spielbudenplatz

Aber welch Horrorszenario hätte (zu) schönes Wetter ausgelöst: Statt einem 'es regnet in Strömen, bleiben wir doch hier'-Gedanken, geisterte ein 'wie schaffe ich es nur von Band A im Club X rechtzeitig zur Band B in Club Y zu kommen?' durch den Kopf. Durchgeschwitzt, mit heraushängender Zunge stünde der Besucher nun vor Club Y, nur um dort ein »nichts geht mehr« zu hören, weil der Clubs bis zum Anschlag voll wäre.  

So oder so hatte der geneigte Musikfreund schon die Qual der Wahl: Lieber einen vielversprechenden Newcomer entdecken (»ich war dabei, als ihn noch keiner kannte!«) oder besser die Chance nutzen, den etablierten Künstler in lockerer Clubatmosphäre zu genießen (»das war 'ne total lässige Show, damals auf dem Kiez«)? Genau diese Mischung macht den Charme des gerade mal zweijährigen Festivals aus.

Die Kriterien nach denen die Bands ausgewählt werden, verrät Detlef Schwarte: »Wir präsentieren 'New International Music'. Dabei sind gleichermaßen wichtig: Der Neuigkeitswert (spielt der Künstler erstmals in Deutschland/Hamburg, hat er gerade eine neue Platte veröffentlicht), die Qualität, die Reputation (sprich Erfolg im Herkunftsland, Presseecho)«. Und schließlich soll außerdem die Stilrichtung zum Charakter des Festivals passen, die Palette der Veranstalter lautet: Indie, Rock, Pop, Elektro, Reggae, HipHop.

Womöglich, ja hoffentlich, seufzt mancheiner auch näxtes Jahr: Ach, wenn man sich nur teilen könnte. Denn vielleicht folgt ein Reeperbahnfestival 2008, so Detlef Schwarte: »Wir hoffen, dass wir es wieder veranstalten können. Das hängt aber zum Teil auch von öffentlichen Zuschüssen ab, die gewährt werden müssen«.
 
Rock on, Reeperbahn!

Fotos © natte 

22. Oktober 2007

Auf der Reeperbahn: International Noise Conspiracy und The Ark

Vom 27. bis 29. September herrscht Ausnahmezustand rund um die Reeperbahn: Musikfreunde schwärmen durch die Straßen, unterwegs von Club zu Club – und verwirren die üblichen Kiezbesucher aus den Provinzen aller (Bundes)Länder.

Auf dem dreitägigen Reeperbahnfestival spielen auch jede Menge nordischer Künstler; der zweite Tag, Freitag 28. September, ist fest in schwedischer Hand – zumindest im »Musikbunker«: Anna Ternheim, The (International) Noise Conspiracy und The Ark teilen sich heute Abend im »Uebel & Gefährlich«. die Bühne nur mit den kanadischen Stars.

hochbunkerEtwas weiter entfernt vom Kiez, direkt am Heiligengeistfeld liegt der gewaltige Hochbunker. Statt Konzerten im Untergrund erwartet den Besucher nach Betreten des Kolosses ein Schild: »Bitte Aufzug ins 4.OG benutzen«. Clubangestellte spielen Liftboy und eskortieren die Meute in den vierten Stock. Der großzügige, mit originellen Wandmalereien dekorierte Konzertraum hat nur einen Nachteil: Er ist so verwinkelt, dass mehrere Gäste auf der Suche nach den Toiletten die Tür zum Getränkelager öffnen, eine Besucherin fragt sogar nach dem Weg zum Ausgang – vielleicht verdankt sie ihre vorübergehende Desorientierung auch nur den gut bestückten Bars. Kompletten Beitrag lesen …

17. Oktober 2007

Tampere mal zwei: Day Eleven und Negative im Substage

Donnerstag 20. September. Der erste Gedanke beim Betreten des Substage: Ist das leer hier. Anscheinend sind Negative doch nicht so angesagt– und die Vorband Day Eleven dürften in Deutschland nur wenige kennen.

day eleven, negative, substage

Dank der familiären Atmosphäre ergattern die überwiegend weiblichen Besucher problemlos Plätze in den ersten Reihen. Wie erwartet in Schwarz gewandet, mit ein paar Leopardenflecken, Streifen, Sternchen oder neonrosa Tüll aufgemotzt, warten sie dort auf die Tamperianer …während die männlichen Besucher ebenso problemlos einen Platz an der Bar ergattern – und dort warten.

DAY ELEVEN

day eleven. substage

Mit leichter Verspätung betreten Day Eleven die Karlsruher Bühne, rocken mit »Blood Runs Thick« vom aktuellen »SLEEPWALKERS«-Album los. Apropos Album: Auf Tonträger klingen die Jungs deutlich besser, live bleiben sie (guter) Durchschnitt. Nichtsdestotrotz feiert das Publikum die Jungs – jaja, der Finnen-Bonus –, klatscht nicht nur nach, sondern auch zu den Rocksongs.

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17. Oktober 2007

Amiina in meiner Stadt

Normalerweise ist das Westwerk ein Kunstort, wenn es also dort Konzerte gibt, dann passen sie nur bedingt in das Schema leichtgläubiger Pop- oder Rockmusik. Stimmig daher, dass das Frauenquartett Amiina, derzeit unterwegs auf einer kleinen Europatournee, hier Halt machte und nirgendwo anders. Auf der Bühne ein roter, flauschiger Teppich ausgerollt, ansonsten allerlei Instrumentalitäten* all überall verteilt und noch bevor die Ladies sich blicken ließen, strömten gar seltsame Klänge durch den Raum: ein rauschendes Raunen, ein wisperndes Flüstern, ein unmerkliches Pochen und das alles hübsch ineinander gefügt.

So richtig auf der Bühne dann erhob sich ein Spektakel der Langsamkeit und der Eindringlichkeit und auch der wohlgesetzten Pausen und das Publikum durfte lernen, dass wenn es sich so anhört, als sei eine Amiina-Komposition zu Ende, sie noch lange nicht zu Ende sein muss.

Der Musikerinnenfüße steckten in seltsamen Riemchenschühchen, dazu trugen sie nicht weniger fremde und streng geschnittene Kleider in kräftigen Farben und unendlich schüchtern hauchten sie dazu zuweilen ein ‚Welcome’, ein ‚this is our second last song’ und ‚you are a great audience’ ins Publikum, das sie einfach nicht gehen lassen wollte, so benommen es bei den nächsten Klängen auch wieder war.

Was ein Abend, was für eine Chance, doch besser an Elfen zu glauben, was für ein Genuss sowieso und was für ein Beweis auch, dass das Glück sich anhört wie ein Abend mit Amiina.

*ein Glockenspiel, ein vergleichsweise normales Schlagzeug, elektrische Geigen, ein elektrischer Bass, dessen Akkorde auch schon mal auf einen Loop geworfen wurden; dazu Weingläser mit Wasser gefüllt, eine singende Säge, eine handliche Harfe, ein Akkordeon und diverse Tastenapparaturen, aus denen es elektrisch zauberte plus ein Kinderklavier, eine normale E-Gitarre, ein Xylophon und noch eines, ein wenig kleiner sowie den Gesang bitte nicht zu vergessen.

15. Oktober 2007

The School entdecken die Überholspur

Im Erdkunde-Unterricht aufpassen ist nicht völlig verkehrt. Dass wir in der Schule für das Leben lernen, klingt fürchterlich altmodisch, ist aber hin und wieder sehr wahr. Etwa wenn es darum geht, die Entfernung zwischen Berlin und Frankfurt abzuschätzen. »Wir dachten, dass das nur zwei Stunden Fahrt sind, deshalb sind wir nicht so richtig früh losgekommen«, bekennt ein leicht zerknirschter Stig Aarskog beim Konzert der norwegischen Postwavepunkgaragenrocker The School. Dass die Jungs gerade noch so einigermaßen rechtzeitig in der Bankenstadt ankommen, liegt laut Sänger Stig vor allem an einer Entdeckung: Es gibt reichlich Überholspuren auf deutschen Autobahnen!

Die 20 Konzertgänger im Frankfurter Nachtleben lassen sich ebensowenig wie die Band diesen Abend von schnöden Bildungslücken vermiesen. Tanzen, hüpfen und schwitzen sind angesagt! Wie nach dem Debütalbum »ESPIONAGE« zuvermuten ist, kommt diese superlebendige, unwiderstehlich treibende und ziemlich aufmüpfige Mischung zwischen 80er-Wave, ein wenig Two-Tone, viel knochentrockenem Rock und sehr selbstbewussten Keyboards live äußerst gut herüber. Von Coolness erfreulicherweise keine Spur. Aber dafür ein Riesenpotenzial an unverbrauchter Spielfreude, unbändiger Energie plus hohem Spaßfaktor. Zu Mädchenschwärmen taugen die Fünf aus Trondheim eher nicht, und das ist an diesem Abend absolut kein Nachteil. Diesen Part überlassen wir gerne den Mando Diaos dieser Welt.

In ihrer Heimat sind  The School übrigens schon Anfang des Jahres für den renommierten Spellemannpris nominiert worden, wo allerdings die Elektronik-Rocker 120 Days dann die Nase vorne hatten. Macht nichts, denn The School stehen gerade erst am Anfang und haben jede Menge Luft nach oben, wie sie an diesem Abend beweisen. Und das trotz mancher Tourblessuren: Basser Hoddevik trägt einen Verband ums Handgelenk. Das rotgelockte Kind hinter den Drums, das auf den schönen Namen Puppy hört und aussieht wie höchstens 17, das klebt sich nach dem Konzert Pflaster um die Finger. Das Leben als Rocker auf Tour ist eben ein Abenteuer. Bitte bald wiederkommen, Jungs!

 
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