05. Juni 2006
Herzensbrecher
Darf die Kritikerin schwärmen? Bei Konzerten einen verklärten Blick haben und ein himmlisches Lächeln im Gesicht? Ja klar, sie darf. Finde ich. Vor allem wenn es sich um Tiger Lou handelt. Wie Herr Kellermann und seine Band es jedes Mal schaffen, noch ein Stückchen besser zu sein als beim letzten Konzert…das ist erstaunlich. Und ganz wunderbar.
Heimspiel in Darmstadt, in der heimelig-heruntergekommenen Atmosphäre der Oetinger Villa, einem wilhelminischen Schauerschloss, wo sich Werwölfe und schlafwandelnde Jungfrauen wohlfühlen dürften. Ein selbstverwaltetes Jugendzentrum, geprägt durch seinen improvisierten Charme, immer wieder bedroht durch städtische Begehrlichkeiten.
Firefox AK. die Band von Kellermann-Gattin Andrea, beginnt den Abend. Wirkt gereifter, kompakter, auf dem Weg zu sich selbst als Band. Spielte Andrea im vergangenen Jahr noch allein, nur begleitet von allerlei technischem Schnickschnackgerät, hat sie heute Keyboarderin und Bassisten dabei. Noch fehlt der letzte Funke, um wirklich mitzureißen. Aber die kleine Frau steht selbstbewusst auf der Bühne, ist härter geworden, gewachsen als Sängerin. Das kann noch was werden. Und zum letzten Song springt noch ein schmaler, blasser junger Mann im kreuzbraven karierten Hemd auf die Bühne und singt Backup. »Hoffentlich tauscht Tige Lou sein Hemd noch aus, das ist ja furchtbar«, maunzt meine Freundin Sabine.
Rasmus Kellermann tut ihr den Gefallen und erscheint wie der Rest von Tiger Lou in schwarz auf der Bühne. Und sämtliche Kritik an Äußerlichkeiten wird unerheblich. Das zweite Album »THE LOYAL« bildet das Rückgrat des Abends. Heftiger, emotionaler, rockiger als der sanftere, verträumtere Erstling »IS MY HEAD STILL ON?«. Tiger Lou, der unermüdliche Tourer, hat in den letzten Jahren ein Fundament gelegt. Das Darmstädter Publikukum singt mit, tanzt und feiert die Schweden, die als Band in den letzten Monaten noch stärker zusammengewachsen sind. Aber geprägt sind durch Intensität, Talent und Ernsthaftigkeit von Kellermann, der die Zuneigung des Publikums heftig erwidert, sich die Seele aus dem Leib singt, zwischendurch gekonnt mit den Konzertgängern flirtet. Von dem ein Strahlen ausgeht, das sich auf den ganzen Saal überträgt. »Er bricht uns doch jedes Mal das Herz«, sagt Sabine, lächelnd, nassgeschwitzt wie der Rest des Publikums. Nichts anderes haben wir erwartet.
Bitte bald wiederkommen. Von euch kriegen wir so schnell nicht genug.


Es gibt Alben, die beinhalten einfach zu viele Hits. Das Franz Ferdinand-Debüt ist so ein Beispiel. Mit »Darts Of Pleasure«, »Michael«, »Take Me Out«, »This F-F-Fire« und »Matinee« koppelte man im lustigen Dreimonats-Takt eine Single nach der anderen aus. Fünf Singles out of elf.
… zumindest in bestimmten Disziplinen.
Die Goldgräberzeiten sind vorbei. Dauertrunkene Champagnerschürfer, verprasste Marketingmillionen und hoch dotierte Verträge – die Musikindustrie war noch vor wenigen Jahren das wahre Wirtschaftswunder. So schien es wenigstens, denn hinter der schillernden, penetrant fröhlichen und jederzeit gut frisierten Fassade wollten viele den siechenden Untergang des Großprofits nicht wahr haben. Erst fünf nach zwölf donnerten die Glocken und ließen die oberen Etagen den Prosecco fallen: tiefrot gefärbte Zahlen und ein Publikum, dass immer mehr Download und Nero Burning Rom für sich entdeckte, trieb den Angstschweiß auf die Stirn. 65% aller Labelangestellten in Deutschland verloren ihren Job. Fusionen und Insolvenzen standen an der Tagesordnung. Das späte Erwachen hatte seinen Preis.
In Zeiten, wo das Internet einen zweiten Boom erlebt und Werbung auf Websites wieder richtig Geld in die Kasse bringen kann, findet man nun selbst auf den ödesten Prtivat-Websites, deren einziger Inhalt aus zweimal jährlich ergänzten, unscharf-unterbelichteten Urlaubs-Fotos besteht, haufenweise Goodle-Ads und Banner-Geflicker. Was dabei jedoch von den Betreibern übersehen wird: Die aus der Online-Werbung erwirtschafteten Moneten werden mit einem Verlust an Wertigkeit und – wenn das Angebot aus journalistisch unabhängigem Inhalt besteht – einer Einbuße an Glaubwürdigkeit erkauft. Ist es das wert?